Wildwood Vorab-Kritik: Die Macher von Coraline locken uns wieder tief in den Wald
Wenn ein Studioname dafür bürgt, dass ein Animationsfilm mutiger, düsterer und greifbarer wird als die Konkurrenz, dann ist es der des Teams hinter Coraline und Kubo. Wildwood startet am 5. November in den deutschen Kinos, und auf dem Papier steckt darin alles, wofür wir diese Leute seit Jahren lieben. Ob der Film das am Ende einlöst, bleibt abzuwarten. Ich zähle trotzdem schon die Tage.
Alles deutet auf eines der außergewöhnlichsten Animationsfantasys des Jahres hin, doch die Laufzeit von 139 Minuten wird für jüngere Zuschauer und für das Drehbuch eine echte Bewährungsprobe.
Wildwood: Trailer
Filmdaten
| Kinostart in Deutschland | 5.11.2026 |
|---|---|
| Regie | Travis Knight |
| Genre | Animierte Familienfilme |
| Laufzeit | 139 Min. |
| FSK | 12 |
| Land | Amerikanische Filme |
Krähen, ein entführter kleiner Bruder und ein Wald, den man nicht betreten darf
Die Ausgangslage ist genau so einfach, wie ein gutes Märchen sein sollte. Prue geht in die siebte Klasse, und in einem unachtsamen Moment schnappt sich ein Krähenschwarm ihren kleinen Bruder. Kein Hund läuft mit ihm davon, kein Sturm weht ihn fort, nein, es sind Krähen. Das allein zeigt schon, dass uns hier kein zuckersüßer Familienfilm von der Stange erwartet. Prue wartet nicht auf die Erwachsenen, sie zieht selbst los. Mit dabei ist ihr anhänglicher Klassenkamerad Curtis, der nach allem, was man liest, genau die Sorte Begleiter ist, die einem anfangs auf die Nerven geht und am Ende fest ans Herz wächst.
Die Spur führt in einen geheimnisvollen Wald nahe Portland, tief hinein in die verbotene Wildnis. Dort warten sprechende Tiere, seltsame Verbündete und machthungrige Gegenspieler, und Prue begreift bald, dass hier weit mehr auf dem Spiel steht als eine Rettungsaktion für die Familie: Ihre Entscheidungen könnten die Zukunft einer ganzen Welt bestimmen. Mehr wissen wir über die Handlung nicht, und ehrlich gesagt will ich auch nicht mehr wissen. Bei solchen Filmen ist die Freude am Entdecken der halbe Spaß.
Travis Knight kehrt dorthin zurück, wo er am stärksten ist
Regie führt Travis Knight, und das ist für mich schon einen halben Punkt extra wert. Er hat Kubo inszeniert, für mich bis heute einer der schönsten Animationsfilme des letzten Jahrzehnts: ein Märchen, das Trauer, Familie und auch das junge Publikum ernst nimmt. Zwischendurch hat er mit Bumblebee einen Abstecher ins Realfilm-Blockbusterkino gemacht und einem Riesenroboter-Franchise überraschend viel Herz verpasst.
Dass er jetzt mit einem weiteren groß angelegten Animationsfantasy zurückkommt, zeigt mir, wie ernst das Studio dieses Projekt nimmt. Knights Stärke liegt darin, epische Abenteuer als persönliche Geschichte aus Kinderaugen zu erzählen. Und die Grundidee von Wildwood, ein Mädchen, das sich für seinen Bruder auf den Weg macht, ist wie gemacht für genau diesen Blick.
Das Erbe von Coraline und Kubo: Segen und Bürde zugleich
Die Ankündigung verweist stolz auf die Macher der oscarnominierten Filme Coraline und Kubo. Wer die kennt, weiß, was das heißt: liebevoll bis ins Detail gebaute, fast fühlbare Welten, in denen jeder Grashalm und jede Falte Gewicht hat. Mit Stop-Motion wurde dieses Team legendär, und viel Spektakuläreres kann man im Kino kaum sehen. Ein Wald voller sprechender Tiere, Moos, Rinde und Krähenfedern wirkt, als wäre er eigens für sie erfunden worden.
Gleichzeitig legt dieser Verweis die Latte hoch. Die unheimliche Stimmung von Coraline und die emotionale Wucht von Kubo lassen sich nicht so leicht wiederholen. Sollte Wildwood nur ein hübsches, aber laues Abenteuer werden, wird man ihm das viel härter ankreiden als einem durchschnittlichen Animationsfilm. Ich bin zuversichtlich, behalte mir aber bis zum Start eine kleine Portion Skepsis vor.
Vom Buch auf die Leinwand: Was dafür spricht, dass es funktioniert
Der Film basiert auf einem gleichnamigen Jugendroman. Das ist eine gute Nachricht, denn eine ausgearbeitete Romanwelt liefert einem Fantasyfilm meist eine reichere Mythologie, tiefere Nebenfiguren und ein schlüssigeres Regelwerk als ein Drehbuch, das bei null anfängt. Schon die Inhaltsangabe lässt erkennen, dass die verbotene Wildnis keine bloße Kulisse ist, sondern ein Ort voller politischer und moralischer Konflikte, mit Fraktionen, Bündnissen und Machtkämpfen.
