Kinoster
DE ▾

Kritik · Kinostart: 13.11.2025

Die My Love Kritik: Jennifer Lawrence tanzt am Abgrund und entschuldigt sich für nichts

Britische FilmeKanadische FilmeAmerikanische FilmeThrillerFilmdramenKomödienBuchverfilmungen

Manche Filme schaut man sich an, andere muss man überstehen. Die My Love gehört zur zweiten Sorte. Lynne Ramsay sperrt ein junges Paar, ein Neugeborenes und einen langsam zerbrechenden Verstand in ein Haus auf dem Land und sieht dann einfach zu, was passiert. Angenehm ist das nicht, aber so angespannt saß ich schon lange nicht mehr im Kino.

8,3/10
Wertung
Lynne Ramsays wütender, roher und erstaunlich witziger Film ist eines der mutigsten Werke des Jahres, und Jennifer Lawrence liefert darin eine der kühnsten Leistungen ihrer Karriere.
Story
7
Schauspiel
9
Regie
9
Optik
8
Musik und Ton
8
Emotionen
9

Die Gesamtwertung ist der Durchschnitt der sechs Kriterien.

Filmdaten

Kinostart in Deutschland13.11.2025
RegieLynne Ramsay
BesetzungJennifer Lawrence, Robert Pattinson, Sissy Spacek, Nick Nolte, LaKeith Stanfield, Gabrielle Rose
GenreThriller, Filmdramen, Komödien
Laufzeit118 Min.
FSK16
LandBritische Filme, Kanadische Filme, Amerikanische Filme

Umzug in die Stille, die alles andere als still ist

Die Ausgangslage wirkt fast harmlos. Grace und Jackson sind ein junges Paar, das genug vom Lärm New Yorks hat und deshalb in das Elternhaus des Mannes auf dem Land zieht. Der Plan ist simpel: ruhiger leben, mehr Luft, weniger Stress. Eine Weile klappt das auch, die beiden gewöhnen sich an die neue Umgebung, und dann kommt ihr Kind zur Welt.

Ab hier beginnt alles langsam zu kippen. Grace fühlt sich zunehmend isoliert, die seelische Erschöpfung zieht sie Tag für Tag tiefer nach unten. Ihr Zustand treibt die Ehe in immer beunruhigendere und unberechenbarere Situationen, und irgendwann fragt man sich als Zuschauer nicht mehr, ob etwas passiert, sondern nur noch, wann und wie heftig.

Mehr möchte ich von der Handlung gar nicht verraten, denn bei diesem Film zählen nicht die Wendungen, sondern die Art, wie sich die Stimmung Minute um Minute verdichtet. Das ist kein Thriller, bei dem am Ende der Mörder enttarnt wird. Hier kommt die Bedrohung von innen, und niemand kann etwas dagegen tun.

Lynne Ramsay streichelt nicht, sie schlägt zu

Wer We Need to Talk About Kevin oder A Beautiful Day mit Joaquin Phoenix gesehen hat, weiß genau, worauf er sich einlässt. Ramsay ist eine der kompromisslosesten Stimmen des modernen Kinos. Sie erklärt nichts, legt einem nicht tröstend die Hand auf die Schulter und schreibt niemandem vor, was er fühlen soll. Sie erzählt in Bildern, Geräuschen und Fragmenten und erwartet, dass man aufpasst.

Genau das bekommt man auch hier, nur mit vielleicht mehr bösem Humor als sonst. Unter den Genrebezeichnungen steht neben Thriller und Drama auch Komödie, und das ist kein Versehen. Es gibt Szenen, über die man lacht, um zwei Sekunden später zu merken, dass das Gezeigte eigentlich furchtbar ist. Diese Doppelbödigkeit ist eine der größten Stärken des Films: Ramsay spürt genau, dass ein totaler Zusammenbruch manchmal absurd, ja lächerlich wirkt, und gerade das macht ihn noch schmerzhafter.

Die Inszenierung ist ein körperliches Erlebnis. Die Kamera geht nah heran, zu nah, die Schnitte kommen mitunter völlig unerwartet, alltägliche Gegenstände und Geräusche werden bedrohlich. Ein Landhaus, das eigentlich Zuflucht sein sollte, verwandelt sich nach und nach in ein Gefängnis, und Ramsay schafft das, ohne auch nur einen billigen Horrortrick zu bemühen.

Jennifer Lawrence, wie man sie noch nicht gesehen hat

Jennifer Lawrence sucht seit Jahren nach der Rolle, die wieder zeigt, was in ihr steckt. Seit Silver Linings wissen wir, dass sie unberechenbare, verletzte Figuren hervorragend spielt, und mother! hat bewiesen, dass sie keine Angst vor unbequemen, provokanten Filmen hat. Die My Love geht über beides hinaus.

Das ist eine völlig entblößte Darstellung. Keine Eitelkeit, keine Schönfärberei, nichts von der Starausstrahlung, auf die die großen Studiofilme gesetzt haben. Lawrence ist wütend, müde, komisch, beängstigend und herzzerreißend, oft alles in derselben Szene. Sie bittet nicht darum, gemocht zu werden, und genau deshalb kann man den Blick nicht von ihr lassen.

