Kinoster
DE ▾

Vorab-Kritik

Victorian Psycho Vorab-Kritik: Wenn die Gouvernante das dunkelste Geheimnis des Hauses ist

Amerikanische FilmeHorrorfilmeKostümfilmeBuchverfilmungen

Irgendwann geht es im Gothic Horror nicht mehr um Gespenster, sondern um die Person, die den Tee serviert. Genau dort will Victorian Psycho hin: Eine junge Gouvernante zieht in ein abgelegenes Herrenhaus, und das Personal wird leise, aber stetig weniger. Falls der Titel noch nicht verrät, wohin die Reise geht, tut es spätestens die Besetzung.

7,3/10
Erwartete Wertung
Auf dem Papier entsteht hier einer der frechsten Gothic-Horrorfilme des Jahres, und wenn der Regisseur sich traut, gleichzeitig gemein und witzig zu sein, könnte daraus ein Kultfilm werden.
Story
7
Schauspiel
8
Regie
7
Optik
8
Musik und Ton
7
Emotionen
7

Die Gesamtwertung ist der Durchschnitt der sechs Kriterien.

Victorian Psycho: Trailer

Filmdaten

RegieZachary Wigon
BesetzungJason Isaacs, Maika Monroe, Ruth Wilson, Thomasin McKenzie, Evie Templeton
GenreHorrorfilme
Laufzeit90 Min.
LandAmerikanische Filme

1858, Ensor House: Worum geht es, ganz ohne Spoiler?

Die Ausgangslage ist so klassisch, dass man das Kerzenwachs förmlich riecht. Wir schreiben das Jahr 1858, und die exzentrische junge Gouvernante Winifred Notty trifft im entlegenen, düsteren Herrenhaus Ensor House ein. Es ist genau die Art Haus, in der die Flure länger sind als nötig, die Augen der Porträts einem folgen und alle viel zu höflich sind, um auszusprechen, was sie denken.

Während Winifred sich langsam einlebt, verschwinden nach und nach Mitglieder des Personals, und niemand kann sich erklären, warum. Die Hausherren fragen sich zunehmend, ob mit der neuen Gouvernante etwas nicht stimmt. Mehr wissen wir nicht, und ehrlich gesagt reicht das auch. Der Titel lässt ohnehin kaum Zweifel daran, wohin es geht. Spannend ist eher das Wie.

Und genau das gefällt mir an dieser Prämisse so gut: Viktorianische Gouvernantengeschichten erzählen traditionell von einer zerbrechlichen jungen Frau in einem bedrohlichen Haus. Hier scheint es umgekehrt zu sein. Diesmal ist es das Haus, das sich fürchten sollte. Allein dieser Perspektivwechsel verleiht dem Ganzen eine angenehm freche Note.

Ein Titel, der schon vorher zwinkert

Die Anspielung im Titel Victorian Psycho ist kaum zu übersehen. Wer American Psycho gesehen hat, weiß, welche Stimmung ihn erwartet: eine Gesellschaftssatire, an der Oberfläche elegant, darunter blutgetränkt. Überträgt der Film diesen Ansatz in eine Welt aus Korsetts und strenger Etikette, kann das genauso komisch wie unheimlich werden.

Das viktorianische Zeitalter ist dafür das perfekte Terrain. Eine Gesellschaft, in der der Schein über allem steht, in der Dienstboten unsichtbar sind und in der eine Gouvernante genau zwischen Herrschaft und Personal steht. Niemand beachtet sie wirklich, und gerade das macht sie gefährlich. Spielt das Drehbuch geschickt mit dieser sozialen Unsichtbarkeit, entsteht hier nicht bloß ein weiterer Kostüm-Slasher, sondern eine richtig boshafte Klassensatire.

Das Risiko liegt freilich genau darin: Zu lautes Augenzwinkern kann das Ganze schnell in Richtung Parodie kippen lassen. Ein solcher Film muss Spannung und schwarzen Humor gleichzeitig im Griff haben, und das ist deutlich schwieriger, als es aussieht.

Eine Besetzung, bei der einem das Wasser im Mund zusammenläuft

Wenn man jetzt schon auf etwas wetten kann, dann auf das Ensemble. Der Reihe nach:

Wer genau wen spielt, lasse ich vorerst offen. Aber mit so vielen Charakterköpfen in einem Herrenhaus kann man fast sicher sein, dass die Dinnerszenen den Film tragen werden. Bei dieser Truppe ist es schon spannend, wenn alle nur am Tisch sitzen und nicht aussprechen, was sie denken.

