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Kritik · Kinostart: 23.11.1995

Sieben Kritik: Finchers verregnete Hölle geht auch nach dreißig Jahren noch bis auf die Knochen

Amerikanische FilmeKrimisMysteryfilmeThrillerKriminalfilme

Es gibt Filme, die man sich ansieht, und es gibt Filme, die einen danach noch wochenlang ansehen. Sieben gehört eindeutig zur zweiten Sorte. David Finchers Thriller, der am 23. November 1995 in die deutschen Kinos kam, will nicht erschrecken. Er kriecht einem langsam und methodisch unter die Haut. Auch dreißig Jahre später wirkt er noch genauso feucht, finster und gnadenlos wie bei der ersten Vorstellung.

9,3/10
Wertung
Sieben ist einer der Höhepunkte des Serienkiller-Thrillers und überragt die Konkurrenz in Atmosphäre, Schauspiel und Mut bei Weitem.
Story
9
Schauspiel
9
Regie
10
Optik
9
Musik und Ton
9
Emotionen
10

Die Gesamtwertung ist der Durchschnitt der sechs Kriterien.

Filmdaten

OriginalSe7en
Kinostart in Deutschland23.11.1995
RegieDavid Fincher
BesetzungMorgan Freeman, Brad Pitt, Gwyneth Paltrow, John Cassini, Peter Crombie, Reg E. Cathey
GenreKrimis, Mysteryfilme, Thriller
Laufzeit122 Min.
FSK16
LandAmerikanische Filme

Sieben Sünden, eine Stadt, zwei Cops: Worum geht es, ganz ohne Spoiler?

Die Ausgangslage ist simpel, wie bei den besten Thrillern eben. In einem trostlosen, grauen, ewig nassen Betondschungel tötet ein Serienmörder seine Opfer, und zwar nicht irgendwie: Er arbeitet die sieben Todsünden ab, eine nach der anderen. Jeder Mord ist ein weiterer Punkt auf seiner Liste, eine weitere kranke Botschaft an alle, die ihm auf den Fersen sind.

Auf seinen Fersen sind zwei sehr unterschiedliche Männer. William Somerset steht kurz vor der Pensionierung, ein ruhiger, kluger Ermittler, der schon alles gesehen hat und von diesem Alles ziemlich müde geworden ist. David Mills ist ein ungeduldiger, aufbrausender Neuling, der noch glaubt, man könne die Welt mit Fäusten und Elan reparieren. Ihre Aufgabe: den Plan des Killers stoppen, bevor die Liste abgearbeitet ist.

Mehr sollte man vorher gar nicht wissen. Sieben ist ein Film, den man am besten völlig unvorbereitet sieht. Falls Sie es bisher irgendwie geschafft haben, jedem Detail aus dem Weg zu gehen, dann hüten Sie dieses Glück.

Freeman und Pitt: der müde Weise und der Hitzkopf

Das Buddy-Cop-Prinzip ist seit den Achtzigern Grundnahrungsmittel des Hollywood-Krimis, doch hier ist davon nichts Lockeres oder Witziges übrig. Morgan Freeman spielt Somerset als moralischen Kompass des Films: leise, präzise, ein Mann, der in die Bibliothek geht und dem man das Ausgebranntsein in jeder Bewegung ansieht. Freemans Stimme und seine Ruhe verleihen allem, was er sagt, ohnehin Gewicht, und in dieser Rolle reift diese Autorität zu bitterer, desillusionierter Weisheit.

Brad Pitt ist als Mills der perfekte Gegenpol. Nervös, laut, oft unsympathisch, und gerade deshalb glaubwürdig. Pitt versucht gar nicht erst, die Figur liebenswert zu polieren. Er lässt zu, dass ihre Ungeduld und ihre Wut manchmal peinlich wirken. Die Reibung zwischen den beiden ist der menschliche Motor des Films: Zwei Weltbilder prallen mitten in einem Fall aufeinander, der beide an ihre Grenzen bringt.

Eine besondere Erwähnung verdient Gwyneth Paltrow. Als Tracy, Mills' Ehefrau, hat sie nur wenig Leinwandzeit und bringt trotzdem genau die Wärme und Verletzlichkeit in den Film, ohne die das Ganze nur ein kaltes Rätsel wäre. In den Nebenrollen tragen R. Lee Ermey als Polizeichef, Reg E. Cathey und Peter Crombie als medizinische Experten sowie John Cassini und Daniel Zacapa als Polizisten ihren Teil zu jenem müden, zynischen Behördenapparat bei, in dem die Ermittlungen stattfinden.

