Kinoster
DE ▾

Kritik · Kinostart: 2.4.2026

Alpha Kritik: Julia Ducournaus Tattoo geht tiefer unter die Haut, als man denkt

Französische FilmeBelgische FilmeFilmdramenFamiliendramen

Von Julia Ducournau erwartet niemand Streicheleinheiten, und Alpha liefert auch keine. Die Regisseurin von Raw und Titane spannt diesmal ein Seil zwischen einer Mutter und ihrer jugendlichen Tochter und zieht so lange daran, bis auch dem Publikum die Handflächen brennen. Ein anstrengender, sturer, manchmal überzogener Film, aber einer, wie man ihn dieses Jahr selten im Kino sieht.

8,0/10
Wertung
Alpha ist Ducournaus menschlichster und zugleich am schwersten verdaulicher Film: nicht perfekt, aber er arbeitet tagelang in einem weiter.
Story
7
Schauspiel
9
Regie
8
Optik
8
Musik und Ton
8
Emotionen
8

Die Gesamtwertung ist der Durchschnitt der sechs Kriterien.

Alpha: Trailer

Filmdaten

Kinostart in Deutschland2.4.2026
RegieJulia Ducournau
BesetzungTahar Rahim, Golshifteh Farahani, Mélissa Boros, Emma Mackey, Finnegan Oldfield
GenreFilmdramen
Laufzeit128 Min.
FSK16
LandFranzösische Filme, Belgische Filme

Ein Tattoo, das alles aufreißt

Der Ausgangspunkt ist fast lächerlich alltäglich. Alpha ist 13, ein schwieriges Mädchen, und lebt allein mit ihrer Mutter. Eines Tages kommt sie aus der Schule nach Hause, und auf ihrem Arm prangt ein Tattoo. Das ist alles. Keine Verschwörung, kein übernatürliches Monster im Keller, nur ein Zeichen auf der Haut, das viel zu früh dort gelandet ist.

Ducournau weiß allerdings genau, dass Familien nicht an den großen Katastrophen zerbrechen, sondern an solchen kleinen Rissen. Das Tattoo ist hier ein Tor: Durch es brechen Ängste und Gegensätze hervor, die Mutter und Tochter bis dahin sorgfältig voreinander verschlossen hatten. Mehr will ich zur Handlung gar nicht verraten, und ehrlich gesagt muss ich das auch nicht. Dieser Film lebt nicht von seinen Wendungen, sondern davon, wie zwei Menschen einander unter die Haut kriechen.

Ducournau kann über den Körper nicht lügen

Wer Raw gesehen hat, weiß: Für Ducournau ist der Körper immer ein Schlachtfeld. Dort war es der Hunger einer jungen Frau, in Titane eine kaum erträgliche Verwandlung zwischen Metall und Fleisch. Die Regisseurin kehrt geradezu besessen an denselben Punkt zurück: Was macht man mit dem, was der eigene Körper mit einem anstellt, und was mit dem, was andere darin sehen?

Alpha ist in dieser Hinsicht eine logische Fortsetzung und zugleich ein Richtungswechsel. Das Tattoo wirft vom ersten Moment an Fragen nach Körper und Identität auf, nur liegt der Fokus diesmal weniger auf dem Schock und viel mehr auf der Beziehung. Ducournau mochte Blut nie um seiner selbst willen, aber jetzt traut sie sich offenbar, laut auszusprechen, dass ihr Horror schon immer Familiendrama im Kostüm war.

Gezähmt ist sie deswegen nicht. Wer glaubt, ein französisch-belgisches Drama bestehe nur aus langen Pausen und Streit in der Küche, erlebt eine unangenehme Überraschung. Zartbesaitet sollte man hier nicht sein.

Golshifteh Farahani und Mélissa Boros: zwei Menschen, eine Wunde

Das Herz des Films sind die beiden Hauptdarstellerinnen. Golshifteh Farahani gehört zu den Schauspielerinnen, die mit einem einzigen Blick eine ganze Lebensgeschichte erzählen, und hier spielt sie eine Mutter, die alles allein schultert. Die Falle dieser Rolle wäre, eine Heilige oder ein Monster daraus zu machen. Farahani tappt in keine von beiden: Ihre Mutter ist liebevoll, erschöpft, verängstigt und wütend, oft alles gleichzeitig.

Mélissa Boros ist als Alpha die eigentliche Entdeckung des Films. Eine Jugendliche so zu spielen, dass sie weder nervt noch überzeichnet wirkt, gelingt nur wenigen. Boros ist roh, unberechenbar, und sie hat etwas an sich, das einen ständig um sie bangen lässt, selbst dann, wenn man sie am liebsten schütteln würde.

