Captain Marvel Kritik: Kräfte bis zum Himmel, eine Geschichte am Boden
Manche Superhelden fangen mit einem Spinnenbiss an, bei anderen schreibt ein Psycho-Magnitron die Gene um. Captain Marvel erzählt die Geschichte von Carol Danvers, der ehemaligen Kampfpilotin der Air Force, und obwohl in diesem Film jede Menge Kraft steckt, weiß er nicht immer, wohin damit. Unterhaltsam, oft sympathisch, manchmal ärgerlich zaghaft, aber getragen von einem starken Ensemble.
Eine spektakuläre und gut besetzte Origin-Story, die bei den Figuren mehr überzeugt als in der Dramaturgie. Allein wegen Samuel L. Jackson und Ben Mendelsohn lohnt sie sich aber locker.
Filmdaten
| Kinostart in Deutschland | 7.3.2019 |
|---|---|
| Regie | Ryan Fleck, Anna Boden |
| Besetzung | Brie Larson, Samuel L. Jackson, Ben Mendelsohn, Jude Law, Annette Bening, Djimon Hounsou |
| Genre | Actionfilme, Abenteuerfilme, Science-Fiction-Filme |
| Laufzeit | 124 Min. |
| FSK | 12 |
| Land | Amerikanische Filme |
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Von der Pilotin zur kosmischen Waffe: Worum geht es?
Carol Danvers ist weder als Göttin geboren noch als milliardenschweres Genie. Sie beginnt als ganz normale Sterbliche, wird nach dem Tod ihres Bruders Pilotin bei der US Air Force, und dann gerät nach und nach ihr ganzes Leben aus den Fugen. Ein Psycho-Magnitron verändert ihre genetische Struktur, und damit kommt eine seltsame Fähigkeit: Wie mit einem siebten Sinn kann sie einen Blick in die nahe Zukunft werfen.
Mehr sollte man vorher nicht wissen, und ehrlich gesagt braucht man auch nicht mehr. Einer der wichtigsten Kniffe des Films ist, dass die Identität der Heldin selbst zur Frage wird: Brie Larsons Figur ist laut Besetzungsliste zugleich Carol Danvers, Vers und Captain Marvel. Wie diese drei Namen zusammenhängen, darf jeder selbst herausfinden, denn genau auf diesem Rätsel baut der Film auf.
Vom Genre her ist das Action, Abenteuer und Science-Fiction in einem, und diese drei Geschmacksrichtungen schmeckt man auch heraus. Mal wirkt der Film wie ein Militärdrama, mal wie ein Weltraumabenteuer, mal wie ein klassischer Superheldenshowdown. Das ist manchmal erfrischend, manchmal aber auch so, als wollten sich drei Filme gleichzeitig in 124 Minuten quetschen.
Brie Larson und eine undankbare Aufgabe
Brie Larson ist Oscarpreisträgerin und hat in Raum bewiesen, dass sie feine, vielschichtige Gefühle spielen kann. Hier ist die Aufgabe eine ganz andere: Sie soll eine nahezu unbesiegbare Heldin menschlich machen, während das Drehbuch ihr oft eine zurückhaltende, fast kühle Haltung abverlangt.
Ich finde, Larson macht aus dem, was sie bekommt, das Beste, aber man spürt, dass die Figur noch nach sich selbst sucht. Am stärksten ist sie, wenn sie die Pose ablegen darf und ein bisschen Frechheit und Humor durchblitzen. Sobald der Film aber auf die großen, feierlichen Heldenmomente zusteuert, wird die Figur eher zur Statue als zum Menschen. Das liegt weniger an ihr als am Konzept: Es ist schwer, Drama über jemanden zu schreiben, dem kaum etwas etwas anhaben kann.
Die Nebenfiguren stehlen die Show
Und hier kommt der eigentliche Trumpf des Films. Samuel L. Jackson ist als Nick Fury seit Jahren der Klebstoff des Marvel-Universums, und in diesem Film darf er endlich nicht nur kurz auftauchen, sondern richtig spielen. Er ist lockerer, witziger und menschlicher, als man ihn aus den Avengers-Filmen kennt. Seine gemeinsamen Szenen mit Larson gehören zu den unterhaltsamsten Minuten des Films, die Dynamik zwischen den beiden hat echten Buddy-Movie-Charme.
Ben Mendelsohn als Talos und Keller ist schlicht großartig. Normalerweise ist Mendelsohn auf harte, unberechenbare Typen abonniert, hier zeigt er Nuancen, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Wenn ich nur einen einzigen Grund nennen dürfte, sich den Film anzusehen, dann wäre es er.
- Jude Law gibt als Yon-Rogg den charismatischen Mentor, bei dem man die ganze Zeit spürt, dass mehr hinter ihm steckt.
- Annette Bening in einer Doppelrolle (Supreme Intelligence und Dr. Wendy Lawson) ist eine der interessantesten Ideen des Films.
- Lashana Lynch ist als Maria Rambeau das Herz des Films. Sie bringt die bodenständige, freundschaftliche Wärme, ohne die Carol komplett abheben würde.
- Lee Pace und Djimon Hounsou kehren als Ronan und Korath nach Guardians of the Galaxy zurück, sind hier aber leider kaum mehr als Kulisse.
