House of Gucci Kritik: Lady Gaga stiehlt die Show, der Film stolpert gleich zweimal auf dem Laufsteg
Manche Filme sind wie eine teure Handtasche: Aus der Ferne beeindruckend, aus der Nähe sieht man die Nähte. House of Gucci ist genau so ein Fall. Eine glitzernde, laute, stellenweise herrlich überdrehte Familientragödie, die Ridley Scott mit einer derart prominenten Besetzung gefüllt hat, dass sich der Film schon über das Plakat verkauft. Ob am Ende ein Meisterwerk oder prachtvoller Kitsch herauskommt, ist wohl Ansichtssache. Ich habe mich irgendwo dazwischen niedergelassen.
Lady Gaga ist überwältigend, das Ensemble ein Fest, doch der Film ist zu lang und weiß nie so recht, ob er Seifenoper oder Tragödie sein will.
Filmdaten
| Kinostart in Deutschland | 25.11.2021 |
|---|---|
| Regie | Ridley Scott |
| Besetzung | Lady Gaga, Adam Driver, Al Pacino, Jeremy Irons, Jared Leto, Jack Huston |
| Genre | Dramen, Krimis, Historienfilme |
| Laufzeit | 158 Min. |
| FSK | 12 |
| Land | Kanadische Filme, Amerikanische Filme |
Eine Einheirat, die alles in die Luft jagt
Der Film erzählt eine wahre Geschichte: das Innenleben des Familienimperiums hinter dem italienischen Modehaus Gucci. Im Mittelpunkt steht Patrizia Reggiani, die aus einfachen Verhältnissen stammt, als Außenseiterin auftaucht und in die Gucci-Familie einheiratet. Damit beginnt eine Talfahrt, die der Film mit immer mehr Tempo hinabrollen lässt.
Patrizias ungezügelter Ehrgeiz zersetzt nämlich den Zusammenhalt der Familie, und die Geschichte gerät in einen Strudel aus Verrat, Niedergang, Rache und schließlich Mord. Das darf ich ruhig verraten, denn der Film macht selbst kein Geheimnis daraus, wohin die Reise geht. Die Frage ist nicht, was passiert, sondern wie die Figuren dorthin gelangen.
Und genau hier liegen die größte Stärke und die größte Schwäche zugleich: Das Wie ist mal fesselnd, mal aber so ausgedehnt, dass man unwillkürlich auf die Uhr schaut. Eine klassische Geschichte von Aufstieg und Fall, nur eben in Samt und Leder verpackt.
Lady Gaga, Motor und Seele des Films
Ich will gar nicht drumherum reden: Lady Gaga als Patrizia Reggiani ist das Beste an diesem Film. Sie spielt die verliebte, aufstrebende junge Frau ebenso überzeugend wie die Figur, in der die Gier nach und nach alles auffrisst. Da ist Humor, da ist Bedrohung, und da ist auch etwas Erbärmliches, weshalb man sie nie ganz hassen kann.
Was mir besonders gefallen hat: Gaga scheut die Übertreibung nicht, spürt aber genau, wann sie zurücknehmen muss. Ihre Patrizia will in jeder Szene gesehen werden, und genau das ist der Kern der Figur. Sobald sie auf der Leinwand ist, erwacht der Film zum Leben. Ist sie weg, wartet man oft nur darauf, dass sie zurückkommt.
Adam Driver bildet als Maurizio Gucci den zurückhaltenderen, leiseren Gegenpol. Das wirkt wie eine bewusste Entscheidung und funktioniert auch: Maurizio ist ein Mann, der von den Ereignissen getrieben wird, und Driver bringt dieses Treibenlassen hervorragend rüber. Nur spielt Gaga neben ihm so groß auf, dass er manchmal fast verschwindet.
Starparade: Pacino, Irons und das Rätsel Leto
Die Liste der Nebendarsteller liest sich, als hätte jemand ein filmisches Dream Team zusammengestellt. Al Pacino hat als Aldo Gucci sichtlich Spaß an seiner Rolle, und das steckt an: Jede seiner Szenen sprüht vor Energie. Jeremy Irons gibt als Rodolfo Gucci das altmodische, würdevolle Familienoberhaupt, mit Eleganz und einer Spur müder Bitterkeit.
Und dann ist da noch Jared Leto als Paolo Gucci. Er ist das umstrittenste Element des Films, und ehrlich gesagt konnte auch ich mich nicht entscheiden, ob das genial oder peinlich ist. Leto verschwindet vollständig hinter seiner Figur, sein Spiel ist laut und beinahe karikaturhaft. In manchen Szenen ist das richtig witzig, in anderen wirkt er, als wäre er aus einem anderen, deutlich komischeren Film herübergestolpert.
