If I Had Legs I'd Kick You Kritik: Rose Byrne am Rand des totalen Zusammenbruchs, und das tut richtig weh
Es gibt diese Tage, an denen einem buchstäblich die Decke auf den Kopf fällt, und bei Linda ist das keine Metapher. Mary Bronsteins Film lässt einen 113 Minuten lang nicht los: Drama, Thriller und Komödie in einem, am ehesten vergleichbar mit einer verfilmten Panikattacke. Und Rose Byrne liefert eine Leistung ab, für die der Silberne Bär in Berlin das Mindeste war.
Ein erschöpfender, unbequemer und stellenweise empörend komischer Film, den Rose Byrne ganz allein in die Kategorie Pflichtprogramm hebt.
If I Had Legs I'd Kick You: Trailer
Filmdaten
| Regie | Mary Bronstein |
|---|---|
| Besetzung | Rose Byrne, Delaney Quinn, Mary Bronstein, Conan O'Brien, Danielle Macdonald, Lark White |
| Genre | Filmdramen, Thriller, Komödien |
| Laufzeit | 113 Min. |
| Land | Amerikanische Filme |
Worum geht es? Eine Mutter, ein Motel und ein Loch in der Decke
Linda ist eine berufstätige Mutter, die schon zu Beginn des Films dort steht, wo die meisten Filmheldinnen erst im dritten Akt ankommen: am äußersten Rand der Verzweiflung. Dann kommt ein Schlag, so absurd, dass man zuerst lacht: Die Decke stürzt ihr auf den Kopf. Ab da gibt es kein Halten mehr. Mit ihrer kleinen Tochter kommt sie in einem Motel unter, und während sie versucht, sich um den Schaden in der Wohnung, die rätselhafte Krankheit ihres Kindes und eine verschwundene Patientin zu kümmern, gerät sie an einen Menschen nach dem anderen, der schlicht nicht in der Lage ist, ihr zu helfen.
Mehr verrate ich zur Ausgangslage nicht, denn die Stärke des Films liegt genau darin, wie sich diese Fäden übereinanderschichten. Es ist keine große Wendung, die die Geschichte antreibt, sondern das Gewicht, das von Minute zu Minute zunimmt. Als würde jemand unablässig Steine in einen Rucksack packen, und wir sitzen da und warten, wann der Gurt reißt.
Rose Byrne, wie man sie noch nie gesehen hat
Die meisten kennen Rose Byrne aus Komödien, etwa als perfekte, ewig lächelnde Rivalin in Brautalarm oder als chaotische Mutter in Bad Neighbors. Ihr komisches Timing war schon immer messerscharf, aber was sie hier abliefert, ist eine andere Liga. Der Humor ist noch da, nur blubbert er jetzt vom tiefsten Grund der Verzweiflung nach oben, und genau das macht ihn so beängstigend.
Byrnes Linda ist keine sympathische Märtyrerin. Sie ist gereizt, manchmal ungerecht, manchmal verletzend, und gerade deshalb glaubwürdig. Man sieht ihr jeden unterdrückten Schrei an, jeden Moment, in dem sie sich noch ein letztes Mal zusammenreißt. Der Silberne Bär der Berlinale war keine Höflichkeitsgeste: Das ist die Rolle, auf die man in Jahren noch verweisen wird, wenn jemand fragt, was Rose Byrne wirklich kann.
An ihrer Seite: Conan O'Brien, A$AP Rocky und ein kleines Mädchen
Die Besetzungsliste wirkt auf den ersten Blick, als hätte jemand die Namen aus einem Hut gezogen. Da ist Conan O'Brien, die Legende des amerikanischen Late-Night-Fernsehens, da ist Rapper A$AP Rocky, dazu Danielle Macdonald, Daniel Zolghadri, Ivy Wolk und Lark White, und auch Regisseurin Mary Bronstein selbst spielt mit. Delaney Quinn gibt das kleine Mädchen, um das sich der ganze Leidensweg dreht.
Und diese bunte Truppe funktioniert. Weil sich um Linda lauter Menschen bewegen, die ihr nicht helfen können, braucht jede Figur eine eigene Färbung: Manche sind peinlich komisch, andere erschreckend gleichgültig. Conan O'Brien ist ein besonders cleverer Schachzug, denn man will instinktiv lachen, sobald er auftaucht. Der Film weiß das und spielt damit.
Mary Bronstein: Meisterin der Anspannung hinter der Kamera
Mary Bronstein ist als Regisseurin und als Darstellerin präsent, und man merkt dem Film an, dass sie sehr genau weiß, was sie will. Die Genrebezeichnung Drama, Thriller und Komödie klingt auf dem Papier nach Durcheinander, auf der Leinwand ergibt sich daraus aber genau der eigene Ton dieses Films. Die Beklemmung entsteht hier nicht mit Horrormitteln, sondern durch die kleinen, zermürbenden Niederlagen des Alltags.
