Tony Kritik: heiße Küche, rohe Anfänge, Bourdain vor Bourdain
Bevor Anthony Bourdain zum bekanntesten reisenden Koch der Welt wurde, war er einfach ein Neunzehnjähriger, der am falschen Ort zur falschen Zeit landete. Oder eben genau am richtigen. Matt Johnsons Film erzählt von diesem einen Sommer und meißelt dabei kein Denkmal, sondern zeigt einen verwirrten, hungrigen, funkensprühenden jungen Mann. Tony ist nicht das perfekteste Gericht auf der Karte, aber eines, an das man noch tagelang denkt.
Eine chaotische, komische und überraschend berührende Ursprungsgeschichte, die Dominic Sessa praktisch allein trägt und die den Geist von Bourdain besser versteht als die meisten Hommagen.
Tony: Trailer
Filmdaten
| Regie | Matt Johnson |
|---|---|
| Besetzung | Dominic Sessa, Antonio Banderas, Emilia Jones, Leo Woodall, Stavros Halkias |
| Genre | Komödien, Filmdramen |
| Laufzeit | 106 Min. |
| Land | Amerikanische Filme |
Ein Sommer in Provincetown, der alles entschied
Die Ausgangslage ist simpel, und genau das macht sie stark. Der 19-jährige Anthony Bourdain reist nach Provincetown und rutscht dort eher zufällig in die chaotische Welt einer Restaurantküche. Kein großer Plan, keine Berufung, keine heilige Mission. Nur ein Junge, der dort hängen bleibt, wo zischende Pfannen und Küchenflüche den Takt vorgeben. Dieser schicksalhafte Sommer verändert sein Leben für immer und prägt seine ganze Zukunft.
Wer Bourdain kennt, weiß, wie viel Gewicht dieser Ausgangspunkt hat. Er war der Mann, der mit seinem Buch Kitchen Confidential die schmutzige, verschwitzte, adrenalingetriebene Realität der Profiküchen offenlegte und später im Fernsehen so durch die Welt zog, als wäre jeder Teller eine Tür in ein anderes Leben. Der Film will nicht diese fertige, charismatische Figur zeigen, sondern den Moment, in dem noch nichts entschieden war. Eine kluge Entscheidung.
Ich bleibe spoilerfrei: Über die konkreten Ereignisse verrate ich nicht mehr als die offizielle Inhaltsangabe, denn die Freude am Entdecken zählt hier wirklich.
Dominic Sessa: Der Junge, der uns auffiel, bekommt jetzt die Hauptrolle
Den Namen Dominic Sessa kennen viele seit The Holdovers, wo er neben Paul Giamatti so natürlich spielte, dass man glaubte, in einen Dokumentarfilm geraten zu sein. Genau diese rohe, ungekünstelte Präsenz braucht ein junger Bourdain. Sessa imitiert nicht und liefert keine Karikatur. Er spielt einen rastlosen, etwas frechen, etwas verlorenen jungen Mann, in dem schon etwas glüht.
Das größte Lob, das ich vergeben kann: Ich habe nicht darauf geachtet, wie ähnlich er ihm sieht, sondern darauf, was die Figur fühlt. Bei einem biografisch inspirierten Film ist das ein seltener Erfolg, und Sessa beweist hier endgültig, dass er kein One-Hit-Wonder ist.
Banderas und der Rest: ein starkes Ensemble
Allein Antonio Banderas hebt den Film schon an. In den letzten Jahren wählt er immer mutigere, selbstironischere Rollen, und es steht ihm gut, dass er nicht mehr der romantische Held ist, sondern der Mann für markante, gewichtige Figuren. Auch hier bekommt er genau so viel Raum, dass jede seiner Szenen Gewürz bleibt und nicht zum Hauptgang wird.
Emilia Jones, bekannt geworden durch CODA, ist eine feinfühlige, geerdete Schauspielerin, und es tut dem Film gut, dass inmitten des testosterongeladenen Küchenlärms jemand für Entschleunigung sorgt. Leo Woodall gehört seit der zweiten Staffel von The White Lotus zu den gefragtesten jungen britischen Gesichtern, und seine Lässigkeit funktioniert auch hier. Stavros Halkias bringt als Stand-up-Comedian genau das Timing mit, ohne das eine Küchenkomödie schlicht nicht atmen würde.
Die größte Stärke des Ensembles: Zusammen wirkt es glaubwürdig. Man hat das Gefühl, diese Leute treten sich wirklich seit Monaten in einem engen, heißen Raum gegenseitig auf die Füße.
