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Kritik · Kinostart: 20.7.2023

Barbie Kritik: Ein pinkes Traumhaus mit Rissen in der Wand

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Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der Film über eine Spielzeugpuppe zu den meistdiskutierten Kinoereignissen der letzten Jahre gehören würde? Greta Gerwigs Barbie ist eine bissige Komödie im pinken Geschenkpapier, die gleichzeitig unterhält und ihr Publikum piesackt. Perfekt ist sie nicht, aber selten hat man hinter einer so gewaltigen Marketingmaschine so viel eigene Stimme gehört.

8,2/10
Wertung
Ein kluger, lustiger und überraschend persönlicher Studiofilm, der sich manchmal selbst zu sehr erklärt. Wegen Ryan Goslings Ken trotzdem ein Pflichttermin.
Story
7
Schauspiel
9
Regie
8
Optik
10
Musik und Ton
8
Emotionen
7

Die Gesamtwertung ist der Durchschnitt der sechs Kriterien.

Barbie: Trailer

Filmdaten

Kinostart in Deutschland20.7.2023
RegieGreta Gerwig
BesetzungMargot Robbie, Ryan Gosling, America Ferrera, Ariana Greenblatt, Issa Rae, Kate McKinnon
GenreKomödien, Abenteuerfilme, Fantasyfilme
Laufzeit114 Min.
FSK6
LandBritische Filme, Amerikanische Filme

Worum geht es? Spoilerfrei und in Pink

Barbie und Ken leben in ihrer bunten, scheinbar perfekten Welt. Jeder Tag ist gleich schön, jedes Lächeln sitzt, und genau so soll es dort auch sein. Dann bietet sich eine Gelegenheit: Die beiden können hinüber in die echte Welt, mitten unter die Menschen. Dort merken sie schnell, dass das Menschsein zwar seine Freuden hat, aber auch jede Menge Gefahren.

Mehr muss man vorab gar nicht wissen. Die Stärke des Films liegt gerade darin, in welche Richtungen er diese einfache, fast märchenhafte Ausgangslage weiterspinnt. Wer reine Spielzeugwerbung erwartet, wird überrascht sein. Wer ein schweres Gesellschaftsdrama erwartet, allerdings auch. Gerwig tanzt irgendwo dazwischen, und zwar auf High Heels.

Margot Robbie: Die Puppe, die anfängt nachzudenken

Margot Robbie als Barbie ist eine geniale Besetzung, und das sage ich nicht wegen des Plakats. Robbie weiß ganz genau, wann sie Plastik sein muss und wann aus diesem Plastik ein bisschen etwas Echtes heraussickern darf. Im ersten Drittel ist ihr starres, makelloses Lächeln schon für sich ein Gag, später bekommt genau dieses Gesicht eine völlig andere Bedeutung.

Das ist keine leichte Aufgabe: Man muss eine Figur menschlich machen, die jeder kennt, an die aber nie jemand als echte Filmfigur gedacht hat. Robbie zwinkert dem Publikum nicht ständig zu, sondern nimmt Barbie ernst, und gerade deshalb funktioniert der Humor. Auch die übrigen Barbies, gespielt von Issa Rae, Kate McKinnon, Alexandra Shipp und Emma Mackey, bringen diese glitzernde, leicht groteske Gemeinschaft wunderbar auf den Punkt. Kate McKinnon stiehlt besonders gern die Szenen, was bei ihr niemanden wundern dürfte.

Ken. Einfach nur Ken.

Wenn alle eine Sache aus dem Kino mit nach Hause nehmen, dann Ryan Gosling. Sein Ken ist das größte Geschenk dieses Films: erbärmlich, rührend, nervig und unfassbar komisch zugleich. Gosling, den viele eher aus stillen, grüblerischen Rollen kennen, stürzt sich hier mit voller Wucht in die Komödie und genießt sichtlich jede Minute.

Ken ist nicht bloß Barbies Anhängsel, er hat seine eigene Krise und seine eigenen Sehnsüchte. Gosling spielt das so, dass man gleichzeitig über ihn lacht und Mitleid mit ihm hat. So etwas sieht man selten, und ehrlich gesagt halte ich das für die beste schauspielerische Leistung im ganzen Film, obwohl die Konkurrenz stark ist.

Aus der echten Welt bringen America Ferrera als Gloria und Ariana Greenblatt als Sasha den bodenständigeren Ton hinein. Ferrera bekommt einen Moment, über den viele gesprochen haben, und man versteht sofort, warum: Das Herz des Films schlägt manchmal nicht in der pinken Kulisse, sondern bei ihr.

Greta Gerwig bricht in den Spielzeugladen ein

Greta Gerwig hat sich zuvor mit feinen, menschlichen Filmen wie Lady Bird und Little Women einen Namen gemacht. Dass ausgerechnet sie einen Barbie-Film inszeniert, wirkte auf den ersten Blick wie eine seltsame Paarung. Im Nachhinein kann man sich kaum vorstellen, dass irgendjemand sonst den Ton so gut getroffen hätte.

