Parallele Leben Vorab-Kritik: Asghar Farhadi spannt in Paris durchs Fenster, und das geht nicht gut aus
Manche Besetzungslisten wirken so unwahrscheinlich, dass man zweimal hinschauen muss, und Parallele Leben ist genau so ein Fall. Asghar Farhadi, der vielleicht unerbittlichste Meister des modernen Moraldramas, hat die erste Garde des französischen Kinos versammelt und erzählt von einer Schriftstellerin, die ihren Nachbarn zu genau beim Leben zusieht. Ob das scheinbar perfekte Rezept tatsächlich aufgeht, zeigt sich am 3. Dezember in den deutschen Kinos. Nach allem, was man bisher weiß, kann ich es kaum erwarten.
Auf dem Papier eines der stärksten europäischen Dramen dieses Winters. Je nachdem, in welcher Form Farhadi ist, wird daraus ein Meisterwerk oder ein elegantes, etwas überkonstruiertes Gedankenspiel.
Parallele Leben: Trailer
Filmdaten
| Original | Histoires parallèles |
|---|---|
| Kinostart in Deutschland | 3.12.2026 |
| Regie | Asghar Farhadi |
| Besetzung | Isabelle Huppert, Virginie Efira, Vincent Cassel, Pierre Niney, Adam Bessa, India Hair |
| Genre | Filmdramen |
| Laufzeit | 139 Min. |
| Land | Französische Filme, Italienische Filme, Belgische Filme, Iranische Filme |
Ein Fenster zum Leben gegenüber: Worum geht es, ohne Spoiler?
Die Ausgangslage ist schlicht, und gerade das macht sie so beunruhigend. Sylvie ist Schriftstellerin und sucht Inspiration für ihren neuen Roman. Dafür wählt sie die naheliegendste und zugleich heikelste Quelle: Sie beobachtet die Nachbarn in der Wohnung gegenüber. Spionieren würde sie das natürlich nie nennen, sie sammelt ja nur Material. Diese Ausrede kennt man von jedem Autor, der sich je bei seinem eigenen Umfeld bedient hat.
Richtig Fahrt nimmt die Geschichte auf, als Sylvie den jungen Adam einstellt, der ihr im Alltag zur Hand gehen soll. Laut offizieller Inhaltsangabe ahnt sie noch nicht, dass er ihr Leben und ihre Arbeit völlig auf den Kopf stellen wird. Am Ende wächst Sylvies Fiktion über die Wirklichkeit aller Beteiligten hinaus.
Mehr ist über die Handlung nicht bekannt, und ehrlich gesagt will ich auch gar nicht mehr wissen. Bei Farhadi besteht das größte Vergnügen darin, zuzusehen, wie scheinbar harmlose Situationen nach und nach vergiftet werden. Da tappt man am besten ahnungslos hinein.
Farhadi, der Buchhalter der alltäglichen Schuld
Allein der Name Asghar Farhadi reicht, um sich den Kinostart im Kalender anzustreichen. Der Regisseur von Nader und Simin und The Salesman hat zweimal den Oscar für den besten internationalen Film gewonnen. Bei ihm wiegt ein beiläufig fallengelassener Satz oder eine im falschen Moment geöffnete Tür schwerer als bei anderen eine ganze Verfolgungsjagd.
Es ist nicht sein erster Film außerhalb des Iran: Le Passé entstand in Frankreich, Offenes Geheimnis in Spanien. Viele empfanden diese Arbeiten als schwächer als seine iranischen Filme, und genau darin liegt das größte Fragezeichen hinter Parallele Leben. Die französisch, italienisch, belgisch und iranische Koproduktion bietet einerseits solide finanzielle Rückendeckung, birgt andererseits aber das Risiko, dass sich der Regisseur auf etwas fremdem Terrain bewegt.
Gleichzeitig scheint das Thema wie für ihn gemacht: das Ineinanderrutschen von Fiktion und Wirklichkeit, die Ethik des Beobachtens, die Frage nach Verantwortung. Farhadi hat immer davon erzählt, wie gut gemeinte Lügen den Menschen über den Kopf wachsen. Eine Romanautorin, die andere als Rohmaterial benutzt, verkörpert diesen Gedanken fast perfekt.
Huppert, Deneuve und Co.: eine Besetzung, fast zu schön, um wahr zu sein
Ein Blick auf die Liste genügt: Isabelle Huppert, Virginie Efira, Vincent Cassel, Pierre Niney, Adam Bessa, India Hair und Catherine Deneuve. Das ist keine Besetzung mehr, das ist ein Gruppenbild der französischen Filmgeschichte.
Wer wen spielt, ist bisher nicht verraten, also spekuliere ich auch nicht. Doch die Namen allein sagen schon einiges. Isabelle Hupperts Karriere ist voller kühler, undurchschaubarer, kontrollierender Frauen. Bekommt sie eine Rolle in einem Film über Beobachtung und Manipulation, wird es garantiert nicht langweilig. Virginie Efira hat sich in den letzten Jahren zu einer der vielseitigsten Schauspielerinnen Frankreichs entwickelt, und Vincent Cassel kann das Publikum mit einem einzigen Blick verunsichern.
