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Kritik

Der Schacht Kritik: Das grausamste Abendessen, das du je gesehen hast

Spanische FilmeDramenScience-Fiction-FilmeThriller

Manchmal reicht ein einziges Bild, um einen Film zu tragen. Hier ist es ein Tisch voller Essen, der Etage für Etage nach unten sinkt. Der Schacht ist grausam, eklig, rabenschwarz komisch und schmerzhaft klug, eine Gesellschaftsparabel, nach der du dein eigenes Abendessen mit anderen Augen siehst. Galder Gaztelu-Urrutias spanischer Film wirkt wie ein kleines Low-Budget-Konzeptstück, schlägt aber härter zu, als es eine große Studioproduktion je könnte.

8,3/10
Wertung
Eine gnadenlose, genial einfache Allegorie, die einen 95 Minuten lang nicht loslässt, selbst dann nicht, wenn man am liebsten wegschauen würde.
Story
9
Schauspiel
8
Regie
9
Optik
8
Musik und Ton
7
Emotionen
9

Die Gesamtwertung ist der Durchschnitt der sechs Kriterien.

Der Schacht: Trailer

Filmdaten

OriginalEl hoyo
RegieGalder Gaztelu-Urrutia
BesetzungIvan Massagué, Antonia San Juan, Zorion Eguileor, Emilio Buale, Alexandra Masangkay, Zihara Llana
GenreDramen, Science-Fiction-Filme, Thriller
Laufzeit95 Min.
LandSpanische Filme

Ein Loch, ein Aufzug, ein Tisch: Worum geht es in Der Schacht?

Die Grundidee ist so simpel, dass sie fast wie ein Kindermärchen klingt, nur eben aus der allerdunkelsten Ecke. Es gibt eine Anstalt mit übereinander gestapelten Ebenen. Jeden Tag fährt eine Plattform, beladen mit Essen bis zum Rand, von Stockwerk zu Stockwerk nach unten. Wer oben sitzt, schlemmt und isst, so viel er nur kann. Je tiefer die Plattform sinkt, desto weniger bleibt übrig. Auf den unteren Ebenen kommt kaum noch etwas an, wenn überhaupt. Und wie es in der offiziellen Inhaltsangabe heißt: Die Revolte liegt in der Luft.

Mehr sollte man gar nicht verraten, denn die Stärke von Der Schacht liegt genau darin, wie der Film nach und nach sein eigenes Regelwerk zusammensetzt. Keine lange Einleitung, keine Erklärungen. Man wird mitten hineingeworfen und versucht ab da genauso wie die Figuren herauszufinden, wie dieser Ort funktioniert. Der spanische Originaltitel El hoyo bedeutet übrigens so viel wie "das Loch" oder "die Grube". Und genau das ist dieser Film: eine Grube, in die man hineinfällt.

Gesellschaftskritik mit Löffel, Gabel und Messer

Man muss kein Philosophiestudium hinter sich haben, um zu verstehen, wovon dieser Film spricht. Die vertikale Anstalt ist die Gesellschaft selbst, die oberen Etagen sind die Privilegierten, die unteren die Abgehängten, und das herabsinkende Essen steht für all die Ressourcen, von denen theoretisch genug für alle da wäre. Theoretisch. Denn würde jeder nur so viel essen, wie er braucht, käme vielleicht sogar ganz unten noch etwas an. Aber wer denkt schon an die da unten, solange er selbst oben sitzt?

Was den Film so wirkungsvoll macht: Er predigt nicht. Genauer gesagt predigt er sehr wohl, aber so geschickt verpackt, dass man es erst hinterher merkt. Dann nämlich, wenn der Abspann läuft, man immer noch auf dem Sofa sitzt und sich fragt, auf welcher Ebene man selbst noch anständig bleiben würde. Darum geht es eigentlich. Nicht darum, dass das System ungerecht ist (das weiß jeder), sondern darum, was du darin tun würdest. Der Schacht zeigt schonungslos, wie schnell Solidarität verdunstet, sobald es um die eigene Haut geht.

Dazu kommt schwarzer Humor, und zwar reichlich. Manche Szenen sind so absurd, dass man laut auflacht und eine Sekunde später merkt, dass man darüber eigentlich nicht lachen sollte. Diese Doppelbödigkeit ist eine der besten Waffen des Films.

Gesichter in der Tiefe: die Besetzung

In der Hauptrolle spielt Ivan Massagué den Goreng, und durch seine Augen erleben wir den ganzen Albtraum. Massagué gibt hervorragend den Durchschnittsmenschen, der den Wahnsinn um sich herum anfangs eher verständnislos als entsetzt betrachtet. Genau das braucht der Film: eine Figur, mit der man sich leicht identifiziert, weil sie genauso unbeholfen und unsicher ist, wie wir es wären.

Unter den Nebenfiguren ist es Zorion Eguileor als Trimagasi, den man so schnell nicht vergisst. Eine Figur, bei der es einem eiskalt den Rücken herunterläuft und der man trotzdem irgendwie mit Vergnügen zusieht. Eguileor spielt beängstigend natürlich, und gerade das macht ihn so unheimlich. Antonia San Juan bringt als Imoguiri eine völlig andere Energie in den Film, Emilio Buale als Baharat und Alexandra Masangkay als Miharu hinterlassen ebenfalls einen starken Eindruck. Komplettiert wird das Ensemble von Zihara Llana (Mali) und Mario Pardo.

Auffällig ist: Hier gibt es keinen einzigen Hollywoodstar, und das tut dem Film gut. Nicht die Namen tragen die Geschichte, sondern Gesichter, Gesten und Gespräche. Bei einem Kammerspiel wie diesem, in dem die Figuren meist auf engstem Raum zusammengesperrt sind, entscheidet die Präsenz der Darsteller alles. Und hier fällt so gut wie niemand ab.

