3 zile în septembrie Vorab-Kritik: Eine Braut läuft am rumänischen Strand Amok
Es gibt diesen Moment, in dem das Brautkleid plötzlich zum Kostüm wird, und genau dort setzt Tudor Giurgius neuer Film ein. 3 zile în septembrie beginnt mit einer geplatzten Hochzeit und flüchtet, wenn man den bisherigen Ankündigungen glaubt, nicht in die Tränen, sondern in eine absurde Freiheit am Meer. Wir haben den Film noch nicht gesehen, sind aber schon jetzt ziemlich neugierig.
Auf dem Papier trifft hier die trockene Bitterkeit der rumänischen Neuen Welle auf den Schwung einer Romcom. Wenn Giurgiu den richtigen Ton findet, könnte das eine der angenehmsten Überraschungen der Saison werden.
Filmdaten
| Regie | Tudor Giurgiu |
|---|---|
| Besetzung | Andreea Vasile, Emilian Oprea, Conrad Mericoffer, Emilian Marnea, Mirela Zeţa, Emilia Popescu |
| Genre | Filmdramen, Komödien |
| Laufzeit | 77 Min. |
| Land | Rumänische Filme |
Worum geht es? Eine Hochzeit, die keine wird
Bianca hat alles geplant. Die Blumen, die Sitzordnung, vermutlich sogar, wer wann zu weinen anfängt. Dann platzt am großen Tag die schwangere Geliebte des Bräutigams herein, und die sorgfältig aufgebaute Kulisse fällt in sich zusammen. Einen peinlicheren Auftritt kann man sich kaum ausdenken, und genau das macht den Reiz aus: Der Film baut seinen Konflikt nicht langsam auf, er kippt ihn uns gleich in den ersten Minuten vor die Füße.
Die gedemütigte Braut bleibt nicht, um die Scherben aufzukehren. Sie lässt alles und alle zurück und landet in einem Badeort am Meer, wo seltsame Begegnungen und unerwartete Erlebnisse auf sie warten. Laut offizieller Beschreibung bringen diese sie dazu, in ihrer absurden Lage neue Möglichkeiten zu entdecken. Wen sie genau trifft und wie das Ganze ausgeht, wissen wir noch nicht, und ehrlich gesagt stört mich das nicht: Solche Geschichten leben gerade davon, dass man nicht ahnt, wohin die Heldin abbiegt.
Das entscheidende Stichwort lautet Echtzeit. Giurgiu kündigt einen ungebremsten Amoklauf in Echtzeit an, und bei einer Laufzeit von 77 Minuten klingt das nach einem sehr straffen Film, fast in einem Atemzug erzählt. Keine Zeit für ausgiebiges Selbstmitleid, keine Montage einsamer Spaziergänge im Sonnenuntergang. Das hier ist ein Anlauf mit voller Kraft.
Tudor Giurgiu lässt die Zügel los
Wer das rumänische Kino verfolgt, kennt den Namen. Der Regisseur von Libertate ’89, Nagyszeben und Miért én? war bisher eher für ernste, historische und gesellschaftliche Stoffe bekannt, für die Revolution und die langen Schatten des Systems. Ein Film, der mit einer Hochzeitskatastrophe beginnt und zwischen Romcom und Drama balanciert, wirkt da zunächst wie ein Kurswechsel.
Ich finde das ausgesprochen spannend. Ein Regisseur, der ernsthaft über Macht und Demütigung erzählen kann, wird die Geschichte einer betrogenen Braut wohl kaum als Sahnetorte servieren. Die Demütigung steht auch hier im Zentrum, nur in einem anderen Kostüm. Gelingt es Giurgiu, die Strenge seiner früheren Arbeiten in eine lockerere, ironischere Form zu übertragen, könnte etwas ganz Besonderes entstehen: eine Komödie mit Rückgrat.
Das Risiko liegt natürlich genau dort. Bei einem Regisseur, der vom Drama kommt, besteht immer die Gefahr, dass der Humor etwas steif gerät oder der Film sich nicht wirklich traut, loszulassen. Der Ankündigungstext spricht allerdings von einem ungebremsten Amoklauf, die Absicht ist also zumindest da.
Die Besetzung: bekannte rumänische Gesichter in einem entfesselten Gesellschaftsspiel
Die Hauptrolle spielt Andreea Vasile, daneben stehen Emilian Oprea, Conrad Mericoffer, Emilian Marnea, Mirela Zeţa, Emilia Popescu und Adela Popescu auf der Besetzungsliste. Wer wen spielt, verraten die bisher verfügbaren Informationen nicht im Detail, deshalb spekuliere ich hier auch nicht.
Eines ist aber klar: In so einem Film hängt fast alles an den Darstellern. Echtzeit-Erzählen lässt keinen Raum, eine Szene im Schnitt zu retten, sie muss aus dem Spiel heraus funktionieren. Und genau darin hat das rumänische Kino Tradition: lange, unangenehme und trotzdem fesselnde Einstellungen, in denen die Schauspieler wirklich präsent sein müssen. Hält dieses Ensemble das Tempo, bewegen wir uns auf dem schmalen Grat zwischen Lachen und Fremdscham, und das ist für mich das beste Terrain dieses Genres.
