Pier Paolo Pasolini: Seine Filme zwischen Skandal, Mythos und Vorstadt
Pier Paolo Pasolini hat das italienische Kino so gründlich aufgewühlt wie kaum ein anderer Regisseur. Seine Filme reichen vom rauen Elend der römischen Vorstädte über antike Tragödien bis zum wohl verstörendsten Werk der Filmgeschichte. Hier findest du die zwölf Titel, mit denen du dieses Werk am besten erkundest.
Wer sich zum ersten Mal mit Pier Paolo Pasolini beschäftigt, merkt schnell: Dieser Mann hat keinen Film gedreht, um gemocht zu werden. Er filmte Laien aus den Armenvierteln Roms, ließ Jesus von einem unbekannten jungen Mann spielen, besetzte die Operndiva Maria Callas als rachsüchtige Medea und schickte den großen Komiker Totò mit einem sprechenden Raben auf Wanderschaft. Dazwischen liegen derbe, lebenslustige Mittelalterepisoden und am Ende ein Film, der bis heute Diskussionen auslöst. Langweilig wird es bei ihm nie, bequem allerdings auch selten.
Unsere Liste ist bewusst breit angelegt. Du findest frühe Dramen, Mythenverfilmungen, eine Dokumentation, die komplette Trilogie des Lebens und den berüchtigten Abschluss. Ein Hinweis vorab zum Streaming: Laut JustWatch (Stand 09.10.2026) sind nur zwei der Filme in einem Flatrate-Abo verfügbar. Bei allen anderen lohnt sich der Blick auf Leihangebote oder Heimkino-Editionen.

1. Die 120 Tage von Sodom (1976)
Die 120 Tage von Sodom (1976) ist der Film, über den jeder spricht und den viele nie zu Ende schauen. In der Republik von Salò, dem letzten Rückzugsort der italienischen Faschisten, halten vier Großbürger junge Männer und Frauen gefangen und unterwerfen sie systematischen Grausamkeitsritualen. Paolo Bonacelli als Herzog, Giorgio Cataldi als Bischof, Uberto Paolo Quintavalle als Richter und Aldo Valletti als Präsident verkörpern eine Macht, die sich selbst genießt.
Das ist kein Horror zum Gruseln, sondern eine kalte, präzise Abrechnung mit dem Faschismus und mit Herrschaft überhaupt. FSK 18, 116 Minuten, und ehrlich: nur für dich, wenn du bewusst an deine Grenzen willst. Aktuell ist der Film laut JustWatch (Stand 09.10.2026) in keinem Flatrate-Abo gelistet.

2. Accattone - Wer nie sein Brot mit Tränen aß (1961)
Mit Accattone (1961), in Deutschland mit dem Zusatz "Wer nie sein Brot mit Tränen aß" gestartet, begann Pasolinis Karriere als Spielfilmregisseur, und in Italien galt das Debüt prompt als Skandal. Franco Citti spielt Vittorio, genannt Accattone, der seine Familie verlassen hat und sich in einer römischen Vorstadt erfolglos als Zuhälter und Dieb durchschlägt. Als er die unerfahrene Stella (Franca Pasut) auf den Strich schickt, zeigt sich, wie tief er gesunken ist.
Der Film ist roh, staubig und unglaublich direkt. Wer verstehen will, woher Pasolini kommt und welchen Blick er auf die Armen hatte, fängt hier an. Zwei Stunden Laufzeit, die sich lohnen, auch wenn der Film derzeit in keinem Flatrate-Abo gelistet ist (laut JustWatch, Stand 09.10.2026).

3. Teorema - Geometrie der Liebe (1968)
Teorema (1968) ist Pasolinis rätselhaftester Film und für viele sein elegantester. In die Villa einer großbürgerlichen Mailänder Familie zieht ein namenloser Gast, gespielt von Terence Stamp, und verführt nacheinander Vater, Mutter, Tochter, Sohn und Magd. Als er wieder verschwindet, ist nichts mehr, wie es war: Der Sohn entdeckt die Kunst, der Vater verschenkt seine Fabrik, die Magd wird Wunderheilerin.
Silvana Mangano, Massimo Girotti und Anne Wiazemsky spielen eine Familie, die unter ihrer Fassade völlig leer ist. Wenn du Filme magst, die dich mit Fragen statt Antworten entlassen, ist das dein Pasolini. Laut JustWatch (Stand 09.10.2026) aktuell in keinem Flatrate-Abo gelistet.

4. Mamma Roma (1962)
In Mamma Roma (1962) bekommt Anna Magnani eine Rolle, die ihr wie auf den Leib geschrieben ist. Die ehemalige Prostituierte will ihrem Sohn Ettore (Ettore Garofolo) eine bessere Zukunft bieten, kauft einen Gemüsestand und zieht in eine respektable Neubausiedlung. Dort wird sie zur liebevollen Glucke und listigen Planerin kleinbürgerlichen Glücks, ohne zu ahnen, dass die neue Welt ebenso grausam ist wie die alte. Franco Citti taucht als Carmine auf, der Vergangenheit, die sich nicht abschütteln lässt.
Mit der besten TMDb-Wertung unter den Spielfilmen dieser Liste ist das der zugänglichste Einstieg: emotional, wütend, herzzerreißend. Aktuell laut JustWatch (Stand 09.10.2026) in keinem Flatrate-Abo gelistet.

