Sentimental Value Kritik: Joachim Triers Familiendrama tut weh und bringt trotzdem zum Lachen
Jeder kennt dieses Familienessen, bei dem alle lächeln und insgeheim nach dem Notausgang suchen. Joachim Triers neuer Film setzt uns gut zwei Stunden lang an genau so einen Tisch, und das Überraschendste daran ist, wie viel wir dabei lachen. Sentimental Value ist klug, bittersüß und manchmal gnadenlos genau, ein Film darüber, was wir von unseren Eltern erben, ob wir wollen oder nicht.
Sentimental Value gehört zu Joachim Triers reifsten Arbeiten: ein schmerzhaftes und zugleich komisches Familiendrama, in dem das Ensemble keinen einzigen falschen Ton trifft.
Sentimental Value: Trailer
Filmdaten
| Original | Affeksjonsverdi |
|---|---|
| Kinostart in Deutschland | 4.12.2025 |
| Regie | Joachim Trier |
| Besetzung | Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Inga Ibsdotter Lilleaas, Elle Fanning, Anders Danielsen Lie, Jesper Christensen |
| Genre | Komödien, Filmdramen |
| Laufzeit | 133 Min. |
| FSK | 12 |
| Land | Norwegische Filme, Deutsche Filme, Dänische Filme, Französische Filme, Schwedische Filme, Britische Filme |
Worum geht es in Sentimental Value, ohne Spoiler?
Die Ausgangslage ist schlicht, und genau deshalb funktioniert sie. Nora und Agnes begegnen nach langer Zeit wieder ihrem Vater Gustav, zu dem das Verhältnis, vorsichtig gesagt, abgekühlt ist. Gustav ist kein gewöhnlicher Vater: ein charismatischer Mann, früher ein gefeierter Regisseur, der nun mit einem Comeback-Film noch einmal beweisen will, was in ihm steckt.
Und dann kommt die Wendung, aus der sich der ganze Film entfaltet: Gustav bietet Nora eine Rolle in seinem neuen Projekt an. Nora lehnt ab. Die Rolle geht schließlich an eine begeisterte junge Hollywood-Schauspielerin, und von da an müssen sich die beiden Schwestern nicht nur mit ihren eigenen, seit Jahrzehnten unausgesprochenen Familienwunden herumschlagen, sondern auch damit, dass ein amerikanischer Filmstar mitten in ihre verkorkste Familiendynamik plumpst.
Mehr muss man gar nicht wissen. Sentimental Value lebt nicht von Plot Twists, sondern von Momenten: von einem abgebrochenen Satz, einer Stille, die einen Tick zu lang dauert, einem Lächeln, das eigentlich eine Entschuldigung ist, die nur niemand ausspricht.
Ein Vater, der als Regisseur die Menschen besser versteht denn als Vater
Einer der stärksten Einfälle des Films ist, dass er den Familienkonflikt ins Milieu des Filmemachens verlegt. Ein Regisseur, der sein Leben lang Rollen verteilt hat, bietet nun seiner eigenen Tochter eine an. Das lässt sich als Geste lesen, als Manipulation oder als verzweifelter Annäherungsversuch. Trier nimmt uns die Entscheidung nicht ab.
Genau das macht es so spannend. Noras Absage ist keine bloße Kränkung, sondern die Antwort eines ganzen Lebens. Und dass die Rolle am Ende an eine Außenstehende, einen Hollywood-Star, geht, wirkt, als würde sich eine Fremde auf dem Familienfoto auf den Platz eines der Kinder setzen. Eine schmerzhaft komische Situation, und der Film schöpft beide Seiten davon aus.
Ich liebe es, dass der Film im Film hier kein selbstverliebter Kniff ist, sondern ein emotionales Werkzeug. Es geht darum, dass Kunst manche Dinge leichter aussprechen kann als die Menschen selbst, und dass ein Vater, der hinter der Kamera immer die richtigen Worte fand, am Esstisch plötzlich ins Stottern gerät.
Ein Ensemble, das fast schon unfair stark ist
Wer nur wegen der Besetzung ins Kino geht, wird schon nicht enttäuscht. Renate Reinsve und Joachim Trier haben gemeinsam bereits einmal einen filmhistorischen Moment geschaffen. Nach Der schlimmste Mensch der Welt kann man kaum überschätzen, was dieses Duo zusammen leisten kann. Reinsve ist erneut mit einer solchen Selbstverständlichkeit präsent, dass man beinahe vergisst, einer Schauspielerin zuzusehen.
Stellan Skarsgård wiederum gehört zu den Darstellern, in deren einzigem müden Blick die Selbstgefälligkeit und das Bedauern eines ganzen Lebens liegen. Seit Jahrzehnten beweist er, dass er zu den größten Charakterdarstellern Europas zählt, und auch hier balanciert er erstaunlich sicher zwischen liebenswert und nervtötend.
Inga Ibsdotter Lilleaas ist für mich die leise Überraschung des Films: weniger laute Szenen, aber jede Geste hat Gewicht. Elle Fanning ist schon für sich eine hervorragende Besetzungsentscheidung, denn ein Hollywood-Star, der in ein skandinavisches Familiendrama hineingerät, ist genau die Art kultureller Reibung, aus der der Film reichlich Humor und Spannung schlagen kann. Fanning steht seit ihrer Kindheit vor der Kamera und weiß genau, wie es sich im Scheinwerferlicht lebt.
In den Nebenrollen sind Triers Stammschauspieler Anders Danielsen Lie sowie Jesper Christensen, Lena Endre, Cory Michael Smith und Catherine Cohen zu sehen. Eine Liste, auf der niemand bloß Kulisse ist.