Ehrlich gesagt gab es Momente, in denen das Zuschauen unangenehm war. Nicht weil sie überzieht, sondern weil sie so glaubhaft zeigt, wie es ist, wenn jemand nicht mehr kann und das Umfeld es nicht sieht oder nicht sehen will.

Pattinson und die Nebenrollen: alles andere als Staffage

Robert Pattinson ist längst nicht mehr der Junge aus der Vampirreihe. Spätestens seit Good Time und Der Leuchtturm ist klar, dass er schräge, schwer liebenswerte Figuren mag, und auch hier hat er klug gewählt. Neben ihm hat es Lawrence nicht leicht, denn Pattinsons zurückhaltendere Präsenz bildet einen starken Gegenpol, und die Spannung zwischen den beiden wirkt durchgehend echt. Diese Ehe ist nicht schwarz oder weiß, und der Film macht klugerweise niemanden zum eindeutigen Bösewicht.

Die Besetzung der Nebenrollen ist eine Freude für sich. Sissy Spacek und Nick Nolte sind schon dem Namen nach eine Garantie, und beide bringen ein Gewicht auf die Leinwand, das jüngere Schauspieler nur schwer erreichen. Auch LaKeith Stanfield taucht auf, der in den letzten Jahren gezeigt hat, dass er jede Szene ein wenig aus dem gewohnten Gleichgewicht bringen kann. In kleineren Rollen runden Gabrielle Rose, Debs Howard und Sarah Lind das Bild ab.

Wo der Film ins Straucheln gerät

Perfekt ist der Film nicht, und das will er auch gar nicht sein. Die 118 Minuten Laufzeit spürt man stellenweise, vor allem im Mittelteil, wo der Stimmungsaufbau irgendwann eher im Kreis läuft, als voranzukommen. Wer eine klassische, sauber gebaute Handlung von Punkt A nach Punkt B erwartet, wird enttäuscht: Ramsay interessiert sich viel mehr für Zustände als für Ereignisse.

Das zweite Risiko ist der Tonfall. Die komödiantischen Elemente werden nicht allen gefallen. Manche werden es geschmacklos finden, bei so einem Thema zu lachen, andere werden schlicht nicht verstehen, wann sie es sollen. Ich halte das für eine der mutigsten Entscheidungen des Films, verstehe aber, wenn es jemanden rausreißt.

Und schließlich: Das ist kein entspannter Kinoabend. Wer gerade mit einem Kleinkind kämpft oder selbst eine ähnliche Erschöpfung erlebt hat, dem kann der Film sehr nahe gehen, vielleicht sogar zu nahe.

Warum es gut ist, dass es diesen Film gibt

Über die dunkle Seite der Mutterschaft, über Isolation und seelische Erschöpfung wird selten so offen gesprochen, schon gar nicht im Kino. Die meisten Filme romantisieren das Thema oder machen Horror daraus, mit einem Dämon oder Geist als Übeltäter. Ramsay bietet keinen so bequemen Ausweg: Hier gibt es keine übernatürliche Erklärung, nur eine Frau, deren Leben vor ihren Augen zerfällt.

Gerade dadurch wird Die My Love mehr als ein atmosphärischer Thriller. Der Film stellt unbequeme Fragen danach, wie aufmerksam wir füreinander sind und wie viel ein Mensch aushält, bevor er zerbricht.

Für wen ist der Film?

Wenn er dir gefällt, schau auch: We Need to Talk About Kevin (2011), mother! (2017), Tully (2018), Rosemaries Baby (1968), Der Babadook (2014)

Häufige Fragen

Wann ist Die My Love in Deutschland gestartet?

Der Film läuft seit dem 13. November 2025 in den deutschen Kinos.

Worum geht es in Die My Love?

Grace und Jackson ziehen von New York aufs Land in das Elternhaus des Mannes. Nach der Geburt ihres Kindes fühlt sich Grace zunehmend isoliert, ist seelisch erschöpft, und ihr Zustand bringt die Ehe in immer unberechenbarere Situationen.

Wie lang ist der Film?

Die My Love hat eine Laufzeit von 118 Minuten.

Ist Die My Love für Kinder geeignet?

Nein. Wegen des schweren, aufwühlenden Themas richtet sich der Film klar an ein erwachsenes Publikum.

Wer hat Die My Love gedreht?

Regie führte Lynne Ramsay. Die Hauptrollen spielen Jennifer Lawrence und Robert Pattinson, außerdem sind Sissy Spacek, Nick Nolte und LaKeith Stanfield zu sehen.

Hältst du es zwei Stunden in Graces Kopf aus?

Wenn ja, erwartet dich ein Kinoerlebnis, das dich tagelang nicht loslässt. Die My Love will nicht gefallen und nicht beruhigen, und genau deshalb bleibt er hängen. Lynne Ramsay beweist erneut, dass sie zu den eigenwilligsten Stimmen des Gegenwartskinos gehört, und Jennifer Lawrence erinnert daran, warum sie einst zu den wichtigsten Schauspielerinnen ihrer Generation zählte. Kein Film für jeden Abend, aber wenn du bereit dafür bist, lass ihn dir nicht entgehen. Stark, unbequem und überraschend oft komisch: 8/10.

Wertung: 8,3/10 · Story 7 · Schauspiel 9 · Regie 9 · Optik 8 · Musik und Ton 8 · Emotionen 9