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Kritik

365 Days Kritik: Ein Jahr Gefangenschaft, zweieinhalb Stunden Geduld

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Manche Filme schaut man, weil sie gut sind. Andere schaut man, weil alle über sie reden. 365 Days gehört stolz zur zweiten Sorte: glänzend, teuer, sexy soll er sein, und dabei nimmt er sich so bitterernst, dass er stellenweise unfreiwillig zur Komödie wird. Was bleibt übrig, wenn man den Hype abzieht?

4,5/10
Wertung
Traumhafte Verpackung, problematischer Inhalt und erstaunlich wenig Geschichte: 365 Days ist eher ein Phänomen als ein guter Film.
Story
3
Schauspiel
4
Regie
4
Optik
7
Musik und Ton
6
Emotionen
3

Die Gesamtwertung ist der Durchschnitt der sechs Kriterien.

365 Days: Trailer

Filmdaten

Original365 dni
RegieBarbara Białowąs, Tomasz Mandes
BesetzungAnna-Maria Sieklucka, Michele Morrone, Bronisław Wrocławski, Otar Saralidze, Magdalena Lamparska, Natasza Urbańska
GenreRomantische Filme, Dramen, Krimis
Laufzeit154 Min.
LandPolnische Filme

Worum geht es? Karriere in Warschau, Falle auf Sizilien

Die Ausgangslage ist simpel, und der Film macht auch gar keinen Hehl daraus. Massimo Torricelli, jung, gutaussehend und Kopf der sizilianischen Mafia, muss nach dem Mord an seinem Vater die Führung der Organisation übernehmen. Auf der anderen Seite steht Laura, Verkaufsdirektorin eines Warschauer Luxushotels. Beruflich läuft es bei ihr bestens, ihr Liebesleben dagegen hat ungefähr so viel Feuer wie ein Excel-Meeting am Dienstagvormittag.

In einem letzten Versuch, die Beziehung zu ihrem sturen Freund Martin zu retten, reist sie mit ihm und ein paar Freunden nach Sizilien. Doch der Urlaub nimmt eine unerwartete Wendung: Massimo, der gefährlichste Mann der Insel, entführt Laura und gibt ihr 365 Tage. In dieser Zeit beginnt sie, Gefühle für ihren Entführer zu entwickeln.

Ja, richtig gelesen. Das ist die Grundidee des Films, und ab hier hängt alles davon ab, wie gut man die innere Stimme ausblenden kann, die die ganze Zeit ruft: Das ist eine Entführung.

Die Prämisse, mit der ich nicht klarkomme

Fangen wir mit dem heikelsten Punkt an, denn ohne ihn lässt sich über 365 Days nicht ehrlich reden. Das Liebeskino ist voll von bösen Jungs, die durch die Liebe gezähmt werden, das allein ist noch kein Verbrechen. Das Problem: Hier ist der Ausgangspunkt der Romanze eine Gefangennahme, und der Film behandelt sie nicht als Problem, sondern als Aphrodisiakum.

Man hätte daraus ein düsteres, unbequemes, kluges Drama über Macht, Abhängigkeit und die verworrene Natur des Begehrens machen können. 365 Days schlägt diesen Weg nicht ein. Stattdessen verpackt er alles in die Ästhetik eines Parfümspots: Jachten, Luxuswagen, Sonnenlicht, teure Kleider. Und in diesem Glanz bekommt der Zwang irgendwie einen Weichzeichner verpasst.

Ich bin kein Sittenwächter, Fiktion darf alles zeigen. Aber wer sich an so ein Thema wagt, sollte etwas dazu zu sagen haben. Hier gibt es nichts. Nur Oberfläche, die allerdings funkelt gewaltig.

Morrone und Sieklucka: Chemie oder bloß Pose?

Michele Morrone liefert als Don Massimo Torricelli genau das, wofür der Film ihn braucht: markantes Kinn, durchdringender Blick, langsame Bewegungen und eine Stimme so tief, als wäre jeder Satz der Slogan eines schlechten Parfüms. Charisma hat er zweifellos, und ich verstehe, warum er für viele zum Phänomen wurde. Nur bekommt die Figur keinerlei Tiefe. Massimo ist kein Mensch, sondern eine Fantasie, und Morrone versucht gar nicht erst, aus diesem Rahmen auszubrechen.

Anna-Maria Sieklucka hat als Laura Biel die undankbarere Aufgabe. Sie müsste uns den emotionalen Umschwung abnehmen lassen, den Weg vom Trotz zur Anziehung, doch das Drehbuch gibt ihr dafür kaum Halt. Hin und wieder blitzt etwas Lebendiges auf, ein bissiger Humor, meist aber bewegt sie sich wie Dekoration zwischen den Szenen.

Unter den Nebenfiguren ist Magdalena Lamparska als Olga ein erfrischender Farbtupfer, die Einzige, die zu ahnen scheint, dass das alles ein bisschen lächerlich ist. Außerdem tauchen Otar Saralidze als Domenico, Bronisław Wrocławski als Mario, Natasza Urbańska als Anna sowie Grażyna Szapołowska und Tomasz Stockinger als Lauras Eltern auf, doch keiner von ihnen bekommt viel Raum.