Joachim Trier, der sogar die Stille inszenieren kann
Mit seiner Oslo-Trilogie (Reprise, Oslo, 31. August, Der schlimmste Mensch der Welt) ist Trier zu einer der wichtigsten Stimmen des europäischen Gegenwartskinos geworden. Das Besondere an seinen Filmen: Man spürt die Hand des Regisseurs nie, und trotzdem sitzt jedes Bild. Sentimental Value führt diesen Stil fort, nur stehen diesmal statt der Identitätskrisen junger Erwachsener die Familie, das Erbe und die Beziehung zwischen Eltern und Kindern im Mittelpunkt.
Der Film ist Komödie und Drama zugleich, und das ist kein Marketingetikett. Trier weiß, dass die schmerzhaftesten Familienmomente oft auch die absurdesten sind. Ein Vater, der seiner Tochter statt einer Versöhnung eine Filmrolle anbietet, ist tragisch und lächerlich in einem, und der Film nimmt beide Seiten ernst.
Auch die europäische Koproduktion (mit Beteiligung aus Norwegen, Deutschland, Dänemark, Frankreich, Schweden und Großbritannien) ist spürbar: Der Film ist in seiner Stimmung durch und durch skandinavisch und zugleich offen und international im Blick. Autorenkino, das sich nicht in seiner eigenen kleinen Welt einschließt.
Wo gerät der Film ins Stolpern?
Perfekt ist er nicht, und das sollte man ehrlich sagen. Die 133 Minuten Laufzeit sind spürbar: Es gibt Passagen, in denen der Film so sehr auf Stille und lang ausgehaltene Momente vertraut, dass ungeduldigere Zuschauer unruhig werden dürften. Ich mochte diese Stellen, kann aber verstehen, wenn sie jemandem zu langsam sind.
Hinzu kommt, dass der Hollywood-Strang mitunter weniger in die Tiefe geht als das Dreieck aus den beiden Schwestern und dem Vater. Die amerikanische Schauspielerin ist manchmal eher Katalysator als vollwertige Figur. Das mag teilweise Absicht sein, aber ich hätte mir ein wenig mehr von ihr gewünscht.
- Stark: das Schauspiel, der Wechsel zwischen Humor und Drama, die Idee vom Film im Film.
- Schwächer: stellenweise schleppendes Tempo, ungleich gewichtete Nebenstränge.
Wen wird der Film so richtig treffen?
Sentimental Value ist für alle, die wissen, wie es ist, wenn bei einem Familienfest selbst die harmloseste Frage zum Minenfeld wird. Wer einen komplizierten Vater hat, ein Geschwister, mit dem man zugleich verbündet und verfeindet ist, oder einfach einen unausgesprochenen Satz an die eigenen Eltern, wird sich in diesem Film wiedererkennen.
Das ist ein Film für Erwachsene, nicht wegen extremer Themen, sondern wegen seines emotionalen Gewichts. Kein Kino, das man nebenbei mit einem Auge neben dem Handy schaut. Es verlangt Aufmerksamkeit, bleibt einem dafür aber noch wochenlang im Kopf.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Fans von Joachim Trier und Renate Reinsve, Liebhaber des skandinavischen Autorenkinos und alle, die reife, humorvoll durchwirkte Familiendramen mögen.
- Lieber auslassen, wenn: Wer ein schnelles Tempo und eine wendungsreiche Handlung erwartet oder sich bei dialoglastigen Filmen über zwei Stunden schnell langweilt, greift besser zu etwas anderem.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Der schlimmste Mensch der Welt (2021), Oslo, 31. August (2011), Herbstsonate (1978), Reprise (2006), Fanny und Alexander (1982)
Häufige Fragen
Wann ist Sentimental Value in den deutschen Kinos gestartet?
Sentimental Value ist am 4. Dezember 2025 in den deutschen Kinos angelaufen.
Worum geht es in Sentimental Value?
Nora und Agnes treffen nach langer Zeit ihren entfremdeten Vater Gustav wieder, einst ein gefeierter Regisseur. Gustav bietet Nora eine Rolle in seinem Comeback-Film an, sie lehnt jedoch ab. So geht die Rolle an eine junge Hollywood-Schauspielerin, die mitten in die verworrene Familiendynamik gerät.
Wie lang ist Sentimental Value?
Der Film hat eine Laufzeit von 133 Minuten.
Wer hat bei Sentimental Value Regie geführt?
Regie führte Joachim Trier, der unter anderem auch Der schlimmste Mensch der Welt inszeniert hat.
Wer spielt in Sentimental Value mit?
Zur Besetzung gehören Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Inga Ibsdotter Lilleaas, Elle Fanning, Anders Danielsen Lie, Jesper Christensen, Lena Endre, Cory Michael Smith und Catherine Cohen.
Lohnt es sich, an Triers Familientisch Platz zu nehmen?
Ja, und zwar nicht zu knapp. Sentimental Value ist nicht makellos, verweilt manchmal zu lange in der Stille, und nicht jeder Nebenstrang bekommt genug Luft. Aber selten ist ein Film so komisch und so schmerzhaft zugleich, und selten weiß einer so genau, dass hinter Familienwunden meistens keine Bosheit steckt, sondern unbeholfene Liebe.
Renate Reinsve und Stellan Skarsgård sind allein schon eine Kinokarte wert, und Joachim Trier beweist einmal mehr, dass es in Europa heute nur wenige Filmemacher gibt, die Menschen so gut verstehen. Schaut ihn euch an und ruft danach eure Eltern an. Oder denkt wenigstens darüber nach, es zu tun.
