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Kritik

L’Arnaqueuse Kritik: Die Oma, die einfach nicht sterben will und alle über den Tisch zieht

Französische FilmeKomödien

Selten passt die Grundidee einer Komödie in einen einzigen, leicht morbiden Satz, über den man schon beim Lesen schmunzeln muss. L’Arnaqueuse ist genau so ein Film: Eine verzweifelte junge Frau, die ein Kind erwartet, wartet darauf, dass eine alte Dame stirbt. Nur ist diese alte Dame deutlich gerissener als sie. Mit französischem Charme, schwarzem Humor und einem frech gut ausgedachten Duell will der Film nicht die Welt retten, schickt einen aber bestens gelaunt aus dem Kino.

7,0/10
Wertung
Eine liebenswerte, bissige und stellenweise wirklich gnadenlos komische französische Komödie, die von einer starken Grundidee und einer herrlich unterhaltsamen Oma lebt, auch wenn sie sich nicht immer traut, so böse zu sein, wie sie könnte.
Story
7
Schauspiel
8
Regie
7
Optik
7
Musik und Ton
6
Emotionen
7

Die Gesamtwertung ist der Durchschnitt der sechs Kriterien.

L’Arnaqueuse: Trailer

Filmdaten

RegieWilfried Méance
BesetzungFadily Camara, Josiane Balasko, Jean-Pascal Zadi, Tiphaine Daviot, Denis Mpunga, Pablo Pauly
GenreKomödien
LandFranzösische Filme

Eine Wohnung für einen Spottpreis, mit nur einer kleinen Bedingung

Fannys Lage kommt einem fast schmerzhaft bekannt vor: Sie ist pleite, schwanger und würde alles für eine eigene Wohnung tun. Wer schon einmal in einer Großstadt eine bezahlbare Bleibe gesucht hat, weiß genau, wovon die Rede ist. In Paris ist dieser Kampf noch aussichtsloser als anderswo. Und dann geschieht das Wunder: eine traumhafte Pariser Wohnung zu einem lächerlichen Preis, über einen Leibrentenvertrag mit einer älteren Dame.

Das Prinzip ist simpel. Der Käufer zahlt jetzt weniger, bekommt die Wohnung aber erst, wenn die Verkäuferin stirbt. Fanny muss also nur abwarten. Morbide? Ein bisschen. Logisch? Absolut. Dumm nur, dass Madame Massena überhaupt nicht ans Sterben denkt und vor unseren Augen regelrecht aufblüht. Schnell stellt sich heraus, dass hier keine zerbrechliche, einsame Seniorin sitzt, sondern eine ausgefuchste Hochstaplerin, die ihr Leben lang verzweifelte Käufer wie Fanny ausgenommen hat.

Von da an ist der Film ein ausgedehntes, einfallsreiches Duell zwischen zwei Frauen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben und doch zu erbitterten Gegnerinnen werden. Mehr verrate ich nicht, und mehr braucht es auch nicht: Die Stärke des Films liegt darin, wie die beiden versuchen, sich gegenseitig auszutricksen.

Eine Oma, die man gleichzeitig umarmen und anzeigen möchte

Seien wir ehrlich: Die Seele dieses Films ist Madame Massena. Die mit allen Wassern gewaschene, durchtriebene Oma gehört zu den dankbarsten Figuren der Komödie, weil wir an ältere Damen ganz bestimmte Erwartungen haben, und die werden hier mit sichtlichem Vergnügen über den Haufen geworfen. Massena spielt falsch, wickelt jeden um den Finger und will weder ausziehen noch überhaupt sterben. So eine Figur ist in einer gut geschriebenen Komödie Gold wert, und der Film weiß tatsächlich, was er mit ihr anfangen soll.

Fanny hat die undankbarere Aufgabe. Mit ihr sollen wir mitfühlen, obwohl ihr Plan moralisch ziemlich fragwürdig ist. Auf den Tod eines anderen Menschen zu warten, ist nicht gerade heiligmäßig. Der Film löst das klug: Fannys Situation ist so ausweglos, dass man ihr nicht böse sein kann, und die Oma genießt das Spiel so unverschämt, dass man sie nicht bemitleiden mag. Aus genau dieser Zwiespältigkeit entsteht der beste Humor.

Das Duell funktioniert, weil keine der beiden dumm ist. Es gibt nicht den nervigen Komödienkniff, dass eine Figur einfach ein Trottel ist und deshalb etwas passiert. Hier messen sich zwei clevere, entschlossene Frauen, und das macht deutlich mehr Spaß.

Die Besetzung: eine französische Legende und frische Gesichter

Die Hauptrollen spielen Fadily Camara und Josiane Balasko, und schon diese Paarung zeigt, worauf der Film hinauswill. Balasko ist eine der großen Damen der französischen Komödie, ihre Karriere erstreckt sich über Jahrzehnte, und sie weiß genau, wie man mit einem einzigen halben Lächeln eine Szene stiehlt. Camara bringt die Energie der jüngeren Generation mit, und diese Spannung zwischen den Generationen tut dem Film sichtbar gut.