Gerwig geht auf ihre Art frei mit dem Stoff um. Da ist Spott, da ist Zuneigung, und da ist auch eine ordentliche Portion ehrlicher Verunsicherung rund um Weiblichkeit, Erwartungen und das Erwachsenwerden. Die Optik ist schlicht umwerfend: Barbieland sieht aus, als wäre die Spielzeugkiste aus Kindertagen zum Leben erwacht. Bewusst künstlich, aber bis ins letzte Detail durchdacht. Diese greifbare, kulissenhafte Welt ist bei großen Studioproduktionen heute selten geworden, und es tut richtig gut, sie zu sehen.

Zu Musik und Stimmung nur so viel: Der Film weiß, wann getanzt wird und wann es kurz still werden muss. Die Songs sitzen, und einige Szenen explodieren regelrecht mit Musical-Energie.

Wo knickt der High Heel um?

Ich bin kein blinder Fan, und auch Barbie hat ihre Schwachstellen. Die größte: Der Film traut seinem Publikum manchmal zu wenig zu. Was Bilder und Situationen längst erzählt haben, wird hin und wieder noch einmal ausgesprochen und obendrein erklärt. Dann verliert die Satire an Schärfe, und das Ganze wirkt eher wie ein Referat als wie eine Komödie.

Die meisten der 114 Minuten fliegen nur so dahin, in der zweiten Hälfte gerät der Rhythmus aber etwas ins Stocken. Viele Handlungsstränge laufen parallel, und nicht alle bekommen genug Raum. Einige Figuren aus der echten Welt sind eher Ideen als ausgearbeitete Charaktere. Das ruiniert nichts, aber man spürt, dass ein etwas strafferer Schnitt dem Film gutgetan hätte.

Und dann ist da natürlich das große Paradox: Hier kritisiert ein Film die Konsumkultur und ist gleichzeitig eines ihrer Paradeprodukte. Gerwig ist sich dessen bewusst und thematisiert es auch, die Frage hängt trotzdem im Raum. Für mich macht das den Film eher interessanter als schwächer, aber ich kann verstehen, wenn es jemanden stört.

Für Kinder, für Erwachsene oder für beide?

Die pinke Verpackung mag auch kleine Kinder anlocken, doch ein Großteil der Pointen und die tieferen Ebenen richten sich klar an Erwachsene oder zumindest an ältere Kinder. Ein kleines Kind wird vermutlich die Farben und die Tanzszenen genießen und sich beim Rest langweilen.

Mit Teenagern dagegen ist Barbie ein richtig guter gemeinsamer Kinoabend, weil man danach viel zu besprechen hat. Und erwachsene Zuschauer, vor allem diejenigen, die selbst mit Barbie aufgewachsen sind oder sich über sie geärgert haben, können den Film als ganz persönliches Erlebnis erfahren.

Für wen ist der Film?

Wenn er dir gefällt, schau auch: Lady Bird (2017), Little Women (2019), Die Truman Show (1998), The LEGO Movie (2014), Verwünscht (2007)

Häufige Fragen

Wann ist Barbie in den deutschen Kinos gestartet?

Barbie lief am 20. Juli 2023 in den deutschen Kinos an.

Wie lang ist Barbie?

Der Film dauert 114 Minuten.

Wer hat Barbie inszeniert?

Regie führte Greta Gerwig.

Wer spielt in Barbie mit?

Margot Robbie spielt Barbie, Ryan Gosling ist Ken. Außerdem dabei sind America Ferrera als Gloria und Ariana Greenblatt als Sasha sowie Issa Rae, Kate McKinnon, Alexandra Shipp und Emma Mackey, die ebenfalls Barbies verkörpern.

Worum geht es in Barbie?

Barbie und Ken leben in ihrer bunten, scheinbar perfekten Welt, bis sie die Chance bekommen, in die echte Welt zu wechseln. Dort lernen sie die Freuden, aber auch die Gefahren des Lebens unter Menschen kennen.

Lohnt es sich, für einen Abend nach Barbieland zu ziehen?

Ja, und zwar nicht nur, weil alle darüber gesprochen haben. Barbie ist einer dieser seltenen Blockbuster, bei denen man merkt, dass jemand wirklich etwas zu sagen hatte. Manchmal sagt der Film es zu laut, manchmal zu oft, aber seine Begeisterung steckt an, die Bilder sind überwältigend, Margot Robbie ist makellos und Ryan Gosling schlicht phänomenal. Wer ihn bisher ausgelassen hat, weil er ihn für Spielzeugwerbung hielt, sollte ihm eine Chance geben. Vielleicht ist gerade er am Ende am meisten überrascht.

Wertung: 8,2/10 · Story 7 · Schauspiel 9 · Regie 8 · Optik 10 · Musik und Ton 8 · Emotionen 7