Galder Gaztelu-Urrutia, Meister des Minimalismus

Was Regisseur Galder Gaztelu-Urrutia aus diesem Konzept herausholt, ist beeindruckend. Der Schacht kommt im Grunde mit einer einzigen Kulisse aus, einem immer gleichen Raum, der leicht hätte langweilig werden können. Stattdessen schlägt der Regisseur aus jeder kleinen Veränderung Spannung: aus einem Lichtwechsel, einer neuen Etagennummer, einem neuen Zellengenossen. Die Klaustrophobie des engen, betongrauen Raums legt sich fast körperlich auf den Zuschauer.

Die Optik ist bewusst kalt und steril gehalten, was den grotesken, überquellenden Reichtum auf der Plattform noch stärker hervorhebt. Die kunstvoll arrangierten Speisen, die sich langsam in widerliche Reste verwandeln, erzählen schon für sich genommen alles, was der Film sagen will. Das ist Regiearbeit, bei der nichts auf der Leinwand dem Zufall überlassen bleibt.

Auch das Tempo verdient Lob: 95 Minuten sind genau richtig. Der Film zieht sich nicht, will nicht mehr sein, als die Grundidee hergibt. Straff und fokussiert, und wenn er endet, hat man eher das Gefühl, man hätte gern noch länger zugeschaut, als dass es zu viel gewesen wäre.

Wo auch der Magen protestiert: die Schwächen

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Der Schacht ist nichts für schwache Nerven. Es gibt Szenen, bei denen selbst abgebrühte Zuschauer den Kopf wegdrehen. Gewalt und körperliche Ausgeliefertheit sind hier keine Dekoration, sondern Teil der Aussage, aber leichter anzusehen wird es dadurch nicht. Wer den Film beim Abendessen schauen möchte: viel Glück.

Der zweite Punkt, an dem sich die Geister scheiden, ist die Symbolik. Ab einem gewissen Moment wird die Parabel immer verschlüsselter und rätselhafter, und nicht jeder wird es mögen, dass er nicht auf jede Frage eine klare Antwort bekommt. Ich schätze das ausdrücklich, kann aber jeden verstehen, der danach aufsteht und fragt: Schön und gut, aber was war das jetzt?

Ein kleinerer Einwand noch: Die Allegorie ist stellenweise etwas zu sehr mit dem Holzhammer serviert. Die Systemkritik ist so deutlich, dass sie manchmal fast plakativ wirkt. Aber ehrlich gesagt sehe ich das einem so originellen und mutigen Film gern nach.

Warum redet heute noch jeder darüber?

Seit seiner Premiere am 8. November 2019 ist Der Schacht zu einem dieser seltenen Filme geworden, über die man auch Jahre später noch spricht. Der Grund ist einfach: Die Idee ist so klar und universell, dass sie überall und jederzeit funktioniert. Man muss kein Spanier sein und kein Filmwissen mitbringen. Es reicht, schon einmal Ungleichheit gesehen zu haben. Und das haben wir alle.

Der Film ist ein Geistesverwandter von Cube und Snowpiercer, die ihre Figuren ebenfalls in ein geschlossenes, hierarchisches System sperren und beobachten, was vom Menschen übrig bleibt. Der Schacht formuliert das auf seine rohe, kompromisslose Art aber vielleicht noch härter als beide. Einer dieser Filme, die man sieht, über die man tagelang redet und zu denen man andere überredet, nur um jemanden zum Diskutieren zu haben.

Für wen ist der Film?

Wenn er dir gefällt, schau auch: Cube (1997), Snowpiercer (2013), Parasite (2019), Saw (2004)

Häufige Fragen

Worum geht es in Der Schacht?

In einer Anstalt fährt eine mit Essen beladene Plattform Etage für Etage nach unten. Wer oben lebt, wird satt, auf den unteren Ebenen kommt immer weniger an, und eine Revolte bahnt sich an.

Wie lang ist Der Schacht?

Der Film hat eine Laufzeit von 95 Minuten.

Kann man Der Schacht mit Kindern schauen?

Nein. Wegen seiner drastischen, naturalistischen und gewalttätigen Szenen ist der Film ausschließlich etwas für Erwachsene.

Wer hat Der Schacht inszeniert?

Der spanische Film stammt von Regisseur Galder Gaztelu-Urrutia, die Hauptrolle des Goreng spielt Ivan Massagué.

Wann ist Der Schacht erschienen?

Der Film feierte am 8. November 2019 Premiere. Der spanische Originaltitel lautet El hoyo.

Traust du dich hinunter in den Schacht?

Wer Der Schacht noch nicht gesehen hat, sollte das nachholen, allerdings nur mit leerem Magen und starken Nerven. Das ist kein Film für nebenbei, sondern einer, der dich packt, durchschüttelt und lange nicht mehr loslässt. Galder Gaztelu-Urrutia hat aus einer einzigen genialen Idee einen so grausamen, klugen und unvergesslichen Film gebaut, dass er zu den Glanzstücken des spanischen Genrekinos zählt. Perfekt ist er nicht: Mal erklärt er sich zu sehr, mal zu wenig. Doch das sind kleine Flecken auf einem ansonsten aufwühlenden Meisterwerk. Mein Urteil: Pflichtprogramm für alle, die es aushalten, und eine Lektion fürs Leben, niemals mehr zu essen, als man braucht.

Wertung: 8,3/10 · Story 9 · Schauspiel 8 · Regie 9 · Optik 8 · Musik und Ton 7 · Emotionen 9