5. Das 1. Evangelium – Matthäus (1965)
Das 1. Evangelium: Matthäus (1965) überrascht alle, die Pasolini nur als Provokateur kennen. Er erzählt das Leben Jesu von der Geburt über die Taufe durch Johannes bis zum öffentlichen Wirken als Heiler und Prediger, schlicht, karg und mit Laiengesichtern. Enrique Irazoqui spielt Christus, Margherita Caruso die junge Maria, und Pasolinis eigene Mutter Susanna die ältere Maria.
Statt Hollywood-Pomp gibt es Steine, Wind und Menschen, die aussehen, als kämen sie direkt aus dem Dorf. Ein Bibelfilm, den auch Nichtgläubige packend finden, freigegeben ab 6 Jahren. Laut JustWatch (Stand 09.10.2026) streamst du ihn bei WOW, Sky Go und im Wow Fiction Amazon Channel.

6. Große Vögel - Kleine Vögel (1966)
Große Vögel, kleine Vögel (1966, im Original Uccellacci e uccellini) ist Pasolinis verspieltester Film. Ein Vater und sein Sohn wandern unbekümmert durch Italien, bis sich ein sprechender Rabe zu ihnen gesellt und sie mit philosophischen Fragen nervt. Er erzählt ihnen sogar die Legende vom Heiligen Franziskus, der seinen Mönchen auftrug, den Vögeln zu predigen. Was die beiden hungrigen Wanderer am Ende mit dem Raben anstellen, ist ein herrlich böser Witz.
Der große Komiker Totò und der junge Ninetto Davoli sind ein wunderbares Duo. Eine Fabel über Politik und Glauben, leicht und klug zugleich, 88 kurze Minuten. Derzeit laut JustWatch (Stand 09.10.2026) in keinem Flatrate-Abo gelistet.

7. Edipo Re - Bett der Gewalt (1967)
Mit Edipo Re (1967), hierzulande als "Bett der Gewalt" vermarktet, holt Pasolini die antike Tragödie in eine archaische, fast traumartige Bilderwelt. Der König von Theben setzt seinen Sohn Ödipus aus, ein Hirte rettet ihn, und als Adoptivsohn in Korinth erfährt er von der Prophezeiung, er werde seinen Vater töten und seine Mutter heiraten. Seine Flucht führt ihn direkt nach Theben.
Franco Citti spielt Ödipus, Silvana Mangano die Jokaste, Alida Valli die Königin von Korinth und Carmelo Bene den Kreon. Kein Theater zum Abfilmen, sondern ein rauer, sonnendurchglühter Mythos. Für alle, die Antike lieber staubig als marmorweiß mögen. Laut JustWatch (Stand 09.10.2026) in keinem Flatrate-Abo gelistet.

8. Decameron (1971)
Decameron (1971) eröffnet die sogenannte Trilogie des Lebens und ist pure Lebenslust. In lose verbundenen Episoden aus dem spätmittelalterlichen Italien landet ein junger Mann mit der Leiche eines Bischofs im Sarkophag, ein Liebespaar wird vom heimkehrenden Ehemann überrascht, ein angeblich taubstummer Gärtner bringt Freude in ein Frauenkloster, und ein Sünder legt auf dem Sterbebett den Priester herein.
Franco Citti, Ninetto Davoli und Angela Luce führen ein Ensemble an, das deftig, frech und erstaunlich warmherzig wirkt. Ideal, wenn du Pasolini von seiner heiteren Seite kennenlernen willst. Laut JustWatch (Stand 09.10.2026) läuft der Film bei Amazon Prime Video und in der Variante Amazon Prime Video with Ads.

9. Gastmahl der Liebe (1965)
Gastmahl der Liebe (1965, Comizi d'amore) ist der Ausreißer dieser Liste: ein Dokumentarfilm. Pasolini zieht selbst mit dem Mikrofon durch Italien und befragt Menschen zum Thema Sex, also genau dem Thema, über das sie öffentlich am wenigsten sprechen wollen. Dazu kommen Gesprächspartner wie der Schriftsteller Alberto Moravia und der Psychoanalytiker Cesare Musatti.
Das Ergebnis ist komisch, entlarvend und ein faszinierendes Zeitdokument. Mit 8,2 bei TMDb ist es der bestbewertete Titel hier, und wer verstehen will, wogegen Pasolini in seinen Spielfilmen anrannte, findet hier die Grundlage. In Deutschland kam er erst 1982 ins Kino. Laut JustWatch (Stand 09.10.2026) in keinem Flatrate-Abo gelistet.

