Dossier 137 Kritik: Wenn die Polizei gegen sich selbst ermittelt und die Ermittlerin auf ihre eigene Herkunft stößt
Es gibt Krimis, in denen die größte Spannung nicht von einem Schuss ausgeht, sondern von einer einzigen Zeile in einem Protokoll. Dominik Molls neuer Film ist genau so einer: Er erzählt von einer internen Ermittlung bei der Polizei, in der nicht die Antworten wachsen, sondern das Gewicht der Fragen. Dossier 137 ist ein stiller, hartnäckiger und unbequemer Film, und das im besten Sinne.
Ein straffer, kluger und moralisch verstörender französischer Krimi, der keine bequemen Antworten liefert und einen gerade deshalb noch tagelang beschäftigt.
Dossier 137: Trailer
Filmdaten
| Regie | Dominik Moll |
|---|---|
| Besetzung | Léa Drucker, Stanislas Merhar, Antonia Buresi, Genevieve Mnich, Christian Sinniger, Claire Bodson |
| Genre | Krimis |
| Laufzeit | 115 Min. |
| Land | Französische Filme |
Worum geht es in Dossier 137, ohne Spoiler?
Im Mittelpunkt steht Stéphanie, Ermittlerin bei der IGPN, der internen Aufsichtsbehörde der französischen Polizei, im Volksmund die Polizei der Polizei. Ihre Aufgabe: herauszufinden, ob Kollegen beim Einsatz von Gewalt eine Grenze überschritten haben. Die Akte 137 wirkt zunächst wie eine weitere Nummer auf dem Stapel. Ein junger Mann wurde bei einer angespannten, chaotischen Demonstration in Paris schwer verletzt, und Stéphanie soll klären, was genau passiert ist.
Doch die Routine gerät schnell ins Wanken. Stéphanie findet keine Beweise für unrechtmäßige Polizeigewalt, aber ein unerwartetes Ereignis lässt sie nicht los, und dann stellt sich heraus, dass das Opfer aus derselben Stadt stammt wie sie selbst. Ab diesem Moment ist der Fall keine bloße Akte mehr, sondern eine persönliche Angelegenheit. Und die spannendste Frage des Films lautet: Kann man unter diesen Umständen überhaupt noch objektiv bleiben?
Mehr muss man vor dem Kinobesuch nicht wissen. Die Stärke des Films liegt darin, wie er das Bild Stück für Stück zusammensetzt, und nicht in überraschenden Wendungen, mit denen er um sich wirft.
Dominik Moll, ein Meister des Zweifels
Wer Molls letzten großen Erfolg La Nuit du 12 gesehen hat, weiß ziemlich genau, was ihn erwartet. Dort zermürbte ein ungelöster Mordfall die Ermittler, und der Film räumte mehrere Césars ab, darunter den als bester Film. Seitdem kreist Moll um dieselbe Frage: Was passiert mit Menschen, deren Beruf es ist, die Wahrheit herauszufinden, wenn das System, in dem sie arbeiten, diese Wahrheit gar nicht immer wissen will?
Sein Stil ist zurückhaltend, beinahe karg. Keine aufdringliche Musik, die einem sagt, wann man mitfiebern soll, keine heroischen Einstellungen. Stattdessen Verhörräume, Aufnahmen, die auf Bildschirmen vor und zurück gespult werden, Bürokorridore und lange Pausen. Das mag zunächst spröde wirken, verleiht dem Film aber seine Glaubwürdigkeit: Dossier 137 sieht aus wie die Wirklichkeit und will sie nicht schöner machen, als sie ist.
Molls größte Tugend ist, dass er nicht predigt. Es wäre leicht gewesen, einen simplen Thesenfilm über Polizeigewalt zu drehen, aus welcher Perspektive auch immer. Er zeigt stattdessen, wie schwer es in einem solchen Fall ist, überhaupt zu den Fakten vorzudringen.
Léa Drucker und die anderen: Gesichter hinter dem Protokoll
Angeführt wird die Besetzung von Léa Drucker, einer der verlässlichsten Schauspielerinnen des französischen Kinos. Für das Drama Jusqu'à la garde erhielt sie einen César, und sie gehört zu jenen Darstellerinnen, die mit einem einzigen unterdrückten Zucken im Gesicht mehr erzählen als andere mit einem ganzen Monolog. In einem Film, dessen Spannung sich größtenteils im Inneren abspielt, ist das Gold wert.
An ihrer Seite spielen Stanislas Merhar, Antonia Buresi, Genevieve Mnich, Christian Sinniger, Claire Bodson und Guslagie Malanda, die schon im Gerichtsdrama Saint Omer bewiesen hat, dass niemand stille, schwer durchschaubare Figuren so beherrscht wie sie. Das Ensemble ist keine Starparade, sondern ein eingespieltes Team, und das tut dem Film gut: Niemand will die Szene an sich reißen, alle stehen im Dienst der Geschichte.
