The Only Living Pickpocket in New York: Vorab-Kritik. John Turturros Finger sind immer noch schneller als die Stadt
Es gibt Besetzungen, bei denen ich das Ticket kaufe, sobald ich das Plakat sehe, und Turturro plus Buscemi in einem Film gehört genau dazu. The Only Living Pickpocket in New York startet am 19. November in den deutschen Kinos und bringt auf dem Papier alles mit, was ein leises Großstadtdrama über alternde Gauner braucht. Ob der Film das auch einlöst, wissen wir noch nicht. Aber es gibt einiges, worauf man sich freuen kann.
Auf dem Papier einer der sympathischsten kleinen Gangsterfilme der Saison, der mit seinen Darstellern und seiner Atmosphäre stehen oder fallen wird.
Filmdaten
| Kinostart in Deutschland | 19.11.2026 |
|---|---|
| Regie | Noah Segan |
| Besetzung | John Turturro, Giancarlo Esposito, Will Price, Tatiana Maslany, Victoria Moroles, Steve Buscemi |
| Genre | Filmdramen |
| Laufzeit | 88 Min. |
| Land | Amerikanische Filme |
Eine falsche Tasche, ein schlechter Tag
Die Ausgangslage ist angenehm schlicht, und genau das mag ich. Harry, gespielt von John Turturro, ist ein altgedienter Taschendieb, der seit Jahren auf den Straßen von New York arbeitet. Kein großer Fisch, kein Bankräuber, einfach ein Mann mit flinken Händen, der weiß, wann man in einen Mantel greift. Die Beute gibt er an seinen Kumpel Ben weiter, der ein Pfandhaus betreibt und von Steve Buscemi gespielt wird. Das Geschäft läuft, die Routine sitzt.
Dann passiert der Fehler, der jede Geschichte dieser Art antreibt. Harry erwischt eines Tages den falschen Mann: Dem geheimnisvollen, neureichen Dylan, gespielt von Will Price, zieht er einen USB-Stick aus der Tasche. Dylan ist Cyberkrimineller und nicht der Typ, der einen verlorenen Datenträger mit einem Schulterzucken abhakt. Er heftet sich an die Fersen des alten Mannes, und Harry muss fliehen, bevor nicht nur er, sondern auch seine Familie in Gefahr gerät.
Mehr wissen wir nicht, und mehr braucht es auch nicht. Ich verrate nichts weiter, weil es schlicht nichts gibt, was ich sicher wüsste. Die Prämisse liefert aber schon so eine schöne Spannung: Die alte Schule hat die Hand in der Manteltasche, die neue auf der Tastatur.
Ein analoger Dieb in einer digitalen Welt
Was mich an der Beschreibung wirklich packt, ist weniger die Verfolgungsjagd als der Gedanke dahinter. Laut Ankündigung handelt es sich um einen melancholischen Heist-Film über das Altern und den Graben zwischen den Generationen. Dieser Satz verrät viel über die Absicht. Im Mittelpunkt stehen hier vermutlich keine raffinierten Einbruchspläne und hektischen Schnitte, sondern die Frage, wie es sich anfühlt, in einem Handwerk alt zu werden, das langsam seinen Sinn verliert.
Man muss sich das nur vorstellen: Taschendiebstahl ist ein klassisches, fast schon romantisches Ganovenhandwerk. Fingerfertigkeit, Aufmerksamkeit, Timing. In einer Zeit, in der das Geld auf Karten und Handys liegt und die wahren Werte auf einem USB-Stick, ist der Taschendieb tatsächlich der Letzte seiner Art. Deshalb ist auch der Titel ein Volltreffer. Das Duell zwischen Harry und Dylan dürfte mehr sein als ein Kampf zwischen zwei Männern, nämlich einer zwischen zwei Epochen. Wenn das Drehbuch damit klug umgeht, kann daraus etwas Bittersüßes und Berührendes entstehen.
Turturro und Buscemi: Ein besseres Duo findet man kaum
Ich tue gar nicht erst so, als wäre ich objektiv: John Turturro und Steve Buscemi gemeinsam auf der Leinwand sind für mich ein kleines Fest. Beide sind Ikonen des amerikanischen Independent- und Autorenkinos der Neunziger, beide gehören zu den Stammgesichtern der Coen-Brüder, und beide besitzen diese seltene Gabe, aus einer kleinkarierten, leicht erbärmlichen Figur einen menschlichen, liebenswerten Charakter zu machen. Ein alternder Taschendieb und sein Kumpel aus dem Pfandhaus? Diese Rollen wirken wie für die beiden geschrieben.
Der Ankündigung zufolge ist Turturro in Hochform, und das glaubt man sofort. Er ist einer dieser Schauspieler, die mit einem einzigen Blick die ganze Geschichte eines verpfuschten Lebens erzählen können. Dazu kommt Giancarlo Esposito, dessen bloße Anwesenheit schon für Spannung sorgt. Spätestens seit Breaking Bad wissen wir, wie bedrohlich er selbst im Schweigen sein kann. Tatiana Maslany hat seit Orphan Black bewiesen, dass sie so gut wie alles spielen kann, und auch Victoria Moroles ist mit dabei.
