Der Herr der Ringe (1978) Kritik: Der mutige Zeichentrickfilm, der lange vor Peter Jackson nach Mordor aufbrach
Lange bevor Mittelerde in den 2000ern zum großen Kinospektakel wurde, hat sich ein sturer Animator schon am Unmöglichen versucht. Ralph Bakshis Zeichentrickversion von Der Herr der Ringe aus dem Jahr 1978 ist roh, ehrgeizig und stellenweise ärgerlich ungleichmäßig. Aber sie hat eine so finstere, erwachsene Stimmung, dass ich bis heute Gänsehaut bekomme. Ein perfekter Film ist das nicht, aber ein mutigerer als die meisten Adaptionen, die ich seitdem gesehen habe.
Ein ungleichmäßiges, aber beeindruckend kühnes Animationsexperiment, das jeder Tolkien-Fan mindestens einmal gesehen haben sollte.
Der Herr der Ringe: Trailer
Filmdaten
| Original | The Lord of the Rings |
|---|---|
| Kinostart in Deutschland | 16.8.1979 |
| Regie | Ralph Bakshi |
| Besetzung | Christopher Guard, William Squire, Michael Scholes, John Hurt, Simon Chandler, Dominic Guard |
| Genre | Abenteuerfilme, Animationsfilme, Fantasyfilme |
| Laufzeit | 132 Min. |
| FSK | 12 |
| Land | Britische Filme, Amerikanische Filme, Spanische Filme |
Ein Ring, ein Hobbit und eine sehr schlechte Nachricht
Die Ausgangslage kennt jeder, der schon einmal J.R.R. Tolkiens Romanklassiker in der Hand hatte. Ein gefährlicher Ring mit magischen Kräften landet bei Frodo, einem Hobbit aus Mittelerde. Erst der Zauberer Gandalf klärt ihn darüber auf, welches Unheil er da in der Tasche trägt: Fällt der Ring in die Hände des Bösen, droht allem Guten der Untergang. Also macht sich Frodo auf Gandalfs Rat hin auf den Weg, um den Ring zu vernichten.
Damit beginnt eine Reihe von Abenteuern, bei denen sich ihm Elben, Zwerge und Krieger anschließen, um gemeinsam ihre Heimat gegen die Bedrohung zu verteidigen. Mehr Handlung braucht es an dieser Stelle auch nicht. Bei diesem Film setzt man sich nicht wegen überraschender Wendungen hin, sondern weil man sehen will, wie Mittelerde im Kopf eines Filmemachers von 1978 ausgesehen hat.
Ralph Bakshi und die unmögliche Mission
Für mich war Bakshi schon immer der Rebell unter den Animatoren, einer, der partout keine niedlichen Trickfilme machen wollte. Das merkt man auch hier: Tolkiens Welt war für ihn eindeutig nichts fürs Kinderzimmer. Mit 132 Minuten ist der Film für einen Zeichentrickfilm enorm lang, und entsprechend schwankt das Tempo. Manche Szenen sind so bedrohlich, dass man fast den Atem anhält. An anderen Stellen hatte ich das Gefühl, der Film hetzt, als wolle er möglichst viele Romanseiten auf einmal unterbringen.
Seine größte Stärke bleibt trotzdem der Mut. Die britisch-amerikanisch-spanische Koproduktion wollte die Vorlage nicht zähmen. Das Böse ist hier wirklich unheimlich, die dunklen Wälder drücken aufs Gemüt, und immer wieder blitzen albtraumhafte Bilder auf, die in einem heutigen Familienanimationsfilm ganz sicher kein grünes Licht bekommen würden.
Stimmen, für die allein sich der Film lohnt
Am besten gealtert ist meiner Meinung nach das Sprecherensemble. Christopher Guard ist als Frodo verletzlich und aufrichtig, genau so, wie ich mir einen Helden wider Willen vorstelle. William Squire verleiht Gandalf Autorität, ohne die Wärme zu vergessen. Michael Scholes macht Sam liebenswert, und Simon Chandler und Dominic Guard bringen als Merry und Pippin die typische Hobbit-Leichtigkeit mit.
Die größte Überraschung war für mich John Hurt als Aragorn. Seine Stimme klingt müde, rau und eindringlich und zeichnet einen umherziehenden Kämpfer, dem man sofort abnimmt, dass er schon viel erlebt hat. Michael Graham Cox gibt einen angemessen stolzen und ungeschliffenen Boromir. Und dann ist da noch Anthony Daniels als Legolas, den die meisten als Stimme und Körper von C-3PO aus Star Wars kennen. Es ist ein seltsames Gefühl, ihn als Elben zu hören, aber es funktioniert.
Was bis heute verzaubert
- Die Atmosphäre. Dieses Mittelerde ist staubig, schattig und gefährlich. Keine Postkartenidylle, sondern ein Ort, an dem wirklich etwas passieren kann.