Genau hier sehe ich die größte Chance und zugleich das größte Risiko. Traut sich der Film, diese Welt ernst zu nehmen, könnte ein Familienfantasy entstehen, das auch Erwachsenen etwas zum Nachdenken gibt. Will er dagegen zu viel aus dem Roman hineinpacken, geht womöglich der emotionale Faden zwischen Prue und ihrem kleinen Bruder verloren, und der ist der eigentliche Motor der ganzen Geschichte.
139 Minuten: mutige Entscheidung oder zu viel des Guten?
Ich sage es offen: Die Laufzeit von 139 Minuten ist die erste Zahl, bei der ich hängen geblieben bin. Für einen animierten Familienfilm ist das ausgesprochen lang, und es zeigt klar, dass die Macher ein großes, episches Märchen erzählen wollen und kein flottes Abenteuer von anderthalb Stunden. Mir gefällt es, wenn ein Animationsfilm sich nicht kleiner machen will, als er ist. In der Praxis heißt das aber auch, dass kleinere Kinder kaum bis zum Ende durchhalten werden.
Auf der anderen Seite ist Stop-Motion unglaublich aufwendig. Wenn ein solches Studio so viele Minuten stemmt, hat vermutlich jede Szene ihren Grund. Stimmt der Rhythmus, wird die Länge eher zum Erlebnis als zur Last. Stimmt er nicht, beginnt in der zweiten Stunde das große Herumrutschen samt Fragen nach der nächsten Klopause.
- Was richtig gut werden kann: handgemachte Bilder, ein düsteres, aber herzliches Märchen, Travis Knights Gespür für emotionale Momente.
- Wo es schwächeln kann: womöglich zu lang, zu viele Figuren und Handlungsstränge, und für die Kleinsten vielleicht auch zu gruselig.
Für wen ist die verbotene Wildnis eigentlich gedacht?
Die Heldin geht in die siebte Klasse, und das steckt für mich die Zielgruppe ziemlich genau ab: ältere Kinder, Jugendliche an der Schwelle zur Pubertät und all die Erwachsenen, die gute Märchen nie hinter sich gelassen haben. Die Krähenentführung, die machthungrigen Gegenspieler und Entscheidungen über das Schicksal einer Welt verraten, dass es Spannung und auch Dunkelheit geben wird, so wie man es von diesem Team kennt. Mich freut das ausdrücklich: Die besten Kinderfilme haben sich schon immer getraut, ein bisschen unheimlich zu sein.
Auch der Starttermin passt. Anfang November, wenn die Blätter fallen und der Nebel in den Wäldern hängt, ist genau die richtige Zeit für so einen Film, und ich kann mir gut vorstellen, dass wir ihn in ein paar Jahren als herbstlichen Familienklassiker immer wieder hervorholen.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für alle, die Coraline und Kubo geliebt haben, für Fans handgemachter Animation und für Familien mit älteren Kindern, die düstere Märchen mit echter Fallhöhe mögen.
- Lieber auslassen, wenn: Für ganz kleine Kinder, denen 139 Minuten und die Krähen wohl zu viel werden, und für alle, die sich eine leichte, schnelle Animationskomödie voller Gags wünschen.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Coraline (2009), Kubo and the Two Strings (2016), ParaNorman (2012), Der fantastische Mr. Fox (2009), Wolfwalkers (2020)
Häufige Fragen
Wann startet Wildwood in den deutschen Kinos?
Wildwood kommt am 5. November 2026 in die deutschen Kinos.
Worum geht es in Wildwood?
Der kleine Bruder der Siebtklässlerin Prue wird von einem Krähenschwarm entführt. Gemeinsam mit ihrem Klassenkameraden Curtis macht sie sich in einen geheimnisvollen Wald nahe Portland auf, die verbotene Wildnis, um ihn zu befreien. Unterwegs begegnen die beiden sprechenden Tieren, Verbündeten und machthungrigen Gegenspielern.
Wie lang ist Wildwood?
Der Film läuft 139 Minuten, für einen animierten Familienfilm ist das ausgesprochen lang.
Wer hat bei Wildwood Regie geführt?
Regie führte Travis Knight, der zuvor bereits Kubo inszeniert hat.
Basiert Wildwood auf einem Buch?
Ja, der Film beruht auf einem gleichnamigen Jugendroman.
Wer steckt hinter Wildwood?
Die Macher von Coraline und Kubo. Es handelt sich um eine US-amerikanische Produktion.
Wagen wir uns Anfang November in die verbotene Wildnis?
Ich finde: ja, und am besten auf einer möglichst großen Leinwand. Selten bekennt sich ein Animationsfilm so selbstbewusst zu Überlänge, dunklerem Ton und echter Fallhöhe, und dieses Team hat bisher jedes Mal bewiesen, dass es damit umgehen kann. Meine erwartete Wertung liegt bei 8,5/10, mit dem Hinweis, dass die Laufzeit und die vielen aus dem Roman übernommenen Handlungsstränge zur Achillesferse werden könnten. Findet Travis Knight aber erneut das Herz hinter den Bildern, könnte Wildwood nicht nur zum Kinohighlight des Herbstes werden, sondern zu einem der eindrucksvollsten Kinoerlebnisse des ganzen Jahres. Die Kleinen würde ich zu Hause lassen, die Größeren dagegen ohne Zögern mitnehmen und mir selbst auch gleich ein Ticket holen.
