Belfast Kritik: Kenneth Branaghs Liebesbrief an eine verlorene Kindheit
Manche Filme werden nicht einfach gedreht, sie werden aus dem Herzen geschrieben. Belfast ist so einer: Kenneth Branagh schaut durch die Augen eines kleinen Jungen zu, wie die geliebte Straße und das sichere Zuhause langsam ins Rutschen geraten. Ein kleiner Film mit großem Herzen, der genau dort trifft, wo man es am wenigsten erwartet.
Ein warmes, kluges und schmerzhaft schönes Familiendrama, das Nostalgie nicht als Zuckerguss behandelt, sondern als echten Einsatz.
Filmdaten
| Kinostart in Deutschland | 24.2.2022 |
|---|---|
| Regie | Kenneth Branagh |
| Besetzung | Jude Hill, Jamie Dornan, Caitríona Balfe, Lewis McAskie, Judi Dench, Ciarán Hinds |
| Genre | Dramen, Historienfilme |
| Laufzeit | 98 Min. |
| FSK | 12 |
| Land | Britische Filme, Nordirische Filme |
Eine Straße, in der jeder jeden kennt
Im Mittelpunkt von Belfast steht Buddy, ein Junge an der Schwelle zur Pubertät. Sein Leben ist genau so, wie eine Kindheit sein sollte: eine liebevolle Familie, Abenteuer auf der Straße und eine zarte, etwas unbeholfene erste Verliebtheit, bei der sich ihm der Magen zusammenzieht. Doch seine Heimatstadt Belfast versinkt immer tiefer im Chaos, und die Anspannung der Erwachsenenwelt sickert nach und nach in Buddys Alltag.
Die Familie steht vor einer harten Frage: Bleibt sie und hofft darauf, dass sich der Konflikt irgendwann legt, oder lässt sie alles zurück, um anderswo neu anzufangen? Mehr muss man über die Handlung nicht wissen, den Rest sollte man sich vom Film erzählen lassen. Seine Wirkung hängt nicht an Wendungen, sondern daran, wie er dieses Dilemma auf Augenhöhe eines Kindes zeigt.
Genau das ist der Schlüssel. Buddy versteht nicht ganz, was um ihn herum passiert, aber er spürt es. Und wir spüren es mit ihm: Das Flüstern der Erwachsenen, die angespannten Abendessen und das plötzliche Verstummen sagen mehr als jede politische Erklärung.
Jude Hill, der Junge, der den Film auf seinen Schultern trägt
Einem Kinderdarsteller so viel Gewicht aufzubürden, ist immer ein Risiko. Jude Hill bewegt sich als Buddy trotzdem so selbstverständlich vor der Kamera, als wüsste er gar nicht, dass sie da ist. Von der typischen, einstudierten Filmkind-Manier ist bei ihm nichts zu sehen: Er ist neugierig, frech, ängstlich, verliebt, und all das zeigt er mit winzigen Gesten.
Ein großer Teil des Films spielt sich auf seinem Gesicht ab, und das funktioniert. Wenn Buddy genau hinschaut, schauen wir auch hin. Wenn er nicht versteht, warum seine Eltern streiten, sitzen wir mit ihm auf der Treppe, halb neugierig, halb voller Angst.
Pa, Ma, Granny und Pop: die Familie, die sich jeder wünscht
Wenn Buddy das Herz des Films ist, dann ist seine Familie der Blutkreislauf. Jamie Dornan zeigt als Pa überraschend viele Facetten: Wer ihn bisher vor allem aus Fifty Shades of Grey kannte, sieht hier einen müden, aber stolzen Vater, der seine Familie beschützen und zugleich seine Würde bewahren will. Caitríona Balfe ist als Ma vielleicht das stärkste Glied: Ihre Figur trägt das volle Gewicht der Entscheidung, und Balfe lässt in jeder Szene spüren, was es sie kostet, stark zu bleiben.
Dann sind da noch die Großeltern, und hier ist der Film fast schon unverschämt gut. Judi Dench als Granny und Ciarán Hinds als Pop sind ein Paar, das man am liebsten adoptieren würde. Dench sagt mit einem einzigen Blick mehr als andere mit einem Monolog, und Hinds spielt den Großvater mit so weisem, liebevollem Humor, dass ihre gemeinsamen Szenen zu den wärmsten Momenten des Films gehören.
In den Nebenrollen runden Lewis McAskie als Buddys großer Bruder Will, Lara McDonnell als Moira und Colin Morgan als Billy Clanton das Bild ab. Morgans Figur bringt die meiste Bedrohung in diese abgeschlossene, scheinbar sichere Straßenwelt, und das ist unangenehm wirkungsvoll.