Zwei Regisseure, ein Musikvideo

Verantwortlich zeichnen Barbara Białowąs und Tomasz Mandes, und das Ergebnis erinnert oft eher an ein überlanges Musikvideo als an einen Spielfilm. Das ist keine Übertreibung: Montagen, auf Musik geschnittene Sexszenen und Stimmungsbilder nehmen so viel Platz ein, dass die Handlung kaum noch dazwischenpasst.

Die Laufzeit von 154 Minuten wird zum echten Gegner. Für eine so dünne Geschichte ist das schlicht zu viel. Es gibt Strecken, in denen nichts passiert, außer dass schöne Menschen sich an schönen Orten anschauen, und irgendwann ertappt man sich beim Blick aufs Handy. Mit strafferem Schnitt hätte daraus ein frecheres Guilty Pleasure von neunzig Minuten werden können.

Der Krimistrang, die Mafiageschäfte, die Machtverhältnisse: alles bloß Kulisse. Sie sind da, damit Massimo gefährlich wirkt, bekommen aber nie echtes Gewicht. Schade, denn genau hier hätte Spannung gelegen.

Was wirklich funktioniert: die Postkartenästhetik

Fairerweise muss man sagen: Der Film sieht richtig gut aus. Das Licht Siziliens, das Meer, die luxuriösen Interieurs, die sorgfältig komponierten Einstellungen vermitteln deutlich, dass hier Geld und Energie in die Optik geflossen sind. Stumm geschaltet und als Hintergrundbild laufen gelassen, wäre das ein ganz angenehmes Erlebnis.

Auch der Musikeinsatz gehört zu den stärkeren Seiten, zumindest insofern, als er genau weiß, welche Stimmung er erzeugen will. Eingängig, modern, sinnlich, und oft trägt er Szenen, in denen die Dialoge kläglich versagen.

Erotikfilm oder Erotikwerbung?

365 Days verheimlicht nicht, dass Sex eine seiner Hauptattraktionen ist. Mit zahlreichen expliziten Szenen ist er ganz klar ein Film für Erwachsene und gehört nicht vor Kinderaugen.

Überraschend ist, wie mechanisch selbst die Freizügigkeit wirkt. Die Erotikszenen sind technisch sauber umgesetzt, erzählen aber selten etwas über die Figuren. Ein guter Erotikfilm funktioniert, weil das Begehren Charakter zeichnet, Spannung aufbaut und Folgen hat. Hier sind die Szenen eher aneinandergereihte Hochglanzeinlagen. Wirkungsvoll, solange sie dauern, danach verflüchtigen sie sich spurlos.

Für wen ist der Film?

Wenn er dir gefällt, schau auch: Fifty Shades of Grey (2015), Fifty Shades Darker (2017), 9½ Wochen (1986), Ein unmoralisches Angebot (1993)

Häufige Fragen

Worum geht es in 365 Days?

Massimo Torricelli, der junge Boss der sizilianischen Mafia, entführt die Warschauerin Laura, die mit ihrem Freund und Bekannten auf Sizilien Urlaub macht, und hält sie 365 Tage fest. In dieser Zeit entwickelt sie Gefühle für ihn.

Wann ist 365 Days erschienen?

Der Film feierte am 7. Februar 2020 Premiere.

Wie lang ist 365 Days?

Der Film läuft 154 Minuten.

Ist 365 Days für Jugendliche geeignet?

Nein. Wegen der zahlreichen expliziten Sexszenen und der problematischen Thematik ist der Film eindeutig ein Film für Erwachsene.

Wer spielt die Hauptrollen in 365 Days?

Laura Biel wird von Anna-Maria Sieklucka gespielt, Don Massimo Torricelli von Michele Morrone. Außerdem sind Magdalena Lamparska, Otar Saralidze und Bronisław Wrocławski zu sehen.

Wer hat bei 365 Days Regie geführt?

Der polnische Film entstand unter der Regie von Barbara Białowąs und Tomasz Mandes.

Ist ein Jahr Gefangenschaft zweieinhalb Stunden auf dem Sofa wert?

365 Days ist genau die Art Film, zu der jeder eine Meinung hat und die viele nur schauen, um mitreden zu können. Das ist völlig in Ordnung, Neugier ist ein legitimer Grund. Man sollte nur wissen, worauf man sich einlässt: schöne Bilder, attraktive Hauptdarsteller, viel Musik und sehr wenig echte Geschichte. Der Krimistrang ist Kulisse, und die Romanze fußt auf einer Situation, die der Film nicht einmal aufarbeiten will.

Mit Freunden, aus ironischer Distanz und mit viel gemeinsamem Gekicher kann daraus durchaus ein unterhaltsamer Abend werden. Wer ihn dagegen ernst nimmt, wird vermutlich rund hundert der 154 Minuten darüber nachdenken, was er stattdessen hätte schauen können. Von mir gibt es schwache, aber hübsch anzusehende 4/10 Punkten, vor allem für die Bildsprache.

Wertung: 4,5/10 · Story 3 · Schauspiel 4 · Regie 4 · Optik 7 · Musik und Ton 6 · Emotionen 3