David Fincher, der aus Dunkelheit einen Stil gemacht hat

Sieben ist der Film, mit dem klar wurde, wer David Fincher eigentlich ist. Heute wissen wir, dass der Regisseur von Fight Club, Zodiac oder Gone Girl zu den präzisesten Meistern des modernen Thrillers gehört, aber seine Handschrift ist hier schon voll ausgebildet. Jedes Bild ist kontrolliert, jeder Schatten sitzt, und die Kamera hetzt nie. Fincher setzt nicht auf den Schock, sondern auf den Druck, der sich langsam aufbaut.

Sein größter Trick: Die schlimmsten Dinge zeigt er oft gar nicht, nur ihre Spuren. Den Rest erledigt die Fantasie des Publikums, und die ist immer grausamer als alles, was auf der Leinwand zu sehen wäre. Dadurch ist der Film zugleich zurückhaltend und kaum auszuhalten. Das ist kein blutiger Horror, sondern eine psychologische Presse, die zwei Stunden lang zudrückt.

Regen, Rost, Schimmel: die Stadt als dritte Hauptfigur

Wenn mich jemand fragt, wie Sieben ist, sage ich zuerst immer: nass. Es regnet fast ununterbrochen, die Wohnungen sind muffig, das Licht der Lampen ist von einem kränklichen Gelb, an den Wänden kleben Rost und Dreck. Die Stadt ist keine Kulisse, sondern ein Zustand. Ein Ort, an dem der Verfall nicht die Ausnahme ist, sondern in der Luft liegt. Somersets Resignation und die Ideen des Mörders wirken in dieser Umgebung völlig logisch, und genau das ist das eigentlich Beängstigende.

Der Ton arbeitet genauso. Geräusche, ferne Sirenen, das ständige Prasseln des Regens und die seltene, unheilvolle Musik sorgen dafür, dass man sich nie sicher fühlt. Über den Vorspann allein könnte man ganze Abhandlungen schreiben: Schon in den ersten Minuten ist klar, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt.

Wo es kratzt, und warum das nicht schlimm ist

Der Fairness halber suche ich nach Schwachstellen, und ein paar gibt es. Mills ist manchmal so hitzköpfig, dass man sich fragt, wie glaubwürdig so jemand im Ermittlungsdienst ist. In der Mitte hängt das Tempo etwas durch, wenn die Routine der Polizeiarbeit übernimmt. Und wer von dem Genre rasante Action erwartet, wird enttäuscht, denn dieser Film redet lieber, beobachtet und wartet.

Nur sind diese Schwächen fast alle die Kehrseite seiner Stärken. Die Langsamkeit ist der Preis für die Atmosphäre, und Mills' Übertreibungen braucht es, damit der Gegensatz zwischen den beiden Ermittlern echt wirkt. Sieben will nicht allen gefallen, und gerade deshalb ist er ein Klassiker geworden. Wenige Studiofilme trauen sich, so düster und so unerbittlich ihrer eigenen Welt treu zu bleiben.

Wohin das alles führt, verrate ich mit keinem Wort. Nur so viel: Das ist die Sorte Film, über die man nach dem Abspann noch lange nicht reden kann.

Für wen ist der Film?

Wenn er dir gefällt, schau auch: Das Schweigen der Lämmer (1991), Zodiac (2007), Prisoners (2013), Memories of Murder (2003), Fight Club (1999)

Häufige Fragen

Worum geht es in Sieben?

Zwei Ermittler, der kurz vor der Pensionierung stehende Somerset und der aufbrausende Neuling Mills, jagen einen Serienmörder, der seine Opfer nach den sieben Todsünden auswählt.

Wie lang ist Sieben?

Der Film dauert 122 Minuten.

Wann kam Sieben in Deutschland ins Kino?

Sieben startete am 23. November 1995 in den deutschen Kinos.

Wer hat Sieben gedreht?

Regie führte David Fincher.

Wie lautet der Originaltitel von Sieben?

Der Originaltitel lautet Se7en.

Wer spielt die Hauptrollen in Sieben?

Morgan Freeman (Somerset), Brad Pitt (Mills) und Gwyneth Paltrow (Tracy).

Halten Sie den Regen von Sieben noch einmal aus?

Wer Sieben noch nicht gesehen hat, ist zu beneiden, denn das erste Mal mit diesem Film ist ein Erlebnis, das sich nicht wiederholen lässt. Wer ihn kennt, sollte ihn trotzdem erneut ansehen: Beim zweiten Mal achtet man darauf, wie akribisch Fincher den Druck aufbaut und wie fein Freeman und Pitt an der Beziehung der beiden Ermittler arbeiten. Das ist nicht einfach ein guter Krimi, sondern einer der Maßstäbe des Genres, an dem bis heute jeder Serienkiller-Thriller gemessen wird. Stellen Sie sich etwas Starkes bereit, machen Sie das Licht aus und rechnen Sie nicht damit, gut gelaunt vom Sofa aufzustehen.

Wertung: 9,3/10 · Story 9 · Schauspiel 9 · Regie 10 · Optik 9 · Musik und Ton 9 · Emotionen 10