Die flüchtende Braut ist übrigens eine dankbare, aber heikle Rolle. Man kann sie leicht zur Karikatur machen, und man kann sie leicht in Mitleid ertränken. Die Frage ist, ob es gelingt, Bianca zugleich lächerlich und würdevoll wirken zu lassen. Die Antwort gibt es auf der Leinwand.
Neue Welle, nur mit Sonne
Laut Beschreibung erinnert 3 zile în septembrie an die stärksten Werke der rumänischen Neuen Welle und findet dabei doch einen eigenen, frischen Ton. Das ist ein mutiges Versprechen, denn die Messlatte liegt hoch. Man denke nur an den beklemmenden Realismus von 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage oder an den trockenen, absurden Humor von Corneliu Porumboiu. Diese Filme haben dem Publikum beigebracht, dass Alltagssituationen die grausamsten sind und das größte Drama oft in einem schlecht getimten Gespräch steckt.
Neu wirkt hier vor allem die Umgebung. Statt grauer Plattenbauten und überfüllter Krankenhausflure gibt es Strand, Badeort und Nachsaison im September. Dieser Schauplatz hat eine ganz eigene Melancholie: Der Sommer ist vorbei, der Herbst noch nicht da, die Strände sind halb leer und alles wirkt ein wenig ausgeblichen. Die perfekte Kulisse für eine Frau, deren Leben gerade aus den Angeln gehoben wurde. Wenn die Kamera diese Stimmung einfängt, kann der Film auch visuell einiges bieten.
Was kann gelingen, und wo könnte es kippen?
Die Stärken liegen auf dem Papier ziemlich klar auf der Hand:
- Straffe Laufzeit. 77 Minuten sind heutzutage ausgesprochen kurz, was darauf hindeutet, dass hier nichts gestreckt wird.
- Starker Einstieg. Die schwangere Geliebte, die bei der Hochzeit auftaucht, ist ein Auftakt, bei dem jeder hinschaut.
- Erfahrener Regisseur. Giurgiu ist kein Anfänger, er weiß, wie man Schauspieler führt und Atmosphäre schafft.
- Genremix. Die Grenze zwischen Romcom und Drama ist das spannendste Gebiet, wenn man es mutig angeht.
Die Schwachstellen lassen sich ebenfalls erahnen. Die Echtzeit-Form kann schnell ermüdend werden, wenn die Szenen nicht dicht genug sind. Das Versprechen seltsamer Begegnungen birgt immer die Gefahr, dass die Nebenfiguren nur Stationen auf dem Selbstfindungstrip der Heldin bleiben und keine echten Menschen werden. Und dann ist da noch die größte Falle des Genres: Eine Geschichte über leichtfüßige Befreiung wirkt schnell unecht, wenn die Wunde zu schnell und zu hübsch verheilt. Die Ausgangslage mit Betrug und Bloßstellung lässt allerdings hoffen, dass uns hier kein steriles Wohlfühlmärchen erwartet, und das ist mir ausgesprochen sympathisch.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für alle, die bittersüße europäische Komödien und rumänisches Kino mögen und Geschichten schätzen, in denen das Lachen aus peinlichen Situationen entsteht. Eine gute Wahl, wenn man von glattgebügelten Wohlfühlfilmen genug hat.
- Lieber auslassen, wenn: Wer eine klassisch aufgebaute Hollywood-Romcom mit garantiertem Happy End erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht. Und wen langsamer, alltagsnaher Realismus nervt, der ist hier falsch.
Wenn er dir gefällt, schau auch: 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage (2007), 12:08 Jenseits von Bukarest (2006), Der Tod des Herrn Lazarescu (2005), Polizei, Adjektiv (2009)
Häufige Fragen
Worum geht es in 3 zile în septembrie?
Biancas Hochzeit wird zur Katastrophe, als die schwangere Geliebte des Bräutigams auftaucht. Sie lässt alles hinter sich und beginnt in einem Badeort am Meer durch seltsame Begegnungen, ihre Lage mit neuen Augen zu sehen.
Wie lang ist der Film?
3 zile în septembrie hat eine Laufzeit von 77 Minuten.
Wer hat 3 zile în septembrie inszeniert?
Regie führte der Rumäne Tudor Giurgiu, der zuvor unter anderem Libertate ’89, Nagyszeben und Miért én? gedreht hat.
Wer spielt im Film mit?
Zur Besetzung gehören Andreea Vasile, Emilian Oprea, Conrad Mericoffer, Emilian Marnea, Mirela Zeţa, Emilia Popescu und Adela Popescu.
Lohnt sich die Flucht an einen rumänischen Strand?
Ich glaube schon, zumindest deutet alles darauf hin. 3 zile în septembrie ist genau die Art Film, die im Angebot voller glattgeschliffener Kinokost eine erfrischende Ausnahme sein kann: kurz, bissig und ohne das Bedürfnis, uns um jeden Preis zu beruhigen. Tudor Giurgius Kurswechsel ist riskant, aber gerade deshalb bin ich gespannt. Wenn Echtzeit-Form und Ensemble zusammenfinden, bekommen wir vielleicht eine kleine europäische Perle, über die man noch lange reden wird. Meine Erwartung ist vorsichtig optimistisch, und sobald der Film zu sehen ist, prüfen wir, ob wir recht hatten.