10. Pasolinis tolldreiste Geschichten (1972)
Pasolinis tolldreiste Geschichten (1972, I racconti di Canterbury) bildet den zweiten Teil der Trilogie des Lebens. Acht Pilger auf dem Weg nach Canterbury erzählen sich Geschichten über das Zusammenleben von Mann und Frau, und Pasolini macht daraus ein buntes Kaleidoskop erotischer Episoden nach der berühmten englischen Novellensammlung.
Hugh Griffith, Laura Betti als Frau aus Bath, Ninetto Davoli und Franco Citti als Teufel sorgen für deftigen Spaß. Der Film gewann 1972 den Goldenen Bären der Berlinale, auch wenn er bei TMDb eher verhalten bewertet wird. Wer den Decameron mochte, sollte weiterschauen. Laut JustWatch (Stand 09.10.2026) in keinem Flatrate-Abo gelistet.

11. Erotische Geschichten aus 1001 Nacht (1974)
Erotische Geschichten aus 1001 Nacht (1974) schließt die Trilogie des Lebens ab und verlegt das Geschehen in den Orient. Im Zentrum steht das Sklavenmädchen Zumurrud, um sie herum ranken sich Episoden über Mann und Frau, Herr und Sklave. Ninetto Davoli, Franco Citti als Dämon, Franco Merli und Tessa Bouché tragen den Film.
Hier zeigt sich Pasolini als großer Bildermacher: Landschaften, Gesichter, Farben, alles wirkt märchenhaft und zugleich erdig. Ein sinnlicher Abenteuerfilm, der sich Zeit nimmt, 126 Minuten lang. Perfekt für einen ruhigen Abend, an dem du dich treiben lassen willst. Laut JustWatch (Stand 09.10.2026) in keinem Flatrate-Abo gelistet.

12. Medea (1969)
In Medea (1969) steht Maria Callas vor der Kamera, und das allein macht den Film zum Ereignis. Jason (Giuseppe Gentile) sucht das Goldene Vlies, um seinen Onkel vom Thron zu stoßen. In Kolchis verliebt sich Medea in ihn und hilft ihm. Sie heiraten, bekommen zwei Kinder, doch als Jason aus Ehrgeiz die junge Königstochter Glauke heiraten will, nimmt Medea grausame Rache.
Massimo Girotti als Kreon und Laurent Terzieff als Kentaur Chiron ergänzen eine Besetzung, die eher Gesten als Dialoge braucht. Ein archaischer, fremdartiger Film über den Zusammenprall zweier Welten, der Geduld verlangt und belohnt. Laut JustWatch (Stand 09.10.2026) in keinem Flatrate-Abo gelistet.
Häufige Fragen
Welcher Film von Pier Paolo Pasolini eignet sich zum Einstieg?
Am zugänglichsten sind Mamma Roma mit Anna Magnani und die heitere Episodenkomödie Decameron. Wer es leichter mag, greift zu Große Vögel, kleine Vögel mit Totò.
Wo kann man Pasolini-Filme streamen?
Laut JustWatch (Stand 09.10.2026) läuft Das 1. Evangelium: Matthäus bei WOW, Sky Go und im Wow Fiction Amazon Channel, Decameron bei Amazon Prime Video. Die übrigen Filme dieser Liste sind aktuell in keinem Flatrate-Abo gelistet.
Was ist die Trilogie des Lebens?
So heißen Decameron (1971), Pasolinis tolldreiste Geschichten (1972) und Erotische Geschichten aus 1001 Nacht (1974), drei lebenslustige, erotische Episodenfilme nach klassischen Erzählsammlungen.
Worum geht es in Die 120 Tage von Sodom?
Im faschistischen Salò kurz vor dem Ende der Mussolini-Herrschaft quälen vier Großbürger junge Gefangene in grausamen Ritualen. Der Film von 1976 ist eine Abrechnung mit dem Faschismus und hat FSK 18.
Was war der erste Spielfilm von Pasolini?
Accattone von 1961 mit Franco Citti. Das Drama über einen Taugenichts in einer römischen Vorstadt galt in Italien als Skandalfilm.
Welcher Pasolini-Film gewann den Goldenen Bären?
Pasolinis tolldreiste Geschichten, im Original I racconti di Canterbury, wurde 1972 auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.
Mit welchem Pasolini-Film startest du?
Pasolini ist kein Regisseur für nebenbei. Wenn du Lust auf Herz und Wut hast, nimm Mamma Roma. Willst du lachen, schnapp dir Decameron oder den Wanderfilm mit Totò und dem Raben. Und wenn du dich irgendwann bereit fühlst, wartet Die 120 Tage von Sodom als härteste Prüfung. Egal, wo du anfängst: Danach schaust du italienisches Kino garantiert mit anderen Augen. Zwei Titel kannst du laut JustWatch (Stand 09.10.2026) sofort im Abo starten, für den Rest lohnt sich die Suche nach einer guten Edition fürs Regal.