Branagh kehrt heim, und diesmal ohne Shakespeare
Kenneth Branaghs Karriere ist voller großer Vorhaben: Er hat Hamlet inszeniert, Thor ins Marvel-Universum gebracht und mit Mord im Orient Express einen Abstecher in die Welt von Agatha Christie gemacht. Im Vergleich dazu ist Belfast fast ein Flüstern. Wenig Raum, wenige Schauplätze, eine Familie, eine Straße. Und trotzdem wirkt gerade dieser Film wie der aufrichtigste seiner bisherigen Arbeiten.
Branaghs Regie ist hier zurückhaltend und präzise. Er will nicht alles erklären und hält keinen politischen Vortrag, sondern vertraut auf die Momente: ein Gespräch in der Küche, ein Ratschlag vom Großvater, ein kindlicher Streich. Der Fokus liegt durchgehend auf der Familie, und der große historische Hintergrund ist so präsent, wie er es im Leben eines Kindes wäre: als Lärm, als Angst, als unerklärliche Veränderung.
Die Laufzeit von 98 Minuten ist dabei ein Segen. Der Film zieht sich nicht, übertreibt nicht und bleibt ein dichtes, kompaktes Erlebnis, das einen noch stundenlang beschäftigt.
Wo gerät die Nostalgie ins Rutschen?
Fehlerfrei ist der Film natürlich nicht. Die Kinderperspektive hat ihren Preis: Das Chaos in der Stadt wirkt manchmal zu fern, zu verschwommen, und wer eine tiefe, differenzierte historische Analyse erwartet, wird enttäuscht. Darum geht es in Belfast nicht, und der Film macht daraus auch kein Geheimnis, aber hin und wieder spürt man, dass er lieber streichelt als konfrontiert.
Auch die Nostalgie arbeitet stellenweise kräftig. Manche Szenen sind ein bisschen zu schön, zu rund, als wären sie direkt einem Fotoalbum entstiegen. Das ist nicht unbedingt schlimm, denn so funktioniert Erinnerung nun mal, aber wer allergisch auf gefühlvolle Familiendramen reagiert, dem kann das gelegentlich zu viel werden.
- Was funktioniert: das Ensemble, vor allem Balfe, Dench und Hinds, die kindliche Perspektive, die knappe Laufzeit.
- Was weniger funktioniert: Der Konflikt im Hintergrund bleibt manchmal grob skizziert, und der Film will zeitweise zu nett sein.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für alle, die persönliche Dramen im menschlichen Maßstab, starkes Schauspiel und bittersüße Filme über die Kindheit lieben. Wer von Hope and Glory oder Roma berührt war, ist hier genau richtig.
- Lieber auslassen, wenn: Für alle, die auf eine temporeiche Handlung, Action oder ausführliche historische Erklärungen aus sind. Wer mit gefühlvollen Familiengeschichten nichts anfangen kann, sollte lieber etwas anderes wählen.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Hope and Glory (1987), Roma (2018), Jojo Rabbit (2019), Minari (2020), Die Fabelmans (2022)
Häufige Fragen
Wann ist Belfast in Deutschland gestartet?
Belfast kam am 24. Februar 2022 in die deutschen Kinos.
Worum geht es in Belfast?
Der Film folgt Buddy, einem Jungen an der Schwelle zur Pubertät, umgeben von einer liebevollen Familie, Kindheitsabenteuern und der ersten Liebe. Als seine Heimatstadt immer tiefer ins Chaos gerät, muss seine Familie entscheiden: bleiben oder alles für ein neues Leben zurücklassen.
Wie lang ist Belfast?
Der Film hat eine Laufzeit von 98 Minuten.
Wer hat Belfast inszeniert und wer spielt mit?
Regie führte Kenneth Branagh. In den Hauptrollen: Jude Hill (Buddy), Jamie Dornan (Pa), Caitríona Balfe (Ma), Judi Dench (Granny), Ciarán Hinds (Pop), Lewis McAskie (Will), Lara McDonnell (Moira) und Colin Morgan (Billy Clanton).
Lohnt sich die Heimkehr mit Buddy nach Belfast?
Ja, und zwar sehr. Belfast will nicht die Welt retten, sondern nur zeigen, wie es ist, wenn für ein Kind der sicherste Ort überhaupt, das Zuhause, ins Wanken gerät. Das tut der Film allerdings mit so viel Liebe, Humor und Schmerz, dass man kaum ungerührt bleibt. Jude Hill ist bezaubernd, Caitríona Balfe stark, und Judi Dench und Ciarán Hinds hätten eigentlich einen Extrapunkt verdient.
Perfekt ist der Film nicht: Der Hintergrund verschwimmt manchmal, die Nostalgie ist mitunter zu weich. Aber selten sieht man einen so ehrlichen, so menschlichen Film von einem Regisseur, der sichtbar sehr viel von sich selbst hineingelegt hat. Wer an einem ruhigen Abend etwas wirklich Berührendes sucht, bekommt mit Belfast genau das. Taschentücher sollte man trotzdem bereitlegen.
