Nürnberg Kritik: Russell Crowes Göring ist das höflichste Gesicht des Teufels
Es gibt Filme, in denen die unheimlichste Szene keine Explosion ist, sondern ein Lächeln hinter Gitterstäben. Nürnberg ist genau so ein Film: ein Kriegsdrama, in dem der Krieg längst vorbei ist, der Kampf aber in den Köpfen zweier Männer weitergeht. Russell Crowe war als Hermann Göring lange nicht mehr so gefährlich, und Rami Malek spielt hervorragend den Mann, der sich zu nah ans Feuer wagt.
Ein elegantes, verstörendes und stellenweise zu langes Gerichtsdrama, das vom Duell zwischen Russell Crowe und Rami Malek weit über den Durchschnitt gehoben wird.
Nürnberg: Trailer
Filmdaten
| Original | Nuremberg |
|---|---|
| Kinostart in Deutschland | 7.5.2026 |
| Regie | James Vanderbilt |
| Besetzung | Russell Crowe, Michael Shannon, Rami Malek, Richard E. Grant, Leo Woodall, Colin Hanks |
| Genre | Kriegsdramen |
| Laufzeit | 148 Min. |
| FSK | 12 |
| Land | Amerikanische Filme |
Worum geht es in Nürnberg, ohne Spoiler?
Am Ende des Zweiten Weltkriegs bekommen die Alliierten eine der wichtigsten Figuren der NS-Führung lebend in die Hände: Hermann Göring. Das allein ist schon ein historischer Moment, doch worum es im Film eigentlich geht, kommt danach. Die Siegermächte wagen einen juristischen Schritt ohne Vorbild und stellen die Kriegsverbrecher vor Gericht. Keine Rache, keine Kugel ins Genick, sondern ein Prozess. Diese Entscheidung bildet das Rückgrat des Films.
Im Mittelpunkt stehen allerdings weder die Richter noch die Ankläger, sondern ein amerikanischer Psychiater. Er soll beurteilen, ob die NS-Größen fähig sind, sich vor dem internationalen Gericht für ihre Taten zu verantworten. Auf dem Papier ist das reine Routine: Gespräche, Notizen, ein Gutachten. In der Praxis ist Göring jedoch hochintelligent, und der Psychiater gerät im Lauf der Unterhaltungen immer stärker in seinen Bann. Daraus entsteht jenes dunkle, langsam glühende psychologische Spiel, das Nürnberg zu mehr macht als einer gewöhnlichen historischen Rekonstruktion.
Mehr sollte man gar nicht verraten, denn die größte Stärke des Films liegt darin, wie sich die Machtverhältnisse im Verhörraum Stück für Stück, fast unmerklich verschieben.
Russell Crowe, das Charisma in der Zelle
Beginnen wir mit dem, wofür die meisten ein Ticket lösen werden: Russell Crowe als Göring. Der Oscarpreisträger, der zu Zeiten von Gladiator und A Beautiful Mind zu den gefragtesten Stars der Welt gehörte, hat in den letzten Jahren nicht immer Rollen gefunden, die seiner würdig waren. Man denke nur an Kraven the Hunter. Hier bekommt er endlich wieder eine Figur, in der seine körperliche Präsenz, sein ruhiger, beinahe wohlwollender Tonfall und das Kalkül in seinem Blick zusammenwirken.
Das größte Risiko bei einer solchen Figur besteht darin, dass der Schauspieler sie entweder zum Comicschurken verzerrt oder ihr versehentlich Sympathie verschafft. Crowe balanciert das sehr klug aus: Sein Göring ist geistreich, gebildet, manchmal regelrecht unterhaltsam, und genau das macht ihn so beklemmend. Der Film will zeigen, wie ein solcher Mensch jemanden einwickeln kann, der eigentlich auf der Gegenseite steht, und Crowe macht diese Verführung glaubhaft. Man empfindet keine Sympathie, aber man versteht, warum es funktioniert hat. Das ist ein gewaltiger Unterschied, und daran hängt der ganze Film.
Rami Malek und der Psychiater, der in den Abgrund blickt
Wenn Crowe der Sturm ist, dann ist Rami Malek derjenige, den er erfasst. Seit Bohemian Rhapsody bekommt der Oscarpreisträger oft seltsame, leicht entrückte Figuren, und Mr. Robot hat gezeigt, wie gut er innerlich zerrissene, in sich gekehrte Charaktere verkörpert. Die Rolle des Psychiaters ist das reifste Stück in diesem Spektrum.
Maleks Aufgabe ist schwieriger als die von Crowe: Er muss das langsame Abgleiten spielen. Wie die professionelle Neugier in etwas anderes umschlägt, wie aus dem Beobachter ein Beteiligter wird. Große Gesten gibt es kaum, dafür viel Schweigen, abgewandte Blicke, eine Stille nach einer Frage, die einen Moment zu lang dauert. Manchmal wirkt seine Zurückhaltung fast schon passiv, und ich kann mir vorstellen, dass das manchen zu wenig ist. Bei mir hat es funktioniert, weil der Film genau davon erzählt: dass das Böse nicht immer schreit und dass, wer mit ihm spricht, nicht sofort merkt, dass er das Gespräch längst nicht mehr führt.
Starparade in der zweiten Reihe
Die Besetzung von Nürnberg liest sich, als hätte jemand die Gästeliste einer Award-Saison abgeschrieben. Der zweifach oscarnominierte Michael Shannon ist einer dieser Schauspieler, die mit einem einzigen Blick Druck auf eine Szene ausüben können, das hat man in Shape of Water und Nocturnal Animals gesehen. Auch hier verleiht er jedem Auftritt Gewicht.