In Nebenrollen sind Jean-Pascal Zadi, Tiphaine Daviot, Denis Mpunga, Pablo Pauly, Amaury de Crayencour, Bertrand Usclat und Marc Riso zu sehen. Ein typisch französisches, buntes Ensemble voller Charakterdarsteller, in dem jeder ein, zwei Momente bekommt, um zu glänzen. Besonders Zadi ist ein gutes Zeichen, sein Humor ist beim französischen Publikum längst eine etablierte Marke.

Am besten gefallen hat mir, dass niemand versucht, die Situationen zu überzeichnen. Die französische Komödie rutscht gern einmal ins Laute ab, hier ist die Dynamik zwischen den beiden Hauptfiguren aber stark genug, dass keine Grimassen die Pointen ersetzen müssen.

Wilfried Méance und das Rezept der französischen Komödie

Regie führt Wilfried Méance, der hier einem klassischen, bewährten Rezept folgt: eine einfache, griffige Grundidee, zwei starke Hauptfiguren, Paris als Kulisse und jede Menge Wortgefechte. Das ist das tägliche Brot der französischen Komödie, und nicht umsonst ist das Genre weit über Frankreich hinaus so beliebt. Spätestens seit Ziemlich beste Freunde wissen wir, dass die Franzosen meisterhaft darin sind, aus einem gesellschaftlichen Problem eine leichte und trotzdem herzliche Komödie zu machen.

Die Wohnungsnot ist genau so ein Problem. Der Film predigt nicht, hält keine Vorträge über Pariser Immobilienpreise, aber das Thema schwebt ständig im Hintergrund mit, und dadurch bekommt das Lachen einen bittersüßen Beigeschmack. Dieser Kontrast verleiht dem Film ein gewisses Gewicht, ohne das er nur ein netter Schwank wäre.

Das Tempo stimmt, der Film verliert sich nicht in Nebenhandlungen und weiß, dass die Hauptattraktion das Kräftemessen der beiden Frauen ist. Die Pariser Wohnung ist dabei fast eine eigene Figur: genau die Art Traumzuhause, bei der man versteht, warum jemand so viel dafür aufs Spiel setzt.

Wo der Film hätte Zähne zeigen können

Wenn man dem Film etwas vorwerfen muss, dann fehlenden Mut. Die Grundidee ist nämlich ausgesprochen düster: Eine junge Frau wartet darauf, dass eine alte Frau stirbt. Darin steckt das Potenzial für eine richtig gemeine schwarze Komödie, der Film entscheidet sich aber für den wärmeren, familienfreundlicheren Ton. Das ist nachvollziehbar, schließlich zielt er auf ein breites Publikum, doch manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Pointen genau dann zurückzucken, wenn sie richtig zuschlagen könnten.

Musik und Tonkulisse erfüllen ihren Zweck, bleiben aber nicht hängen. Die Bilder sind hübsch, Paris ist immer ein dankbares Motiv, visuell wagt der Film allerdings nichts Neues. Das sind keine gravierenden Schwächen, sie zeigen eher, dass hier ein sicherer, gut gemachter Publikumsfilm vorliegt und kein Werk, das das Genre neu erfindet.

Wer sich aber genau so einen leichten, klugen und unanstrengenden Abend wünscht, für den ist diese sichere Herangehensweise eher eine Tugend als ein Makel.

Für wen ist der Film?

Wenn er dir gefällt, schau auch: Ziemlich beste Freunde (2011), Monsieur Claude und seine Töchter (2014), The Hustle (2019), Ocean's 8 (2018)

Häufige Fragen

Worum geht es in L’Arnaqueuse?

Fanny, eine pleite, schwangere junge Frau, kommt über einen Leibrentenvertrag an eine Pariser Wohnung und wartet darauf, dass die betagte Verkäuferin Madame Massena stirbt. Die alte Dame blüht jedoch auf und entpuppt sich als professionelle Betrügerin, und zwischen den beiden beginnt ein herrlich gemeines Duell.

Wer spielt in L’Arnaqueuse mit?

Zur Besetzung gehören Fadily Camara, Josiane Balasko, Jean-Pascal Zadi, Tiphaine Daviot, Denis Mpunga, Pablo Pauly, Amaury de Crayencour, Bertrand Usclat und Marc Riso.

Wer hat bei L’Arnaqueuse Regie geführt?

Die französische Komödie stammt von Regisseur Wilfried Méance.

Lohnt es sich, das Geld lieber ins Kinoticket als in die Miete zu stecken?

Ich finde: ja. L’Arnaqueuse wird dein Leben nicht verändern, aber du bekommst eine gut geschriebene Grundidee, eine umwerfende Oma und ein unterhaltsames, kluges Duell. Der Film hätte böser, mutiger und schärfer sein können, doch der französische Charme, für den wir diese Filme lieben, ist auch so da. Nimm jemanden mit, mit dem du dich hinterher gut über Pariser Wohnungspreise unterhalten kannst und darüber, wer in dieser Geschichte eigentlich die wahre Betrügerin war.

Wertung: 7,0/10 · Story 7 · Schauspiel 8 · Regie 7 · Optik 7 · Musik und Ton 6 · Emotionen 7