Zachary Wigon: vom Kammerspiel zum Herrenhaus-Horror

Regie führt Zachary Wigon, der mit Sanctuary auf sich aufmerksam gemacht hat, einem Machtspiel für zwei Personen, das fast vollständig an einem Ort spielt. Dort ging es darum, wer in einem Raum die Kontrolle hat, wer wen manipuliert und wann die Machtverhältnisse kippen. Wenn davon etwas in Victorian Psycho einfließt, würde mich das sehr freuen, denn im Kern geht es hier um dasselbe: einen geschlossenen Raum, in dem die Hierarchie scheinbar in Stein gemeißelt ist, bis jemand beginnt, sie Stück für Stück auseinanderzunehmen.

Wigons Stärke sind angespannte, schauspielergetriebene Dialoge. Die Frage ist eher, wie gut er das auf Horror hochskalieren kann. Ein gotisches Herrenhaus ist kein Hotelzimmer: Es braucht Ausstattung, Atmosphäre, mit Licht gemalte Räume und einen Rhythmus, der nicht in der eigenen Eleganz erstickt. Die Laufzeit von 90 Minuten ist hier ausdrücklich eine gute Nachricht. Das wird kein zweieinhalbstündiger, sich selbst zerdenkender Prestige-Horror, sondern hoffentlich ein straffes, fieses kleines Stück.

Was richtig gut werden kann und wo es danebengehen könnte

Was dafür spricht:

Was mir Sorgen macht:

Das dunkle Erbe der gotischen Gouvernantengeschichten

Die Gouvernante gehört zu den ältesten Figuren der Gothic-Literatur und des Gothic-Kinos. Seit Schloss des Schreckens wissen wir, dass eine junge Frau, ein riesiges Haus und ein paar seltsame Kinder genügen, damit das Publikum wochenlang nicht schläft. The Others hat diese Tradition raffiniert verdreht, und Lady Macbeth hat gezeigt, wie furchteinflößend eine Frau sein kann, die man in ein kaltes Landhaus sperrt und die irgendwann beschließt, dass es reicht.

Victorian Psycho stülpt dieses Erbe ganz offensichtlich um. Die klassische Gouvernante ist Opfer, Beobachterin oder Verrückte, der niemand glaubt. Winifred Notty wirkt nach der Inhaltsangabe eher wie ein Fehler im System: jemand, den niemand ernst genug genommen hat, um sich vor ihr zu fürchten. Zieht der Film diese Umkehrung klug durch, wird er nicht nur unterhaltsam, sondern auch ein kleiner, frecher Kommentar darauf, wie viel einem Haus entgeht, das nur sein eigenes Spiegelbild betrachtet.

Für wen ist der Film?

Wenn er dir gefällt, schau auch: Schloss des Schreckens (1961), The Others (2001), Lady Macbeth (2016), American Psycho (2000), Crimson Peak (2015)

Häufige Fragen

Worum geht es in Victorian Psycho?

Im Jahr 1858 kommt die exzentrische junge Gouvernante Winifred Notty in das abgelegene, gotische Herrenhaus Ensor House. Während sie sich einlebt, verschwindet auf unerklärliche Weise das Personal, und die Hausherren fragen sich, ob mit der neuen Gouvernante etwas nicht stimmt.

Wie lang ist Victorian Psycho?

Der Film hat eine Laufzeit von 90 Minuten.

Ist Victorian Psycho für Kinder geeignet?

Nein. Victorian Psycho ist ein Horrorfilm, der sich ausdrücklich an ein erwachsenes Publikum richtet.

Wer hat bei Victorian Psycho Regie geführt?

Regie führte Zachary Wigon.

Wer spielt in Victorian Psycho mit?

Zu den Hauptdarstellern gehören Jason Isaacs, Maika Monroe, Ruth Wilson, Thomasin McKenzie und Evie Templeton.

Lohnt sich der Kinobesuch für eine mörderische Gouvernante?

Meine Antwort lautet vorerst ein klares Ja, mit einer Prise Vorsicht. Victorian Psycho bringt alles mit, was ein denkwürdiger Genrefilm braucht: eine denkbar einfache und trotzdem raffinierte Grundidee, eine unglaublich starke Besetzung, einen Regisseur, der mit geschlossenen Räumen und Machtspielen umzugehen weiß, und eine wohltuend kurze Laufzeit. Das Risiko liegt im Ton. Trifft Wigon das richtige Verhältnis zwischen bösem Humor und echter Spannung, könnte das einer der ersten echten Kultfilme des kommenden Kinojahres werden.

Und falls nicht, bekommen wir immer noch anderthalb Stunden mit Maika Monroe, Jason Isaacs und Ruth Wilson in einem Herrenhaus bei Kerzenschein. Ich kann mir deutlich schlechtere Kinoabende vorstellen. Meine vorläufige Wertung: 7,5/10, und ich gebe zu, insgeheim rechne ich damit, nach dem Kinostart nach oben korrigieren zu müssen.

Erwartete Wertung: 7,3/10 · Story 7 · Schauspiel 8 · Regie 7 · Optik 8 · Musik und Ton 7 · Emotionen 7