Indie-Regie in der Milliardenmaschine
Die Wahl des Regieduos Anna Boden und Ryan Fleck war ein mutiger Schritt. Die beiden kommen aus dem Bereich kleinerer, figurenzentrierter Filme, und das merkt man: Die besten Momente des Films sind die ruhigeren, menschlichen Szenen über Freundschaft, Erinnerung und Identität.
Action ist dagegen weniger ihr Terrain. Die großen Kämpfe sind in Ordnung, bleiben aber selten hängen, und manchmal hatte ich den Eindruck, dass das Fließband des Studios die Führung übernommen hat. Das ist ein Dauerleiden der Marvel-Filme: Talentierte Filmemacher mit eigener Handschrift verschwinden oft im Hausstil. Das passiert auch hier, aber nicht ganz. Die Handschrift von Boden und Fleck steckt in den kleinen Gesten zwischen den Figuren.
Was funktioniert und was überhaupt nicht
Fangen wir mit dem Guten an. Die Struktur des Films, die mit der Frage nach Identität spielt, ist mutiger als bei einer durchschnittlichen Origin-Story. Wir bewegen uns nicht geradlinig auf die Heldwerdung zu, sondern setzen Stück für Stück zusammen, wer diese Frau eigentlich ist. Das macht Spaß und zahlt sich in der zweiten Hälfte schön aus. Auch der Humor sitzt, vor allem dank der Szenen mit Jackson und Mendelsohn.
Die Schwächen lassen sich allerdings schwer wegwischen:
- Die Heldin ist zu stark für ihr eigenes Drama. Wer nichts zu verlieren hat, um den bangt man kaum.
- Das erste Drittel zieht sich. Bis der Film in Fahrt kommt, ist die Geduld mitunter schon strapaziert.
- Ein Teil der Bösewichte geht unter. Lee Paces Ronan ist zum Beispiel kaum mehr als ein Cameo.
- Die CGI-Schlachten sind Schema F. Das hat man woanders schon gesehen, und zwar besser.
Ein schlechter Film ist das trotzdem nicht. Eher wie ein starkes Debütalbum: Die Stimme ist da, die Hälfte der Songs ist großartig, der Rest ist Füllmaterial.
Wie passt der Film ins Marvel-Universum?
Captain Marvel ist der erste Film der Marvel Studios, der komplett auf einer Superheldin aufbaut, und dieses Gewicht spürt man. Es wirkt, als hätte das Studio auf keinen Fall einen Fehler machen wollen, und diese Vorsicht schadet dem Film stellenweise. Wo ein Thor: Tag der Entscheidung oder Guardians of the Galaxy sich wagemutig fallen ließen, zieht Captain Marvel lieber den Sicherheitsgurt fester.
Wer Wert auf die Verbindungen zwischen den Marvel-Filmen legt, findet reichlich Anspielungen und bekannte Gesichter, allein Nick Fury funktioniert schon als Brücke. Wem das egal ist, der kann den Film aber auch als eigenständiges Abenteuer genießen, denn er ist geschlossen genug, dass man vorher keine Hausaufgaben machen muss.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für Marvel-Fans Pflicht, und für alle, die lockere, humorvolle Sci-Fi-Action mögen, vor allem wegen Samuel L. Jackson und Ben Mendelsohn.
- Lieber auslassen, wenn: Wer genug von Superheldenfilmen hat oder ein straffes Drama mit echter Fallhöhe erwartet, wird hier nicht überzeugt.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Guardians of the Galaxy (2014), Wonder Woman (2017), Captain America: The First Avenger (2011), Iron Man (2008), Thor: Tag der Entscheidung (2017)
Häufige Fragen
Wann kam Captain Marvel in die deutschen Kinos?
Captain Marvel startete am 7. März 2019 in Deutschland.
Wie lang ist Captain Marvel?
Der Film läuft 124 Minuten.
Wer hat bei Captain Marvel Regie geführt?
Regie führten Anna Boden und Ryan Fleck.
Wer spielt Captain Marvel?
Carol Danvers alias Captain Marvel wird von Brie Larson gespielt. Außerdem sind Samuel L. Jackson, Ben Mendelsohn, Jude Law, Annette Bening und Lashana Lynch dabei.
Worum geht es in Captain Marvel?
Die Air-Force-Pilotin Carol Danvers wird durch ein Psycho-Magnitron genetisch verändert und erhält besondere Fähigkeiten, darunter einen siebten Sinn, mit dem sie in die nahe Zukunft blicken kann.
Hebt Carol Danvers ab oder stürzt sie ab?
Sie hebt ab, nur nicht so hoch, wie ihr Name verspricht. Captain Marvel ist ein sympathischer, gut besetzter und stellenweise richtig witziger Superheldenfilm, der seine größte Kraft nicht aus den kosmischen Fähigkeiten seiner Heldin zieht, sondern aus ihren irdischen Beziehungen. Wer wegen Nick Fury und Talos ins Kino geht, wird nicht enttäuscht. Wer das mutigste Kapitel des Marvel-Universums erwartet, schon. Für mich ein solides Mittelmaß mit Tendenz nach oben, das sich auch ein zweites Mal angenehm schauen lässt, aber kein Film, den ich in ein paar Jahren auswendig zitieren werde.