Jack Huston bekommt als Domenico De Sole weniger Gelegenheit zu glänzen, ist aber ein verlässlicher Ruhepol. Salma Hayek Pinault ist als Pina Auriemma eine schillernde, spannende Erscheinung, schade, dass sie nicht mehr Raum erhält. Alexia Murray vervollständigt als Silvana Reggiani das Familienbild.
Ridley Scott, der Erzähler im großen Format
Der Name Ridley Scott steht für Schauwerte, schließlich hat er Alien, Blade Runner und Gladiator inszeniert. Auch in House of Gucci merkt man, dass er genau weiß, wie man groß auftrumpft. Kulissen, Kostüme und Schauplätze vermitteln durchweg das Gefühl, in eine Welt einzutauchen, die vor Geld und Geschmack nur so trieft.
Die Tonlage ist allerdings der Schwachpunkt. Der Film schwankt ständig zwischen bitterernster Familientragödie und einer Seifenoper, die beinahe ins Parodistische kippt. Manchmal wirkt das gewollt, oft eher unentschlossen. In der einen Szene lacht man über Letos Übertreibungen, in der nächsten soll man erschüttert sein. Bei mir ist dieses Auf und Ab nicht immer angekommen.
Die Laufzeit von 158 Minuten tut dem Rhythmus ebenfalls nicht gut. Der Mittelteil zieht sich spürbar, und obwohl das Ensemble alles gibt, um den Schwung zu halten, hätte der Film mit mindestens zwanzig Minuten weniger deutlich mehr Wucht entfaltet.
Was glänzt und was nur Glitzerstaub ist
Hier der klare Überblick, was funktioniert und was nicht:
- Funktioniert: Lady Gagas Darbietung, die den Film mühelos auf ihren Schultern trägt.
- Funktioniert: Optik, Zeitkolorit und Kostüme, die der Geschichte eines Modehauses entsprechend atemberaubend sind.
- Funktioniert: das Duo Pacino und Irons, zwei Legenden, die jeden Satz zum Genuss machen.
- Funktioniert weniger: die überdehnte Laufzeit und die lockere Struktur.
- Funktioniert weniger: der unsichere Ton, der nicht weiß, wie ernst er sich selbst nehmen soll.
- Geschmackssache: Jared Letos Auftritt, den man entweder liebt oder nervig findet.
Die italienischen Akzente verdienten eigentlich ein eigenes Kapitel: Bei manchen sind sie authentische Würze, bei anderen eher ein Kostümteil. Auch das gehört zu jener Übertreibung, die diesen Film zugleich unterhaltsam und ein wenig lächerlich macht.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für alle, die große, glamouröse Familiendramen und Kriminalgeschichten nach wahren Begebenheiten mögen und neugierig auf eine von Lady Gagas stärksten Filmrollen sind.
- Lieber auslassen, wenn: Wer sich an langer Laufzeit und schwankendem Ton stört oder einen straffen, temporeichen Krimi erwartet, sollte lieber zu etwas anderem greifen.
Wenn er dir gefällt, schau auch: A Star Is Born (2018), The Wolf of Wall Street (2013), Der seidene Faden (2017), The Last Duel (2021), American Gangster (2007)
Häufige Fragen
Worum geht es in House of Gucci?
Um die wahre Geschichte des Familienimperiums hinter dem italienischen Modehaus Gucci. Patrizia Reggiani heiratet in die Gucci-Familie ein, und ihr Ehrgeiz treibt die Ereignisse in Richtung Verrat, Rache und schließlich Mord.
Wie lang ist House of Gucci?
Der Film dauert 158 Minuten.
Wann kam House of Gucci in die deutschen Kinos?
Der Film startete am 25. November 2021 in den deutschen Kinos.
Wer hat House of Gucci inszeniert?
Regie führte Ridley Scott.
Wer spielt in House of Gucci mit?
Lady Gaga (Patrizia Reggiani), Adam Driver (Maurizio Gucci), Al Pacino (Aldo Gucci), Jeremy Irons (Rodolfo Gucci), Jared Leto (Paolo Gucci), Jack Huston, Salma Hayek Pinault und Alexia Murray.
Lohnt sich ein Abend bei Familie Gucci?
Ja, aber man sollte wissen, worauf man sich einlässt. House of Gucci ist nicht der präzise, kühle Kriminalfilm, den man vielleicht von Ridley Scott erwarten würde, sondern eine laute, luxuriöse Familientragödie, die sich selbst bisweilen nicht ganz ernst nimmt. Wegen Lady Gaga ist er trotzdem Pflicht: Sie beherrscht die Leinwand mit solcher Selbstsicherheit, dass es sich trotz aller Schwächen lohnt, bis zum Schluss dranzubleiben. Ein Glas Wein, ein bequemes Sofa und etwas Geduld für die mittlere Stunde, dann wird das ein guter Abend. Kein Meisterwerk, aber ganz sicher ein Film, der im Gedächtnis bleibt.