Was wirklich funktioniert, ist die Reibung zwischen den Figuren. Bei einer internen Ermittlung ist jeder ein bisschen verdächtig, und jeder verteidigt sich ein bisschen. Diese gedrückte, misstrauische Atmosphäre trifft das Ensemble perfekt.
Warum es funktioniert: der Zweifel als Genre
Ein Krimi dreht sich normalerweise um die Frage, wer es war. Dossier 137 fragt eher, was es überhaupt bedeutet, dass jemand etwas getan hat. Wo verläuft auf einer chaotischen Demo, auf der alle rennen, schreien und filmen, die Grenze zwischen legitimer und unrechtmäßiger Gewalt? Eine bequeme Antwort darauf gibt der Film nicht, und genau darin liegt sein Mut.
- Der persönliche Erzählstrang ist ein genialer Kniff: Sobald klar ist, dass das Opfer aus Stéphanies Heimatstadt kommt, beobachtet auch das Publikum, wie unvoreingenommen die Heldin eigentlich noch ist.
- Das Tempo ist langsam, aber nie zäh. Moll dosiert die Informationen mit großer Präzision.
- Die Stimmung bleibt durchgehend bedrückend, aber nie selbstzweckhaft: Der Film will nicht unterhalten, er zwingt zum Nachdenken.
Besonderes Lob verdient, wie der Film Bürokratie spannend macht. Akten, Videoaufnahmen, Zeugenaussagen: auf dem Papier das langweiligste Material der Welt, auf der Leinwand aber fesselnd.
Wo hat der Film seine Schwächen?
Ich mache kein Geheimnis daraus: Dossier 137 wird nicht jedem gefallen. In den 115 Minuten gibt es Passagen, in denen sich der Film fast trotzig zurücknimmt, und wer Action oder eine klassische Auflösung erwartet, wird enttäuscht. Das hier ist nicht die Welt der Hollywood-Polizeifilme. Es gibt keine große Enthüllungsszene, in der jemand mit der Faust auf den Tisch haut.
Auch die Bildsprache ist bewusst alltäglich. Das macht den Film glaubwürdig, doch wer ein großes Kinoerlebnis sucht, dürfte die Bilder etwas grau finden. Ich sehe das eher als Stärke, kann aber verstehen, wenn es manchen zu wenig ist.
Das größte Risiko ist allerdings das Thema selbst: Polizeigewalt ist ein politisch heikles Feld, und viele werden im Film von vornherein nach einer Seite suchen. Wer sich ein eindeutiges Urteil wünscht, wird verärgert aus dem Kino kommen, denn diese Genugtuung verweigert Moll ganz bewusst.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für alle, die langsam aufgebaute, intelligente Krimis und moralische Dilemmata lieben und für die schon La Nuit du 12 oder Saint Omer ein nachhaltiges Erlebnis waren.
- Lieber auslassen, wenn: Für alle, die von einem Polizeifilm temporeiche Action, spektakuläre Wendungen und klar verteilte Rollen von Gut und Böse erwarten.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Les Misérables (2019), Saint Omer (2022), Zodiac (2007), Spotlight (2015)
Häufige Fragen
Worum geht es in Dossier 137?
Stéphanie, Ermittlerin bei der IGPN, der internen Aufsichtsbehörde der französischen Polizei, untersucht einen Fall, bei dem ein junger Mann auf einer Demonstration in Paris schwer verletzt wurde. Persönlich wird es, als sich herausstellt, dass das Opfer aus Stéphanies Heimatstadt stammt.
Wie lang ist Dossier 137?
Der Film dauert 115 Minuten.
Wer hat Dossier 137 inszeniert?
Regie bei dem französischen Krimi führte Dominik Moll.
Wer spielt in Dossier 137 mit?
Zur Besetzung gehören Léa Drucker, Stanislas Merhar, Antonia Buresi, Genevieve Mnich, Christian Sinniger, Claire Bodson und Guslagie Malanda.
Lohnt es sich, das Dossier 137 aufzuschlagen?
Ja, wenn man bereit ist, zwei Stunden lang mit einer unbequemen Frage im Dunkeln zu sitzen. Dominik Moll beweist erneut, dass er zu den interessantesten Köpfen des aktuellen französischen Kriminalfilms gehört: Er nutzt die Werkzeuge des Genres, um das Publikum selbst mit an den Tisch der Ermittlungskommission zu setzen. Allein Léa Druckers Spiel ist das Ticket wert, und der Film lässt einen auch nach dem Abspann nicht los. Es wird nicht der unterhaltsamste Kinofilm des Jahres sein, aber gut möglich einer der wichtigsten. Von mir gibt es eine klare, überzeugte Empfehlung.