Das Motel als Schauplatz ist ein Volltreffer: ein vorläufiger, unpersönlicher, leicht heruntergekommener Ort, an dem nichts dir gehört und jederzeit alles passieren kann. Bronstein bleibt die ganze Zeit dicht an Linda dran und lässt einen kaum Luft holen. Diese Entscheidung ist zugleich die größte Stärke und das größte Risiko des Films, denn für manche Zuschauer wird das schlicht zu viel sein.
Wo könnte man als Zuschauer schlappmachen?
Ehrlich gesagt: Leichte Kinokost ist das nicht. Die 113 Minuten fühlen sich länger an, und das ist zum Teil gewollt, schließlich gibt es auch aus Lindas Lage keinen Ausweg. Trotzdem gab es Momente, in denen ich das Gefühl hatte, der Film wiederholt den Druck eher, als ihn zu steigern. Einige Handlungsstränge, vor allem die rätselhafte Krankheit der Tochter und der Fall der verschwundenen Patientin, schaffen eher Atmosphäre als klassische Handlung. Wer also eine runde, alles erklärende Geschichte erwartet, könnte enttäuscht werden.
- Stärke: jede einzelne Szene mit Rose Byrne.
- Stärke: der schwarze Humor, der in unerwarteten Momenten zusticht.
- Schwäche: der zu lange Mittelteil, in dem die Spannung etwas eintönig wird.
- Schwäche: Wer vor der Realität flüchten will, wird hier nicht fündig.
Warum ist dieser Film gerade jetzt wichtig?
Über das Ausbrennen berufstätiger Mütter wird viel geredet, auf der Leinwand sieht man es aber selten so ungeschönt. If I Had Legs I'd Kick You belehrt nicht und predigt nicht, er steckt einen einfach in die Haut einer Frau, die alles stemmt und der niemand die Last von den Schultern nimmt. Daher kommt auch die Aggression im Titel: Es ist ein Gefühl, das viele kennen, aber kaum jemand laut auszusprechen wagt.
Dass der Film das Ganze mit komödiantischen Elementen würzt, nimmt ihm nichts von seiner Schwere, im Gegenteil, es macht ihn noch gnadenloser. Wenn man lacht, merkt man hinterher jedes Mal, worüber man eigentlich gelacht hat.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für alle, die figurenzentrierte, beklemmende Dramen mögen und die vielleicht stärkste Leistung in Rose Byrnes Karriere sehen wollen. Wer das Gefühl der Überforderung selbst kennt, wird den Film besonders intensiv erleben.
- Lieber auslassen, wenn: Wer auf einen entspannten Abend oder eine lockere Komödie aus ist, sollte einen großen Bogen um diesen Film machen. Und wer gerade eine schwere Zeit durchmacht, bekommt hier eher noch eine Schippe obendrauf.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Nach dem Urteil (2017), Tully (2018), Der schwarze Diamant (2019), Eine Frau unter Einfluss (1974)
Häufige Fragen
Worum geht es in If I Had Legs I'd Kick You?
Um Linda, eine verzweifelte berufstätige Mutter, der die Decke einstürzt. Sie zieht mit ihrer kleinen Tochter in ein Motel und muss sich gleichzeitig mit dem Schaden, der rätselhaften Krankheit ihres Kindes und dem Verschwinden einer Patientin herumschlagen.
Wie lang ist der Film?
If I Had Legs I'd Kick You hat eine Laufzeit von 113 Minuten.
Ist der Film für Kinder geeignet?
Nein, mit seiner beklemmenden, intensiven Stimmung richtet sich der Film klar an ein erwachsenes Publikum.
Wer hat Regie geführt und wer spielt mit?
Regie führte Mary Bronstein, die Hauptrolle spielt Rose Byrne, daneben sind Delaney Quinn, Conan O'Brien, Danielle Macdonald, A$AP Rocky und weitere zu sehen.
Hat Rose Byrne für die Rolle einen Preis gewonnen?
Ja, für ihre Darstellung der Linda wurde Rose Byrne auf der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet.
Hältst du es 113 Minuten in Lindas Haut aus?
Wenn ja, erwartet dich ein Kinoerlebnis, das dir noch tagelang im Kopf herumgeht. If I Had Legs I'd Kick You unterhält nicht im klassischen Sinn, er rüttelt eher auf, zerrt an den Nerven und bringt einen zwischendurch peinlich berührt zum Lachen. Er hat seine Leerläufe, und sein gnadenloses Tempo wird nicht jedem gefallen, aber wegen Rose Byrne ist er ein Muss. Von mir gibt es eine klare Empfehlung, nur plane ihn nicht für den Freitagabend nach einer miesen Woche ein.
