Arielle, die Meerjungfrau Kritik: Halle Baileys Stimme trägt die ganze Tiefsee
Manchmal braucht ein Remake nur eine einzige Stimme, um seine Daseinsberechtigung zu bekommen, und hier gehört diese Stimme Halle Bailey. Rob Marshalls Realverfilmung von Arielle, die Meerjungfrau erfindet das Meer nicht neu, schwimmt stellenweise sogar ziemlich träge vor sich hin. Doch sobald Arielle zu singen beginnt, verzeiht man dem Film eine ganze Menge. Die Frage ist nur: wie viel genau?
Ein zu langes, stellenweise düsteres und etwas fades Remake, das von einer außergewöhnlichen Hauptdarstellerin und einer großartigen Ursula gerettet wird.
Arielle, die Meerjungfrau: Trailer
Filmdaten
| Original | The Little Mermaid |
|---|---|
| Kinostart in Deutschland | 25.5.2023 |
| Regie | Rob Marshall |
| Besetzung | Halle Bailey, Jonah Hauer-King, Melissa McCarthy, Javier Bardem, Noma Dumezweni, Art Malik |
| Genre | Abenteuerfilme, Familienfilme, Fantasyfilme, Romantische Filme |
| Laufzeit | 135 Min. |
| FSK | 6 |
| Land | Amerikanische Filme |
Worum geht es? Eine Meerjungfrau mit Fernweh
Die Geschichte kennt so gut wie jeder, trotzdem kurz zur Erinnerung: Arielle, die jüngste und eigensinnigste Tochter von König Triton, fühlt sich im Unterwasserpalast nicht so recht zu Hause. Ihr Blick geht nach oben, Richtung Wasseroberfläche. Die Welt der Menschen ist für Meerjungfrauen tabu, aber genau die will sie kennenlernen. Eines Tages schafft sie es nach oben und verliebt sich dort in den charmanten Prinzen Eric.
Dann folgt die klassische schlechte Entscheidung: Arielle schließt einen Pakt mit der Meerhexe Ursula, um an Land leben zu können. Umsonst ist dieser Handel natürlich nicht, und er bringt nicht nur ihr eigenes Leben in Gefahr, sondern auch den Thron ihres Vaters. Das reicht als Ausgangslage völlig. Den Rest kennt ihr ohnehin, und falls nicht, will ich euch nichts verderben.
Spannend ist an diesem Remake ohnehin nicht die Handlung, sondern die Frage, wie man eine Zeichentrick-Ikone in eine Wirklichkeit aus Fleisch und Blut verwandelt, mit nassen Haaren und umgeben von CGI-Fischen. Der Film liefert darauf zwei Antworten: eine sehr gute und eine eher durchwachsene.
Halle Bailey: eine Besetzung, die alles trägt
Fangen wir mit dem Guten an, denn das ist wirklich gut. Halle Bailey spielt eine Arielle, die man einfach mögen muss. Sie hat Neugier, Sturheit und eine Portion jugendlichen Trotz, und wenn sie singt, hält der Film schlicht inne und schaut ihr zu. Das ist keine Übertreibung: Diese Leistung ist das Rückgrat der gesamten Produktion. Mit einer weniger charismatischen Besetzung hätten sich die 135 Minuten spürbar länger angefühlt.
Ihr vielleicht größtes Kunststück: Sie funktioniert auch dann, wenn sie nicht sprechen darf. Nach dem Pakt verstummt Arielle an Land und spielt fast nur noch mit Gesicht, Augen und Gesten. Auch darin ist Bailey überraschend stark. Am Ende bleibt nicht nur die Stimme in Erinnerung, sondern eine vollständige, durchdachte Darstellung.
Jonah Hauer-King macht als Eric einen soliden, sympathischen Job, wird ihr aber nicht die Show stehlen. Er bekommt mehr zu tun als sein gezeichnetes Vorbild, was der Chemie zwischen den beiden guttut. Trotzdem merkt man immer, dass er die zweite Geige spielt.
Ursula und Triton: zwei Schwergewichte, zwei unterschiedliche Treffer
Melissa McCarthy gibt eine Ursula, der man mit größtem Vergnügen zuschaut. Man sieht ihr an, wie viel Spaß sie hat. Sie ist genau so theatralisch, wie eine Meerhexe sein muss, und bringt diesen bissigen Humor mit, der die Figur über einen simplen Buhmann hinaushebt. Für mich ganz klar das zweitbeste Element des Films.
Javier Bardem verleiht König Triton Autorität und schlägt sich erstaunlich gut dafür, dass er mit CGI-Flosse und Dreizack glaubwürdig wirken muss. Für die Rolle des strengen Vaters ist er wie gemacht, nur lässt ihm der Film emotional wenig Raum zur Entfaltung. Daneben sorgen Noma Dumezweni als Königin und Art Malik als Sir Grimsby für ergänzende Farbtupfer am Hof an Land.
