George Michael: The Faith Tour Vorab-Kritik: Paris 1988 und eine Stimme, die immer noch Gänsehaut macht
Es gibt Popstars, die man niemandem vorstellen muss, und es gibt Konzerte, die bisher kaum jemand richtig zu sehen bekam. George Michael: The Faith Tour bringt beides zusammen: das Pariser Bercy-Konzert von 1988, zusammengesetzt aus neu aufgetauchtem 35-mm-Filmmaterial, restauriert und neu abgemischt. Am 12. November kommt der Film in die deutschen Kinos, und ich habe mir den Abend schon jetzt freigehalten.
Auf dem Papier spricht alles dafür, dass dies der schönste Nostalgiefilm des Jahres wird. Wenn die Restaurierung hält, was sie verspricht, ist er für Fans Pflicht.
George Michael: The Faith Tour: Trailer
Filmdaten
| Kinostart in Deutschland | 12.11.2026 |
|---|---|
| Regie | David Austin, Andrew Morahan |
| Genre | Konzertfilme |
| Land | Britische Filme |
Worum geht es? Um ein Konzert und einen Moment, der nicht wiederkommt
Fangen wir bei den Grundlagen an, denn bei einem Konzertfilm gibt es nichts zu spoilern, höchstens die Setlist. Der Film zeigt das legendäre Konzert, das George Michael 1988 im Pariser Palais Omnisports de Paris-Bercy gab, mitten in der rekordverdächtigen Faith-Tournee. Das Material stammt aus neu entdeckten 35-mm-Filmaufnahmen und soll laut Ankündigung auch bislang ungesehene Bild- und Tonaufnahmen enthalten.
Genau darin liegt der Reiz: Hier bekommt kein hundertfach kopiertes VHS-Band eine neue Verpackung, sondern auf Film gedrehtes, professionell restauriertes und neu gemischtes Material. Wer schon einmal einen alten Konzertmitschnitt frisch aufbereitet auf der großen Leinwand gesehen hat, weiß, dass das ein völlig anderes Erlebnis sein kann als die verrauschten Clips auf YouTube. Erklärtes Ziel ist es, aus einem prägenden kulturellen Moment ein echtes Kinoerlebnis zu machen.
Der Auftakt: Mary McCartneys Kamera im Hintergrund
Was mich mindestens so sehr interessiert wie das Konzert selbst: Vorangestellt ist ein Kurzfilm von Mary McCartney. Auch darin gibt es neu entdecktes Ton- und Bildmaterial, und zwar aus den Jahren 1986 bis 1988, also genau der Zeit, in der George das Album Faith schrieb und anschließend auf Tour brachte.
Ein kluger Schachzug. Ein Konzertfilm ist an sich schon ein Höhepunkt, aber zu einem Höhepunkt gehört ein Weg dorthin, und dieser Vorfilm verspricht genau das: einen Blick darauf, wie Platte und Künstler Gestalt annahmen. Die Ankündigung spricht von einer "Zeitkapsel", einem intimen und unmittelbaren Einblick in Georges damalige Gefühlslage an einem entscheidenden Wendepunkt seines Lebens. Ob das wirklich intim wird oder eine schöne, aber distanzierte Archivmontage bleibt, zeigt erst die Vorstellung. Die Absicht ist jedenfalls sympathisch: Man will nicht nur den Star zeigen, sondern den Menschen dahinter.
George Michael auf dem Gipfel: Warum gerade diese Ära?
George Michael war einer der einflussreichsten Popstars seiner Generation, das muss man niemandem erklären, der ihn je live oder auf Platte singen gehört hat. Seine Stimme speiste sich aus schwarzem Soul, war technisch beängstigend präzise und zugleich zutiefst emotional, und sein Talent als Songschreiber hat eine ganze Epoche geprägt.
Die Faith-Zeit ist dabei ein besonderer Wendepunkt: Hier beweist sich George nach Wham! als Solokünstler, laut Ankündigung auf dem Höhepunkt seiner kreativen Kraft. Lederjacke, Sonnenbrille, Hüftschwung und dahinter eine Stimme, die sich nicht fälschen ließ. Für mich ist das eine der spannendsten Phasen der Popgeschichte, weil sie gleichzeitig von Selbstbewusstsein erzählt und davon, dass da jemand gerade entscheidet, wer er sein will. Wenn der Film diese Doppelbödigkeit einfängt, hat er gewonnen.
Regie und Restaurierung: Hier entscheidet sich alles
Als Regisseure zeichnen David Austin und Andrew Morahan verantwortlich. Bei einem Archiv-Konzertfilm funktioniert Regie etwas anders als bei einem Spielfilm: Entscheidend sind Auswahl, Schnitt, Rhythmus und vor allem die technische Arbeit. Ein schlecht gemischter Ton oder ein überpoliertes Plastikbild kann eine Legende ruinieren, eine gelungene Restaurierung dagegen katapultiert einen zurück ins Jahr 1988, als stünde man selbst im Innenraum von Bercy.