Der oscarnominierte Richard E. Grant (Can You Ever Forgive Me?) bringt stets eine herbe Eleganz in einen Film, und Colin Hanks ist eine verlässliche, bodenständige Präsenz. Daneben sind Leo Woodall, John Slattery, Wrenn Schmidt, Lotte Verbeek und Mark O'Brien zu sehen. Bei so einer Namensliste besteht natürlich die Gefahr, dass manche nur kurz aufblitzen, und man spürt tatsächlich, dass der Film nicht allen genug Raum geben kann. Das ist keine Tragödie, aber ein Teil der Nebenhandlungen ist eher Kulisse als echtes Drama.
James Vanderbilt: der Drehbuchautor, der weiß, wo die Spannung sitzt
Der Name James Vanderbilt ist dem breiten Publikum vielleicht weniger geläufig als die seiner Stars, dabei gehört er zu den erfolgreichsten Produzenten und Drehbuchautoren Hollywoods. Er hat mehrere Scream-Filme mitverantwortet, zwei Teile von The Amazing Spider-Man, Independence Day: Wiederkehr und Zodiac. Letzterer sagt am meisten: Auch dort versuchten besessene Menschen, das Unbegreifliche zu verstehen, und Nürnberg erzeugt einen ähnlichen Nervenzustand.
Als Regisseur verlässt sich Vanderbilt sichtlich auf Dialoge und Darsteller. In den Szenen zwischen Crowe und Malek ist das ein Volltreffer, sie sind die stärksten Minuten des Films und kommen fast ohne Musik oder Schnitt aus. Wo der Film dagegen den Verhörraum verlässt und das große historische Panorama malen will, wirkt er weniger souverän. Die 148 Minuten Laufzeit spürt man, und im Mittelteil gibt es ein, zwei Szenen, die eher aus Pflichtgefühl als aus dramatischer Notwendigkeit drin sind.
Die Festivalauftritte zeigen jedenfalls, dass auch die Branche den Film ernst genommen hat: Die Weltpremiere fand beim Toronto International Film Festival statt, und im Wettbewerb des Filmfestivals von San Sebastián gewann er sogar einen Preis.
Wo gerät die Waage ins Wanken?
Es wäre nicht ehrlich, nur zu loben. Die größte Schwäche von Nürnberg ist, dass der Film sich manchmal nicht entscheiden kann, ob er ein intimes psychologisches Kammerspiel oder ein klassisches Hollywood-Geschichtsepos sein will. Im Pendeln zwischen beidem verliert er zeitweise an Schwung. Die Ausstattung ist solide und sorgfältig, aber selten überraschend, und die Musik begleitet die Gefühle eher, als dass sie sie formt.
- Was funktioniert: das Duell der beiden Hauptdarsteller, eine Spannung, die allein aus Worten entsteht, und die Frage, wie nah man dem Bösen kommen kann, ohne sich selbst zu verändern.
- Was weniger funktioniert: die Länge, das überfüllte Nebenensemble und einige zu belehrende Momente, in denen der Film ausspricht, was er vorher feinsinnig angedeutet hat.
Trotzdem ist Nürnberg die Art Film, die einen nach dem Abspann nicht loslässt. Nicht wegen irgendwelcher Schlachtszenen, sondern weil man an einem Punkt merkt: Auch wir haben Göring aufmerksam zugehört.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für alle, die dialoggetriebene, psychologische Geschichtsdramen mögen und neugierig auf eine der stärksten späten Leistungen in Russell Crowes Karriere sind.
- Lieber auslassen, wenn: Für alle, die einen actionreichen Kriegsfilm erwarten oder sich mit langsamen, fast zweieinhalbstündigen Dramen schwertun, die aus Gesprächen bestehen.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Das Urteil von Nürnberg (1961), Der Untergang (2004), The Zone of Interest (2023), Oppenheimer (2023), Das Schweigen der Lämmer (1991)
Häufige Fragen
Wann kommt Nürnberg in die deutschen Kinos?
Der Film ist am 7. Mai 2026 in den deutschen Kinos gestartet.
Worum geht es in Nürnberg?
Um den nach dem Zweiten Weltkrieg gefangenen Hermann Göring und die Vorbereitung des Prozesses. Im Mittelpunkt steht ein amerikanischer Psychiater, der feststellen soll, ob die NS-Führer verhandlungsfähig sind, und dabei immer mehr unter Görings Einfluss gerät.
Wie lang ist Nürnberg?
Der Film läuft 148 Minuten.
Wer spielt Göring und den Psychiater in Nürnberg?
Hermann Göring wird von Russell Crowe gespielt, den amerikanischen Psychiater verkörpert Rami Malek.
Wer hat bei Nürnberg Regie geführt?
James Vanderbilt, der als Drehbuchautor und Produzent unter anderem hinter Zodiac, mehreren Scream-Filmen und den Amazing-Spider-Man-Filmen steht.
Würdest du zweieinhalb Stunden mit Göring in einem Raum sitzen?
Ich habe es getan und es nicht bereut. Nürnberg ist nicht fehlerfrei: Der Film ist länger als nötig, und das große historische Panorama ist weniger packend als die stickige Luft im Verhörraum. Aber Russell Crowe liefert eine Leistung ab, auf die man bei ihm jahrelang gewartet hat, und Rami Malek ist der perfekte Partner in diesem kalten, intellektuellen Duell. Wer erwachsene, nachdenkliche Geschichtsdramen mag, sollte Nürnberg auf die Liste setzen. Man sollte nur darauf gefasst sein, dass ausgerechnet die Figur mit der angenehmsten Stimme die furchterregendste ist.
