Fences Kritik: Denzel Washington sperrt den ganzen amerikanischen Traum in einen Hinterhof
Selten setzt man sich vor einen Film, von dem man weiß, dass zwei Stunden lang fast nur geredet wird, und selten steht man danach auf mit dem Gefühl, dass einem die ganze Zeit die Luft weggeblieben ist. Fences ist so ein Film. Denzel Washington setzt als Regisseur und Hauptdarsteller alles auf eine Karte: auf den Text und auf sein Ensemble. Und diese Wette geht größtenteils auf.
Ein Fest für Schauspielfans auf engstem Raum: langsam, wortreich und manchmal bühnenhaft, aber das Duo Washington und Viola Davis ist so stark, dass sich jede Minute lohnt.
Fences: Trailer
Filmdaten
| Kinostart in Deutschland | 16.2.2017 |
|---|---|
| Regie | Denzel Washington |
| Besetzung | Denzel Washington, Viola Davis, Stephen McKinley Henderson, Jovan Adepo, Russell Hornsby, Mykelti Williamson |
| Genre | Dramen |
| Laufzeit | 139 Min. |
| FSK | 6 |
| Land | Amerikanische Filme, Kanadische Filme |
Müllwagen, Gin am Freitag und ein unerfüllter Traum
Troy Maxson lebt im Amerika der 1950er Jahre, in einem afroamerikanischen Viertel von Pittsburgh. Früher hat er Baseball in den Negro Leagues gespielt, heute verdient er sein Geld bei der Müllabfuhr. Die Arbeit ist eintönig und zermürbend, sie schlaucht nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. Nach Feierabend bleiben ihm zwei Dinge: seine Frau Rose und seine Freunde, mit denen er im Hof vor dem Haus Geschichten, Witze und alte Kränkungen austauscht.
Nebenbei versuchen Troy und Rose, ihren beiden Söhnen den Weg zu ebnen. Der eine will Musiker werden, der andere träumt von einer Karriere im American Football. Mehr muss man als Ausgangslage nicht wissen, und mehr will ich auch nicht verraten. Die Stärke des Films liegt nicht in Wendungen, sondern darin, wie sich aus dieser alltäglichen Situation langsam und fast unmerklich die Bilanz eines ganzen Lebens entfaltet.
Das ist kein Drama, in dem es von Szene zu Szene knallt. Es fühlt sich eher an wie ein langes Familienessen, bei dem alle ahnen, dass früher oder später jemand das ausspricht, was besser ungesagt bliebe. Und genau das passiert.
Denzel Washington, der laute König
Denzel Washington kennt man für seine charismatischen, selbstsicheren Figuren, vom korrupten Cop in Training Day bis zur Titelrolle in Malcolm X. Troy Maxson scheint auf den ersten Blick in diese Reihe zu passen: laut, erzählfreudig, verliebt in die eigene Stimme, und jedes Gespräch gewinnt er. Doch je länger der Film läuft, desto klarer wird, dass diese Lautstärke keine Stärke ist, sondern ein Panzer.
Washington macht hier etwas sehr Unbequemes, und das meine ich als Kompliment: Er will gar nicht, dass wir Troy mögen. Er lässt ihn nervig sein, ungerecht, er lässt ihn Dinge zu seinen Söhnen sagen, bei denen man am liebsten dazwischengehen würde. Trotzdem sehen wir in ihm den Menschen, den die Welt immer wieder auf der falschen Seite des Zauns stehen gelassen hat. Diese Zwiespältigkeit ist das Rückgrat des Films, und Washington lässt sie keinen Moment los.
Wenn man ihm etwas vorwerfen kann, dann die schiere Menge an Monologen. Troy redet viel, und manchmal spürt man, dass der Schauspieler den Text ein bisschen mehr genießt, als die Szene es bräuchte.
Viola Davis, die leise den ganzen Film an sich reißt
Wenn Troy der Sturm ist, dann ist Rose das Haus, das auch im Sturm stehen bleibt. Viola Davis gehört zu den besten Charakterdarstellerinnen, die Hollywood in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat, das wissen wir spätestens seit Glaubensfrage und The Help. Aber hier gelingt ihr etwas ganz Besonderes. Rose wirkt lange wie eine Nebenfigur: Sie kocht, hört zu, lächelt über Troys Geschichten und beschwichtigt, wenn es nötig ist.
Dann kommt der Moment, in dem sie das Wort ergreift, und ab da fällt das Atmen schwer. Wann und warum, verrate ich nicht, aber wer den Film gesehen hat, weiß genau, welche Szene gemeint ist. In Davis' Gesicht liegt alles, was Rose jahrelang in sich hineingefressen hat, und genau für solches Spiel geht man überhaupt ins Kino.
Ganz ehrlich: Wenn ich nur einen Grund nennen dürfte, Fences zu schauen, dann wäre es Viola Davis.
Nebenfiguren, die mehr sind als Kulisse
Es wäre leicht gewesen, alles auf die beiden Hauptfiguren zu bauen, doch auch das Ensemble drumherum ist ausgesprochen stark. Stephen McKinley Henderson als Jim Bono, Troys bester Freund, ist eine der wärmsten Präsenzen des Films: Er lacht über die Witze, sieht aber auch, was Troy nicht sehen will.
