Triangle of Sadness Kritik: Luxusyacht, Kotze und Klassenkampf zum Glas Champagner
Ruben Östlund setzt das reichste Prozent der Welt auf eine Luxusyacht und demontiert dann in aller Ruhe die Kulisse um sie herum. Triangle of Sadness ist eine schrille, peinliche, gemeine und oft laut zum Lachen bringende Satire. Und nebenbei zeigt der Film, dass 147 Minuten in den Händen eines schwedischen Provokateurs Segen und Fluch zugleich sind.
Gnadenlos unterhaltsame Satire über Geld und Macht, die voll ins Schwarze trifft und nur von ihrer eigenen Länge und einer manchmal allzu deutlichen Botschaft ausgebremst wird.
Triangle of Sadness: Trailer
Filmdaten
| Kinostart in Deutschland | 13.10.2022 |
|---|---|
| Regie | Ruben Östlund |
| Besetzung | Harris Dickinson, Charlbi Dean, Dolly de Leon, Woody Harrelson, Zlatko Burić, Vicki Berlin |
| Genre | Komödien, Dramen |
| Laufzeit | 147 Min. |
| FSK | 12 |
| Land | Dänische Filme, Französische Filme, Deutsche Filme, Griechische Filme, Mexikanische Filme, Schwedische Filme, Schweizer Filme, Türkische Filme, Britische Filme, Amerikanische Filme |
Worum geht es? Champagner, Sonne und dann der Abgrund
Schon die spoilerfreie Ausgangslage reicht, um auf dem Weg ins Kino zu grinsen: Wohlhabende Touristen urlauben auf einem riesigen Luxusschiff. Das sorglose Nichtstun der Superreichen und Models ist pure Parodie. An Deck treiben Menschen, deren größtes Problem darin besteht, ob das Licht für ein Foto im richtigen Winkel fällt.
Diese Blase stört zuerst ein lautstark politisierender Kapitän, dann folgt das größere Unglück: Das Schiff sinkt, und die Überlebenden müssen sich auf einer Insel neuen Prüfungen stellen. Welche das sind, verrate ich nicht, und das ist auch gar nicht nötig. Entscheidend ist, dass Östlund seinen Figuren den Boden unter den Füßen wegzieht und nachsieht, was von ihnen übrig bleibt, wenn Geld plötzlich nichts mehr wert ist.
Mehr muss man nicht wissen, um zu ahnen, worauf man sich einlässt. Der Film lebt nicht von einem Rätsel, sondern von Situationen: peinlichen, sich immer weiter steigernden, teils sogar körperlich unangenehmen Szenen, in denen die gesellschaftliche Rangordnung ins Rutschen gerät.
Östlund, der Großmeister des Fremdschämens
Wer The Square gesehen hat, weiß genau, was Ruben Östlund macht: Er setzt sich neben eine Szene und steht nicht mehr auf. Auch dann nicht, wenn jeder normale Regisseur längst geschnitten hätte. Sein Humor entsteht nicht aus der Pointe, sondern aus dem Moment, in dem Figur und Publikum gleichzeitig spüren, dass man das eigentlich nicht länger aushalten sollte.
Triangle of Sadness ist die lauteste Version dieser Methode. War The Square ein feiner Nadelstich in die Flanke des Kunstbetriebs, ist das hier ein Schlag mit der Schaufel in den Nacken. Östlund verheimlicht diesmal nicht, was er von den Reichen hält, und genau das ist Stärke und Schwäche des Films zugleich. Stärke, weil es befreiend ist zu sehen, wie die auf Hochglanz polierte Oberfläche immer lächerlicher wird. Schwäche, weil man stellenweise das Gefühl hat, der Regisseur sage dasselbe zweimal, nur damit es auch wirklich jeder versteht.