Laut Ankündigung ist der Film fachgerecht restauriert und neu abgemischt. Das klingt vielversprechend, an diesem Punkt bleibe ich aber vorsichtig. Beim Remix lockt immer die Versuchung, einen für moderne Ohren gefälligen, allzu sauberen Sound zu produzieren, bei dem der rohe, lebendige Puls des Konzerts verloren geht. Ich hoffe, dass der Lärm des Publikums, die Akustik der Halle und die kleinen Fehler erhalten bleiben. Denn genau das macht ein Konzert zum Konzert und nicht zu einer Studioplatte mit Bildern.
Wo könnte es haken?
Ganz ehrlich: Ein Konzertfilm hat keine klassische Handlung, und wer einen dramaturgischen Bogen oder große dokumentarische Enthüllungen erwartet, könnte enttäuscht werden. Deshalb fällt meine Wertung in der Kategorie Story auch zurückhaltender aus. Mary McCartneys Vorfilm kann Kontext liefern, das Rückgrat des Films bleibt aber das Konzert.
Das zweite Risiko sind Länge und Tempo. Ein komplettes Konzert auf der großen Leinwand durchzusitzen, kann für Nicht-Fans anstrengend werden. Und drittens lauert die Nostalgiefalle: Solche Filme behandeln ihren Helden manchmal mit so viel Ehrfurcht, dass er zum Denkmal erstarrt. George Michael war eine viel lebendigere, frechere Figur. Ich hoffe, das hat man am Schneidetisch nicht vergessen.
Dafür braucht es das Kino, nicht den Fernseher
Warum ich dafür ein Ticket kaufen würde, wenn ich die Platte auch zu Hause hören kann? Weil ein Konzert ein Gemeinschaftserlebnis ist. Wenn ein ganzer Saal gemeinsam hört, wie diese Stimme auf der großen Leinwand wieder aufersteht, steckt darin etwas, das kein Kopfhörer je liefern wird. Genau das ist die Stärke solcher Eventkino-Abende: Für kurze Zeit holen sie das Stadiongefühl zurück.
Die Faith-Tour hat Rekorde gebrochen, und Paris war schon immer eine besondere Bühne. Wenn die Aufnahmen tatsächlich so aussehen, wie ich es von 35-mm-Material erwarte, könnte das ein Film werden, an den wir uns noch Jahre später erinnern: Ich war dabei, als ich es wieder gesehen habe.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für George-Michael-Fans, Liebhaber des Pop der Achtziger und alle, die Konzerte gern auf der großen Leinwand mit gutem Sound erleben.
- Lieber auslassen, wenn: Wer mit Musik wenig anfangen kann oder sich eine klassische, wendungsreiche Dokumentation wünscht, wird das Ganze vermutlich als zu schlichtes, konzertlastiges Erlebnis empfinden.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Bohemian Rhapsody (2018), Stop Making Sense (1984), Rocketman (2019), Amy (2015)
Häufige Fragen
Wann startet George Michael: The Faith Tour in den deutschen Kinos?
Der Film kommt am 12. November 2026 in die deutschen Kinos.
Worum geht es in George Michael: The Faith Tour?
Der Film zeigt George Michaels Konzert von 1988 in der Pariser Bercy-Halle, zusammengesetzt aus neu aufgetauchten, restaurierten 35-mm-Aufnahmen mit bislang ungesehenem Bild- und Tonmaterial.
Wer hat Regie geführt?
Regie führten David Austin und Andrew Morahan.
Was ist das für ein Kurzfilm, der vor dem Konzertfilm läuft?
Ein Kurzfilm von Mary McCartney mit neu entdecktem Ton- und Bildmaterial aus den Jahren 1986 bis 1988, also aus der Zeit, in der George Michael das Album Faith schrieb und auf Tour brachte.
Lohnt es sich, im November mit George noch einmal nach Paris zu reisen?
Ich finde: ja, und zwar unbedingt. Bei einem Konzertfilm lautet die wichtigste Frage immer, ob die Stimme auf der Leinwand noch lebt, und bei George Michael war die Stimme alles. Restauriertes 35-mm-Material, bislang ungesehene Aufnahmen, ein persönlicher Auftakt von Mary McCartney: Dieses Paket ist vielversprechender als die meisten Nostalgieprojekte. Wenn die technische Arbeit wirklich sitzt, wird das für Fans kein Film, sondern ein Abend, an den sie sich noch lange erinnern. Ich bin dabei, und ich hätte nichts dagegen, wenn im Saal jemand anfängt mitzusingen.