Pierre Niney ist der wohl disziplinierteste Schauspieler seiner Generation, und Catherine Deneuves Auftritt ist ohnehin schon ein Ereignis für sich. Adam Bessa und India Hair sind die weniger bekannten Namen auf der Liste, aber Farhadi versteht es ausgezeichnet, mit Darstellern zu arbeiten, bei denen man nicht weiß, was man erwarten soll.
Die Gefahr liegt eher darin, dass bei so vielen Stars jemand untergeht. Farhadi hat allerdings schon immer in Ensembles gedacht, in denen jede Figur ein Geheimnis und eine eigene Perspektive hat. Deshalb mache ich mir hier weniger Sorgen als bei einem durchschnittlichen Regisseur.
Was macht ihn zum möglichen Meisterwerk?
- Die schneidende Aktualität des Themas. In einer Zeit, in der alle alle beobachten, durch den Bildschirm wie durchs Fenster, ist der Voyeurismus einer Schriftstellerin zugleich ein klassisches und ein hochaktuelles Motiv.
- Die Genrespannung. Die Ausgangssituation gehört seit Das Fenster zum Hof zu den stärksten Topoi der Filmgeschichte. Bei Farhadi wird daraus kein Thriller, sondern ein moralisch-psychologisches Drama, und das ist oft weitaus grausamer.
- Die Schauspielführung. In Farhadis Filmen sind die Darsteller immer ein Stück besser als sonst, und mit diesem Ensemble ist das ein ernsthaftes Versprechen.
- Die Metaebene. Ein Regisseur, der aus echten Menschen Fiktion baut, dreht einen Film über eine Autorin, die genau dasselbe tut. Darin steckt die Chance zur Selbstbefragung.
Wo es haken könnte: Länge, Dichte, fremdes Terrain
139 Minuten Laufzeit sind bei Farhadi keine Überraschung, aber auch nicht zu unterschätzen. Wir reden von einem langsam aufgebauten, dialoglastigen Drama, und wer flottes Tempo erwartet, dürfte in der Mitte der zweiten Stunde ermüden.
Auch die abstraktere Grundidee ist ein Risiko. Dass die Fiktion über die Wirklichkeit hinauswächst, kann leicht ins allzu Literarische und Klügelnde abrutschen, wo das Konzept wichtiger wird als die Figuren. Farhadis beste Filme funktionierten gerade deshalb, weil ihre Fragen aus sehr bodenständigen Situationen erwuchsen: einer Scheidung, einem Einbruch, einem Kredit. Wird die Roman-im-Roman-Konstruktion hier zu laut, könnte die Unmittelbarkeit verloren gehen.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für alle, die langsam zuschnürende europäische Dramen über moralische Dilemmata lieben und für Huppert oder Deneuve jederzeit ins Kino gehen.
- Lieber auslassen, wenn: Für alle, die Action, hohes Tempo oder eindeutige Antworten erwarten und die ein über zweistündiges Dialogdrama eher müde als neugierig macht.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Das Fenster zum Hof (1954), Jodaeiye Nader az Simin (2011), Forushande (2016), Le Passé (2013), Swimming Pool (2003)
Häufige Fragen
Wann startet Parallele Leben in Deutschland?
Der Film kommt am 3. Dezember 2026 in die deutschen Kinos.
Worum geht es in Parallele Leben?
Die Schriftstellerin Sylvie beobachtet für ihren neuen Roman die Nachbarn gegenüber. Dann stellt sie den jungen Adam als Hilfe ein, der ihr Leben und ihre Arbeit auf den Kopf stellt, bis ihre Fiktion über die Wirklichkeit aller Beteiligten hinauswächst.
Wie lang ist Parallele Leben?
Der Film läuft 139 Minuten.
Wer hat Parallele Leben inszeniert?
Regie führte Asghar Farhadi. Es handelt sich um eine französisch, italienisch, belgisch und iranische Koproduktion.
Wer spielt in dem Film mit?
Isabelle Huppert, Virginie Efira, Vincent Cassel, Pierre Niney, Adam Bessa, India Hair und Catherine Deneuve.
Werfen wir am 3. Dezember einen Blick durch Sylvies Fenster?
Ja, und für mich steht das gar nicht zur Debatte. Asghar Farhadi sagt selbst in seinen schwächeren Filmen mehr über menschliche Schwächen als die meisten Kollegen in ihren besten, und mit dieser Besetzung kann ich mir kaum vorstellen, dass hier etwas Mittelmäßiges herauskommt. Vielleicht wird er lang, vielleicht wächst das Konzept stellenweise über die Figuren hinaus, aber es ist genau die Art Kino, über die man auf dem Heimweg in der Straßenbahn noch streitet. Mein Vorab-Urteil: starke 8 Punkte, mit der heimlichen Hoffnung, dass es am Ende mehr werden.