- Der erwachsene Zugang. Bakshi hat Tolkien ernst genommen, und das sieht man in jedem Bild.
- Die Sprecherleistungen. Die Stimmen sind die Seele des Films, oft mehr als die Zeichnungen selbst.
- Der Kultwert. Filmhistorisch ist das schlicht Pflichtprogramm, weil der Film zeigt, wie man in den Siebzigern versucht hat, den angeblich unverfilmbaren Roman auf die Leinwand zu bringen.
Es hat etwas unerklärlich Anziehendes, wie dieser Film gleichzeitig Traum und Fiebertraum ist. Als Kind hätte ich mich vermutlich vor ihm gefürchtet. Als Erwachsener mag ich ihn genau deshalb.
Wo der Zauberstab ins Stocken gerät
Ich will nichts beschönigen: Der Film holpert an vielen Stellen. Der visuelle Stil ist nicht aus einem Guss, und in manchen Szenen beißen sich die unterschiedlichen Techniken regelrecht. Wer mit den glatten, polierten Bildern moderner Animation groß geworden ist, wird sich wohl öfter ratlos am Kopf kratzen.
Auch die Erzählweise ist dicht. Wer den Roman nicht kennt, verliert sich leicht zwischen all den Namen und Schauplätzen, denn der Film nimmt sich nicht immer Zeit für Erklärungen. Durch die Fanbrille betrachtet kann ich das verzeihen, aber für völlig Außenstehende kann das eine echte Hürde sein.
Bakshi gegen Jackson: ein unfaires, aber unvermeidliches Duell
Man kann diesen Film unmöglich schauen, ohne an Peter Jacksons Trilogie zu denken. Ein Vergleich ist natürlich unfair, schließlich liegen Jahrzehnte und völlig andere Möglichkeiten zwischen beiden. Spannend ist es trotzdem, denn Bakshis Version hat eine rohe, fast greifbare Düsternis, die in der teuren Realverfilmung manchmal glattgebügelt wurde.
Ich sehe diesen Film als kühnen Entwurf. Nicht das fertige Gemälde, sondern die schwungvolle, leidenschaftliche Skizze, an der man erkennt, dass hier jemand diese Welt wirklich geliebt hat. Und diese Liebe kommt bis heute rüber.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für Tolkien-Fans, alle, die sich für die Geschichte des Animationsfilms interessieren, und jeden, der düstere, erwachsene Zeichentrickfilme mag und sich von altem Stil nicht abschrecken lässt.
- Lieber auslassen, wenn: Für alle, die die geschliffene Optik moderner Animation erwarten oder die Geschichte überhaupt nicht kennen und auf ein leichtes, flottes Abenteuer aus sind.
Wenn er dir gefällt, schau auch: The Hobbit (1977), Wizards (1977), Feuer und Eis (1983), Der dunkle Kristall (1982), Der Herr der Ringe: Die Gefährten (2001)
Häufige Fragen
Wann kam der Zeichentrickfilm Der Herr der Ringe in die deutschen Kinos?
In Deutschland startete der Film am 16. August 1979.
Wie lang ist Der Herr der Ringe von 1978?
Der Zeichentrickfilm hat eine Laufzeit von 132 Minuten.
Wer hat die animierte Fassung von Der Herr der Ringe inszeniert?
Regie führte Ralph Bakshi.
Worum geht es in Der Herr der Ringe (1978)?
Der Hobbit Frodo gelangt in den Besitz eines gefährlichen Zauberrings und bricht auf Gandalfs Rat hin auf, um ihn zu vernichten, bevor er in die Hände des Bösen fällt. Unterwegs begleiten ihn Elben, Zwerge und Krieger.
Wer spricht Aragorn im Zeichentrickfilm?
Aragorn wird von John Hurt gesprochen, Frodo von Christopher Guard, Gandalf von William Squire und Legolas von Anthony Daniels.
Aus welchen Ländern stammt der Film?
Der Herr der Ringe ist eine britisch-amerikanisch-spanische Koproduktion.
Lohnt sich die Reise in Bakshis Mittelerde auch heute noch?
Ich finde: ja, aber man sollte wissen, worauf man sich einlässt. Das hier ist kein makelloses Familienmärchen für alle, sondern ein leidenschaftliches, eigenwilliges und stellenweise geniales Experiment, vor dem man den Hut ziehen muss. Die Stimmen sind großartig, die Atmosphäre ist düster und verführerisch, und dieser Wagemut ist bis heute eine Seltenheit. Wenn du Tolkien magst, mach an einem verregneten Abend das Licht aus und gib dem Film eine Chance. Vielleicht verliebst du dich nicht in ihn, aber vergessen wirst du ihn ganz sicher nicht.