Bei den Sprechrollen ist Daveed Diggs als Sebastian der große Gewinner: energiegeladen, witzig, und nicht zuletzt dank ihm bleibt die Krabbe lebendig. Jacob Tremblay als Fabius (im Original Flounder) ist ordentlich, das Problem liegt eher darin, dass man den realistisch gestalteten Fisch nur schwer ins Herz schließt.
Rob Marshall und das graue Unterwasserreich
Rob Marshall ist ein erfahrener Musical-Regisseur, man denke nur an Chicago. Die Gesangsnummern waren also im Prinzip in guten Händen. Stellenweise sieht man das auch: Die großen Songs haben Rhythmus und Schwung. Der größte Gegner der Inszenierung ist hier allerdings das Wasser selbst.
Die Bilder aus der Tiefsee sind oft dunkel und blass, und die fotorealistischen Tiere sind schlicht weniger ausdrucksstark als ihre gezeichneten Vorgänger. Wo ein Song ein farbenprächtiges Spektakel sein sollte, bekommt man häufig nur ein großes, blaugrünes Aquarium zu sehen. Die Szenen über Wasser wirken dagegen deutlich lebendiger, dort scheint der Film regelrecht aufzuatmen.
Und dann ist da noch die Länge. 135 Minuten sind für eine Geschichte, die viele auswendig kennen, einfach zu viel. Es gibt Passagen, in denen der Film gemächlich vor sich hin treibt, und genau dann dürfte der jüngere Teil des Familienpublikums anfangen, auf den Kinosesseln herumzurutschen.
Wo es wirklich wehtut und warum das keine Katastrophe ist
Das größte Problem ist nicht, dass der Film schlecht wäre, sondern dass er zu vorsichtig ist. Das ist die Krankheit vieler Disney-Remakes: Man will dem Klassiker Respekt erweisen und ihn gleichzeitig modernisieren, und irgendwo dazwischen geht oft die Verspieltheit verloren. Auch hier gibt es ein paar neue Elemente, Eric bekommt mehr Raum, Arielles Motivation ist vielschichtiger, aber die große, mutige Idee fehlt.
- Was funktioniert: Halle Bailey, Melissa McCarthy, Sebastian, die meisten Songs.
- Was weniger funktioniert: die düstere Unterwasseroptik, die allzu realistischen Tiere, der zähe Mittelteil.
Trotzdem kann ich dem Film nicht böse sein. Wenn er trifft, dann trifft er richtig, und er hat dieses romantische, sehnsüchtige Herz, das schon das Original zum Klassiker gemacht hat.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für Fans von Halle Bailey, für alle, die Disney-Musicals lieben, und für alle, die mit Nostalgie an den Zeichentrickfilm zurückdenken, aber neugierig auf eine neue Interpretation sind.
- Lieber auslassen, wenn: Für alle, die mit den Realverfilmungen von Disney nichts anfangen können, oder für alle, die einen flotten, kurzen Familienfilm suchen. Für die ganz Kleinen sind die Länge und die teils düsteren Bilder eher nichts.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Aladdin (2019), Die Schöne und das Biest (2017), Cinderella (2015), Der König der Löwen (2019), Mary Poppins' Rückkehr (2018)
Häufige Fragen
Wann kam Arielle, die Meerjungfrau in die deutschen Kinos?
Der Film startete am 25. Mai 2023 in den deutschen Kinos.
Wie lang ist Arielle, die Meerjungfrau?
Der Film dauert 135 Minuten.
Wer hat Arielle, die Meerjungfrau inszeniert?
Regie führte Rob Marshall.
Wer spielt Arielle und Ursula?
Arielle wird von Halle Bailey gespielt, Ursula von Melissa McCarthy. Javier Bardem ist als König Triton zu sehen, Jonah Hauer-King als Prinz Eric.
Wer spricht Sebastian und Fabius im Original?
Sebastian wird im Original von Daveed Diggs gesprochen, Fabius (Flounder) von Jacob Tremblay.
Lohnt sich der Tauchgang mit Arielle?
Ja, aber mit Schwimmweste. Arielle, die Meerjungfrau ist kein Remake, das die Regeln des Genres neu schreibt, und über die Länge und die düsteren Unterwasserbilder kann man sich durchaus beschweren. Halle Bailey ist aber eine Arielle, für die es sich lohnt, Platz zu nehmen, und Melissa McCarthy hat sichtlich einen Riesenspaß. Wer an einem verregneten Abend einen nostalgischen Familienfilm zum Mitsingen mit etwas älteren Kindern sucht, liegt hier richtig. Wer sich nur einen der beiden Filme ansehen will, den Zeichentrickfilm oder diesen, wird vermutlich immer noch eher beim Original landen. Untergehen hat diese Version trotzdem nicht verdient.