Matt Johnson, der Regisseur, der das chaotische Leben liebt
Matt Johnson ist keiner, der sterile, glänzende Biopics dreht. BlackBerry hat gezeigt, dass er selbst aus einer scheinbar trockenen Wirtschaftsgeschichte einen nervenaufreibenden, witzigen, menschlichen Film machen kann, in dem die Figuren fehlbar und lächerlich sind und man trotzdem mit ihnen mitfiebert. In früheren Arbeiten wie The Dirties war der Handkamera-Look, fast dokumentarisch, sein Markenzeichen.
In einem Film über eine Restaurantküche ist diese Haltung Gold wert. Eine Küche ist ohnehin Chaos, und Johnson hat spürbar kein Bedürfnis, darin aufzuräumen. Die Regie ist wuselig, schwungvoll, manchmal vielleicht etwas zu zerfahren, aber das ist eher Stil als Fehler. Es passt perfekt zu Bourdain, der nie ein Freund des geordneten, abgezirkelten Lebens war.
Was funktioniert und wo die Soße etwas anbrennt
Was richtig gut funktioniert:
- Die Atmosphäre. Der Film versteht, warum die Küche so anziehend ist: der Teamgeist, der Druck, die Anspannung und diese seltsame Freiheit, die nur kennt, wer selbst schon an so einem Ort gearbeitet hat.
- Der Humor. Die Mischung aus Komödie und Drama wirkt nicht erzwungen, die Lacher sind echt und zerstören die ernsteren Momente nicht.
- Respekt ohne Heldenverehrung. Wir bekommen kein Heiligenbild, sondern einen Menschen, und ich glaube, genau das hätte Bourdain gewollt.
Wo es schwächelt:
- Die Dramaturgie. Der Fluch jeder Ursprungsgeschichte: Wir wissen, wo der Held landet, also entsteht die Spannung eher aus einzelnen Momenten als aus dem großen Bogen. Bei 106 Minuten wird das nicht zäh, aber stellenweise merkt man, dass der Film eher aus Stimmungsbildern gebaut ist.
- Der Schatten. Wer Bourdains späteres Schicksal kennt, schmeckt selbst in den leichten Momenten einen bitteren Nachgeschmack. Das ist nicht unbedingt ein Fehler, aber nicht jeder wird diese Doppelbödigkeit mögen.
Familienfreundlich ist das nicht: Die Küchenwelt wird hier rau gezeigt, und der Film will sie auch gar nicht anders darstellen. Für mich ist das der Preis der Glaubwürdigkeit, und er lohnt sich.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für Bourdain-Fans, für alle, die schon mal in der Gastronomie gearbeitet haben, und für alle, die The Holdovers oder BlackBerry mochten. Wer rohe, menschliche Dramen mit einer Prise Humor liebt, ist hier richtig.
- Lieber auslassen, wenn: Wer ein glänzendes, glattes, klassisches Biopic erwartet oder mit Kindern eine leichte Kochkomödie sehen will, wird enttäuscht. Tony richtet sich an ein erwachsenes Publikum und meint das auch ernst.
Wenn er dir gefällt, schau auch: The Holdovers (2023), BlackBerry (2023), Ratatouille (2007), Roadrunner: A Film About Anthony Bourdain (2021)
Häufige Fragen
Worum geht es in Tony?
Der 19-jährige Anthony Bourdain reist nach Provincetown und landet dort zufällig in der chaotischen Welt einer Restaurantküche. Dieser Sommer verändert sein Leben für immer und prägt seine Zukunft.
Wie lang ist der Film?
Tony dauert 106 Minuten.
Kann man den Film mit Kindern schauen?
Eher nicht. Die raue Küchenwelt mit ihrer derben Sprache richtet sich klar an ein erwachsenes Publikum.
Wer hat Regie geführt und wer spielt mit?
Regie führte Matt Johnson, in den Hauptrollen sind Dominic Sessa, Antonio Banderas, Emilia Jones, Leo Woodall und Stavros Halkias zu sehen.
Welchem Genre gehört der Film an?
Es ist eine US-amerikanische Mischung aus Komödie und Drama.
Lohnt es sich, einen Tisch in Tonys Küche zu reservieren?
Ja, und nicht nur für Bourdain-Fans. Tony ist kein makellos angerichtetes Sternemenü, eher ein um zwei Uhr nachts zusammengeworfenes Personalessen: ein bisschen chaotisch, ein bisschen fettig, aber ehrlich, und gerade deshalb tut es gut. Dominic Sessas Spiel allein ist das Kinoticket wert, und Matt Johnson zeigt erneut, dass er aus der Fehlbarkeit echter Menschen am besten Filme kocht. Wer sich je gefragt hat, woher das Feuer eines Menschen kommt, sollte diesen Sommer nicht verpassen.