Die Inszenierung ist dafür souverän und präzise, jede Szene hat ihren Rhythmus, auch wenn dieser Rhythmus absichtlich quälend langsam ist. Östlund weiß, wann er die Stille arbeiten lassen muss und wann er alles in einen gewaltigen, grotesken Höhepunkt kippen lässt.
Das Ensemble: Gesichter, die keine Angst vor Lächerlichkeit haben
Ein großes Verdienst der Besetzung: Niemand versucht, sympathischer zu sein, als die Rolle es zulässt. Harris Dickinson als Carl und Charlbi Dean als Yaya sind ein starkes Paar. Beide spielen die Oberflächlichkeit so fein, dass man unter dem Glanz ständig die Spannung spürt. Besonders Dean überzeugt, sie kann mit einem einzigen Blick eine komplette gesellschaftliche Hierarchie erzählen.
Woody Harrelson ist als Kapitän genau das, was man von ihm erwartet: charismatisch, großmäulig, ein bisschen verrückt. Harrelson hat über Jahrzehnte bewiesen, dass unberechenbare Typen sein Heimspiel sind, und auch hier gehört ihm jede Szene, in der er auftaucht. Zlatko Burić ist als Dimitry sein Partner in einigen der absurdesten Momente des Films und trifft den satirischen Ton ebenfalls hervorragend.
Die größte Überraschung ist aber Dolly de Leon als Abigail. Warum, verrate ich nicht, denn das ist einer der besten Kniffe des Films. Nur so viel: Ungefähr ab dem Moment, in dem sie ins Zentrum rückt, schaltet der Film in einen ganz neuen Gang. In Nebenrollen sind Vicki Berlin (Paula), Henrik Dorsin (Jarmo) und Iris Berben (Therese) zu sehen, und jede und jeder setzt dem großen Gesellschaftsbild einen treffenden, einprägsamen Kratzer hinzu.
Was funktioniert: wenn einem das Lachen im Hals stecken bleibt
Fangen wir mit dem Wichtigsten an: Dieser Film ist sehr komisch. Nicht auf die kichernde Art, sondern so, dass im Saal gleichzeitig gelacht und die Augen zugehalten werden. Östlund versteht, dass Satire dann am besten wirkt, wenn man sich für einen Augenblick selbst wiedererkennt und den Gedanken schnell wieder verscheucht.
- Der Aufbau: Der Film ist in Abschnitte gegliedert, und jeder hat eine andere Temperatur. Der Teil auf dem Schiff ist unbequemer Luxus, die Insel bringt eine völlig andere Dynamik.
- Die Schauspielführung: Niemand übertreibt, nicht einmal in den schrillsten Momenten. Genau deshalb sitzt jeder Ausrutscher so gut.
- Der Mut: Östlund hat keine Angst davor, dass sein Publikum sich ekelt, langweilt oder fremdschämt. Selten will ein Regisseur so wenig gefallen und ist dabei so unterhaltsam.
Die stärksten Momente sind die, in denen Geld, Schönheit und Status gleichzeitig an Bedeutung verlieren und sich zeigt, wie dünn die Schicht aus „zivilisiertem“ Benehmen eigentlich ist.
Wo es hakt: das Gewicht von 147 Minuten
Ich will nicht lügen, der Film ist lang. 147 Minuten sind für eine Satire ein kühnes Unterfangen, und obwohl viele Szenen ausdrücklich davon profitieren, dass Östlund sie ausreizt, dauern manche Passagen schlicht länger, als die Botschaft es verlangt. Irgendwann hat man verstanden, was der Regisseur sagen will, und der Film sagt es immer noch.
Das zweite Problem: Das Ziel ist nicht gerade schwer zu treffen. Sich über Superreiche lustig zu machen, ist in den letzten Jahren fast zu einem eigenen Genre geworden, und Triangle of Sadness gräbt nicht immer tiefer als das. Am stärksten ist der Film, wenn es nicht nur um die Reichen geht, sondern darum, dass sich jeder andere an ihrer Stelle genauso verhalten würde, wenn er nur die Chance bekäme. Diese Momente regen wirklich zum Nachdenken an, kommen aber seltener vor, als ich mir gewünscht hätte.