Das größte Fragezeichen ist für mich Will Price. Er spielt den Bösewicht, den jungen Cyberkriminellen, und muss sich glaubwürdig gegen diese Veteranenrunde behaupten. Gelingt das, spiegelt sich der Generationenkonflikt auch im Schauspiel wider. Gelingt es nicht, könnte die Bedrohung im Film verpuffen.
Noah Segan auf dem Regiestuhl
Regie führt Noah Segan, den viele vor allem als Schauspieler kennen dürften. In den Filmen von Rian Johnson taucht er regelmäßig auf. Als Regisseur ist er aber noch kein Name, bei dem ich sicher weiß, was mich erwartet. Das ist spannend und riskant zugleich.
Was für ihn spricht: Schauspieler, die ins Regiefach wechseln, haben oft ein besonders gutes Händchen für ihre Kollegen, und bei einem so figurenzentrierten Film ist das Gold wert. Lässt Segan Turturro und Buscemi einfach machen, ist die halbe Miete schon drin. Was gegen ihn sprechen könnte: Ein Heist-Film braucht Rhythmus, Melancholie braucht Geduld, und beides gleichzeitig in den Griff zu bekommen, ist keine leichte Aufgabe.
Die Laufzeit von 88 Minuten ist dagegen ein sehr gutes Zeichen. In einer Zeit, in der jeder zweite Film zweieinhalb Stunden dauert, wirkt ein straffer, anderthalbstündiger Großstadtkrimi richtig erfrischend. Für Leerlauf ist da keine Zeit, und hoffentlich gibt es auch keinen.
Sinfonie einer Stadt, die niemals schläft
Laut Beschreibung ist der Film nicht nur Krimidrama, sondern auch eine Art Sinfonie über New York. Das gefällt mir sehr, denn die Stadt war schon immer eine der besten Filmfiguren überhaupt. Vom dreckigen, lebendigen New York der Siebziger bis zur glänzenden, aber fremden Metropole von heute kann auch die Stadt selbst vom Altern und vom Wandel erzählen. Durch die Augen eines alten Taschendiebs zu sehen, wie die vertrauten Straßen ein neues Gesicht bekommen, könnte der heimliche Trumpf des Films sein.
Wenn Segan und sein Kamerateam das nutzen, kann allein die Atmosphäre den Film tragen. Bleibt die Stadt dagegen bloße Kulisse, geht genau das verloren, was das Konzept wirklich besonders machen könnte.
Wo könnte es schiefgehen?
Ganz ehrlich: Die größte Gefahr ist, dass der Film zu bescheiden bleibt. Der USB-Stick als MacGuffin ist ein ziemlich abgegriffenes Element, und der Handlungsstrang vom „alten Mann auf der Flucht, dessen Familie ebenfalls in Gefahr ist“ kann schnell vorhersehbar werden. Liefert das Drehbuch nicht genug originelle Wendungen, könnten die großartigen Darsteller in einem durchschnittlichen Thriller festsitzen.
Das zweite Risiko ist der Ton. Melancholie und Verfolgungsjagd vertragen sich nicht immer gut. Ist der Film zu langsam, langweilen sich die Heist-Fans, ist er zu temporeich, geht das Lyrische verloren. Diese Balance zu finden, wird die eigentliche Bewährungsprobe.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für Fans von Turturro, Buscemi und Esposito und für alle, die ruhigere, figurenzentrierte Gangsterfilme und New Yorker Atmosphäre lieben.
- Lieber auslassen, wenn: Wer temporeiche Action, große Explosionen und verschachtelte Einbruchspläne erwartet, wird vermutlich enttäuscht.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Fargo (1996), The Old Man & the Gun (2018), Uncut Gems (2019), Good Time (2017), Hell or High Water (2016)
Häufige Fragen
Wann startet The Only Living Pickpocket in New York in Deutschland?
Der Film kommt am 19. November 2026 in die deutschen Kinos.
Worum geht es in The Only Living Pickpocket in New York?
Um Harry, einen altgedienten Taschendieb aus New York, der einem Cyberkriminellen einen USB-Stick stiehlt und fliehen muss, bevor ihm und seiner Familie etwas zustößt.
Wie lang ist der Film?
The Only Living Pickpocket in New York hat eine Laufzeit von 88 Minuten.
Wer spielt im Film mit?
John Turturro, Steve Buscemi, Giancarlo Esposito, Tatiana Maslany, Will Price und Victoria Moroles.
Wer hat bei dem Film Regie geführt?
Regie führte Noah Segan.
Greifen wir Ende November für diesen Film in die eigene Tasche?
Ich finde: ja. The Only Living Pickpocket in New York sieht nicht nach einem Film aus, der das Genre revolutioniert, aber das muss er auch nicht. Er verspricht einen kurzen, stimmungsvollen Großstadtkrimi voller guter Schauspieler, der vom Älterwerden erzählt und davon, wie die Welt uns irgendwann abhängt. Das Duo Turturro und Buscemi ist allein schon ein Kinoticket wert, und wenn Noah Segan den richtigen Ton trifft, könnte der Film eine der angenehmen Überraschungen im November werden. Ich bin dabei, und mein Portemonnaie bleibt sicher in der Innentasche.