Auch in den Nebenrollen tauchen bekannte Namen auf: Tahar Rahim, Emma Mackey und Finnegan Oldfield. Rahim verleiht jeder Szene schon durch seine bloße Präsenz Gewicht, und Mackey hat seit Sex Education bewiesen, dass sie jugendliches Chaos ebenso glaubwürdig spielen kann wie erwachsene Verletzlichkeit. Ohne zu spoilern nur so viel: Keiner von ihnen ist bloße Dekoration.

Was im Magen bleibt: Bild und Ton

Ducournaus Filme handeln nie nur von ihrer Geschichte, sondern auch davon, wie man sich beim Zuschauen fühlt. Die Bildsprache von Alpha ist angespannt und körpernah, die Kamera rückt den Figuren oft unangenehm dicht auf die Pelle, als wolle sie verhindern, dass man wegschaut. Haut, Narbe, Farbe, Tinte: Das sind hier keine Requisiten, sondern Mitspieler.

Das Sounddesign ist mindestens genauso wichtig. Es gibt Momente, in denen die Musik wie ein körperlicher Druck auf der Szene lastet, und andere, in denen die Stille das Schlimmste ist. Dieser Film ist nicht für den Laptop gemacht. Wer kann, sollte ihn im Kino oder wenigstens mit einer guten Anlage sehen.

Wo gehen den 128 Minuten die Kräfte aus?

Jetzt kommt der weniger begeisterte Teil. Die Laufzeit von 128 Minuten spürt man. Ducournau hält Momente gern lange aus, was der Spannung oft guttut, doch im Mittelteil gibt es Passagen, in denen der Film eher kreist als vorankommt. Er schlägt immer wieder denselben emotionalen Ton an, und irgendwann bangt man nicht mehr um die Figuren, sondern fragt sich, wohin das alles führen soll.

Spalten wird auch die symbolische Ebene. Ducournau kaut dem Publikum die Bedeutung nie vor, und das ist hier nicht anders. Für die einen ist das befreiend, für die anderen ärgerlich. Ich gebe zu, bei mir kippte es manchmal vom Rätselhaften ins Manierierte, aber das Schauspiel hat mich jedes Mal zurückgeholt.

Für wen ist der Film?

Wenn er dir gefällt, schau auch: Raw (2016), Titane (2021), Mommy (2014), I Killed My Mother (2009)

Häufige Fragen

Wann startete Alpha in den deutschen Kinos?

Alpha kam am 2. April 2026 in die deutschen Kinos.

Worum geht es in Alpha?

Um Alpha, ein schwieriges 13-jähriges Mädchen, das allein mit seiner Mutter lebt. Als sie eines Tages mit einem Tattoo auf dem Arm aus der Schule heimkommt, gerät ihre Welt aus den Fugen, und ihre tiefsten Konflikte und Ängste kommen an die Oberfläche.

Wie lang ist Alpha?

Der Film dauert 128 Minuten.

Wer hat Alpha inszeniert und wer spielt mit?

Regie führte Julia Ducournau. In den Hauptrollen sind Mélissa Boros (Alpha) und Golshifteh Farahani (die Mutter) zu sehen, daneben spielen Tahar Rahim, Emma Mackey und Finnegan Oldfield.

Aus welchen Ländern stammt Alpha?

Alpha ist ein Drama aus französisch-belgischer Koproduktion.

Sollte man sich von einem Ducournau-Film zeichnen lassen?

Ja, aber man sollte wissen, worauf man sich einlässt. Alpha ist kein Film, den man danach gut gelaunt bei einer Pizza auseinandernimmt. Eher einer, der einem auf der Heimfahrt in der U-Bahn wieder einfällt, und plötzlich denkt man an die eigene Mutter oder das eigene Kind. Ducournau arbeitet diesmal mit weniger Schock und mehr Herz, und auch wenn der Film zu lang ist und sich manchmal in seinen eigenen Symbolen verliert, spielen Golshifteh Farahani und Mélissa Boros mit einer solchen Wucht, dass man ihm jeden Fehler verzeiht. Nicht der beste Film der Regisseurin, aber ihr mutigster, weil sie den Panzer des Horrors abzulegen wagt. Dieses Tattoo verblasst so schnell nicht.

Wertung: 8,0/10 · Story 7 · Schauspiel 9 · Regie 8 · Optik 8 · Musik und Ton 8 · Emotionen 8