Jovan Adepo hat als Cory, der jüngere Sohn, die schwierigste Aufgabe. Er muss seinem Vater die Stirn bieten, während man ihm ansieht, wie sehr er sich nach dessen Anerkennung sehnt. Russell Hornsby spielt Lyons, den älteren Sohn mit Musikerambitionen, hervorragend als jemanden, der im Schatten seines Vaters ein eigenes Leben aufbauen will.
Besonders erwähnenswert ist Mykelti Williamson als Gabriel Maxson, Troys Bruder. Die Figur wirkt zunächst seltsam und bruchstückhaft, doch jeder seiner Auftritte verändert die Stimmung, und er trägt einen der schmerzhaftesten Handlungsstränge. Saniyya Sidney taucht als Raynell in einer kleineren, aber einprägsamen Rolle auf.
Ein Hof, ein Haus, ein Zaun: Wo die Regie ins Stolpern gerät
Jetzt kommt der weniger begeisterte Teil. Denzel Washington wollte als Regisseur sichtlich seine Darsteller und den Text respektieren, und das ist richtig so. Das Problem: Diese Entscheidung hat ihren Preis. Fences wirkt oft eher wie abgefilmtes Theater als wie Kino. Die Schauplätze sind eng, die Szenen lang, und die Kamera beobachtet häufig nur, statt zu erzählen.
In manchen Momenten tut das dem Film richtig gut, weil man als Zuschauer quasi mit Troys Familie in diesem Hof eingesperrt ist und der Spannung nicht ausweichen kann. An anderen Stellen machen sich die 139 Minuten aber deutlich bemerkbar, vor allem im Mittelteil, in dem sich die Gespräche im Kreis drehen.
- Was funktioniert: die Schauspielführung, der Rhythmus der Dialoge und die wenigen, aber präzise gesetzten emotionalen Ausbrüche.
- Was weniger funktioniert: die fehlende visuelle Fantasie, das stellenweise zähe Tempo und einige Monologe, die sich zu lang ziehen.
Die Bildsprache ist also nicht die Stärke des Films. Die Atmosphäre im Pittsburgh der Fünfziger entsteht eher durch Kleidung, Gesten und Sprache der Figuren als durch die Bilder.
Väter, Söhne und die Zäune, die wir bauen
Der Titel kommt nicht von ungefähr. Auf jeder Ebene geht es um Zäune: um die, die die Gesellschaft um Troy gezogen hat, um die, die er selbst um seine Familie zieht, und um die, über die seine Söhne zu springen versuchen. Einer der spannendsten Gedanken des Films ist, dass Verletzungen weitergegeben werden. Troy, der im Leben so oft gegen Wände gelaufen ist, baut dieselbe Wand vor seinem eigenen Sohn auf und merkt es vielleicht nicht einmal.
Dadurch ist Fences nicht nur ein Drama über eine bestimmte Epoche, sondern ein sehr gegenwärtiger Film. Wer eine komplizierte Beziehung zum eigenen Vater hatte oder als Elternteil gemerkt hat, dass er genau das tut, was er früher gehasst hat, wird sich in mindestens einer Szene wiedererkennen. Und das tut weh, im besten Sinne.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für alle, die schauspielgetragene, dialoglastige Dramen lieben und keine Angst vor einer langsamen, aber tief gehenden Familiengeschichte haben. Für Fans von Denzel Washington und Viola Davis ein Pflichttermin.
- Lieber auslassen, wenn: Wer eine temporeiche Handlung, spektakuläre Bilder oder leichte Abendunterhaltung sucht, wird wahrscheinlich schon nach der Hälfte auf die Uhr schauen.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Moonlight (2016), The Help (2011), Glaubensfrage (2008), If Beale Street Could Talk (2018), Der Butler (2013)
Häufige Fragen
Worum geht es in Fences?
Um Troy Maxson, einen ehemaligen Baseballspieler aus den Negro Leagues, der in den 1950er Jahren bei der Müllabfuhr in Pittsburgh arbeitet und mit seiner Frau Rose versucht, die Zukunft seiner beiden Söhne zu gestalten.
Wie lang ist Fences?
Der Film dauert 139 Minuten.
Wann kam Fences in die deutschen Kinos?
Fences startete am 16. Februar 2017 in den deutschen Kinos.
Wer hat Fences inszeniert?
Regie führte Denzel Washington, der zugleich die Hauptfigur Troy Maxson spielt.
Wer spielt Rose Maxson in Fences?
Rose Maxson wird von Viola Davis gespielt.
Wie lautet der Originaltitel von Fences?
Der Originaltitel lautet ebenfalls Fences. Der Film ist eine US-amerikanisch-kanadische Koproduktion.
Lohnt es sich, über diesen Zaun zu klettern?
Ja, aber man sollte wissen, worauf man sich einlässt. Fences unterhält nicht im klassischen Sinn. Der Film setzt einen hin, schließt die Tür ab und lässt einen zwei Stunden lang den schmerzhaftesten Gesprächen einer Familie zuhören. Als Regisseur hätte Washington mutiger sein können, die Laufzeit hätte straffer ausfallen dürfen. Doch wenn Viola Davis und Denzel Washington sich in diesem kleinen Hof gegenüberstehen, verblasst jede Schwäche. Das ist ein Film, über den man nicht wegen seiner Bilder spricht, sondern weil man danach ein bisschen anders über den eigenen Vater denkt. Von mir eine klare Empfehlung, am besten mit einem Glas von irgendwas und einem ruhigen Abend.