Visuell ist der Film solide, der Glanz an Bord und die Rauheit des späteren Schauplatzes heben sich gut voneinander ab, aber wegen seiner Bilder wird man ihn nicht in Erinnerung behalten. Die Tonspur dagegen arbeitet clever: In manchen Szenen quälen die Geräusche das Publikum mindestens so sehr wie das, was zu sehen ist.
Satire inmitten eines Jahrzehnts voller Reichen-Spott
Anfang der 2020er Jahre wurde es plötzlich Mode, die Elite vorzuführen: The Menu, Parasite und Don't Look Up schöpfen alle aus derselben Quelle. Triangle of Sadness ist in diesem Feld der roheste und unhöflichste Beitrag. Ihm fehlt die Thriller-Straffheit von The Menu und das präzise Genrespiel von Parasite, doch er hat etwas, das keiner der anderen bietet: die Unerbittlichkeit eines Regisseurs, der seit Jahren in derselben Wunde bohrt und darin immer noch neuen Schmerz findet.
Auch Jahre nach dem deutschen Kinostart am 13. Oktober 2022 altert der Film gut, vermutlich weil sich das Thema nicht abgenutzt hat. Wer ihn jetzt noch einmal schaut, wird merken, wie viele kleine Details im Hintergrund der Szenen lauern, die beim ersten Mal vom Lachen übertönt werden.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für alle, die schwarzen Humor, peinliche Situationskomik und Gesellschaftssatire lieben und auch vor ein bisschen körperlichem Ekel nicht zurückschrecken. Fans von Östlunds früheren Filmen sollten ihn als Pflichtprogramm betrachten.
- Lieber auslassen, wenn: Wer eine flotte, straffe Komödie sucht oder lang ausgehaltene Fremdschäm-Szenen schlecht verträgt, schaut nach der Hälfte der 147 Minuten auf die Uhr. Auch für Zartbesaitete mit empfindlichem Magen eher nichts.
Wenn er dir gefällt, schau auch: The Square (2017), The Menu (2022), Parasite (2019), Don't Look Up (2021)
Häufige Fragen
Worum geht es in Triangle of Sadness?
Wohlhabende Touristen und Models machen Urlaub auf einem luxuriösen Kreuzfahrtschiff, bis ein lautstark politisierender Kapitän das Nichtstun stört. Nach dem Untergang des Schiffs müssen sich die Überlebenden auf einer Insel neuen Prüfungen stellen.
Wie lang ist Triangle of Sadness?
Der Film dauert 147 Minuten.
Wer hat Triangle of Sadness gedreht?
Regie führte Ruben Östlund.
Wer spielt in dem Film mit?
In den Hauptrollen sind Harris Dickinson (Carl), Charlbi Dean (Yaya), Dolly de Leon (Abigail), Woody Harrelson (der Kapitän) und Zlatko Burić (Dimitry) zu sehen, dazu Vicki Berlin, Henrik Dorsin und Iris Berben.
Wann kam Triangle of Sadness in die deutschen Kinos?
Der deutsche Kinostart war am 13. Oktober 2022.
An Bord gehen oder lieber am Ufer bleiben?
An Bord gehen, aber auf Seegang gefasst sein. Triangle of Sadness ist kein bequemer Film und will es auch nicht sein: lang, laut, manchmal zu deutlich, dabei aber so präzise gezielt und so befreiend komisch, dass ich ihm seine Schwächen gern verzeihe. Östlund zeigt sich hier von seiner am wenigsten feinen Seite, und diese Grobheit steht ihm gut. Allein wegen Dolly de Leon lohnt es sich ohnehin. Von mir gibt es eine starke Acht, mit einem Glas Champagner, das man nach dem Film irgendwie nicht mehr ganz so unbeschwert trinkt.
