Flow Kritik: Eine Katze, ein Boot und eine Welt unter Wasser
Es gibt nur wenige Animationsfilme, nach denen beim Verlassen des Kinosaals alle ein bisschen leiser sprechen. Flow von Gints Zilbalodis ist so einer: Eine einsame Katze muss sich auf einem Boot mit fremden Tieren arrangieren, während um sie herum die Welt verschwindet. Ein kleiner Film mit großem Herzen, und genau deshalb trifft er so tief.
Flow ist mutig, wunderschön und zutiefst menschlich, obwohl keine einzige Hauptfigur ein Mensch ist.
Filmdaten
| Original | Straume |
|---|---|
| Kinostart in Deutschland | 6.3.2025 |
| Regie | Gints Zilbalodis |
| Genre | Abenteuerfilme, Animationsfilme, Familienfilme, Fantasyfilme |
| Laufzeit | 85 Min. |
| FSK | 6 |
| Land | Lettische Filme, Belgische Filme, Französische Filme |
Worum geht es in Flow, ganz ohne Spoiler?
Die Ausgangslage ist so schlicht, dass sie fast nach Märchen klingt: Eine gewaltige Flut vertreibt eine einsame Katze aus ihrem Zuhause, und sie rettet sich auf ein Boot. Allein ist sie dort allerdings nicht. An Bord haben auch andere Tiere Zuflucht gesucht, und um zu überleben, müssen sie alle lernen, sich in einer völlig veränderten Welt zurechtzufinden. Mehr braucht es nicht. Keine verschachtelte Hintergrundmythologie, kein Oberschurke, keine zehn Nebenhandlungen.
Genau darin liegt die größte Stärke des Films. Flow erklärt nicht, Flow zeigt. Wir sehen die Welt aus den Augen der Katze, und sie ist zugleich bedrohlich und überwältigend. Der Film vertraut darauf, dass sein Publikum, ob sechs oder sechzig Jahre alt, ganz von selbst versteht, was auf dem Spiel steht. Die Einzelheiten der Handlung verrate ich bewusst nicht: Diesen Film sollte man so erleben, wie die Katze ihn erlebt, Schritt für Schritt und mit allen Überraschungen.
Die Katze, in der wir uns alle wiedererkennen
Wer je mit einer Katze zusammengelebt hat, schmilzt in den ersten Minuten dahin. Die Heldin ist kein Zeichentrickmaskottchen, sie kokettiert nicht und klimpert nicht mit großen Kulleraugen in die Kamera. Sie benimmt sich exakt wie eine echte Katze: misstrauisch, eigensinnig, stolz und mit einer instinktiven Abneigung gegen Wasser. Aus diesem Ausgangspunkt speist sich das ganze Drama des Films, denn das Schlimmste, was einer Katze passieren kann, ist eine Welt, die sich in Wasser verwandelt.
Das Rückgrat des Films bilden die Beziehungen zu den anderen Tieren. Hier werden nicht alle sofort beste Freunde, die gemeinsam an Deck ein Liedchen trällern. Vertrauen wächst langsam, manchmal geht es auch wieder ein Stück zurück, und gerade das macht die Geschichte glaubwürdig. Deshalb habe ich bei der schauspielerischen Leistung so hoch gewertet: Die Animatorinnen und Animatoren arbeiten mit so feinen Bewegungen, Körperhaltungen und Blicken, dass diese Figuren mehr Gefühl transportieren als manches komplette Ensemble eines Realfilms.
Gints Zilbalodis, der stille Revolutionär des lettischen Animationsfilms
Der Name des lettischen Regisseurs war bisher vor allem Festivalgängern und Animationsfans ein Begriff. Nach Flow dürfte es schwer werden, ihn zu übersehen. Zilbalodis steht für eine Handschrift, die sich radikal von den glattpolierten, mit Gags vollgestopften Familienfilmen der großen amerikanischen Studios unterscheidet. Bei ihm spricht auch die Stille, die Kamera verweilt lange, und man bekommt als Zuschauer Zeit, einfach nur zu schauen.
Die Koproduktion aus Lettland, Belgien und Frankreich beweist außerdem, dass europäische Zusammenarbeit mit einem Bruchteil des Budgets Animation hervorbringen kann, die optisch und emotional mit den Hollywood-Giganten mithält. Die Regie ist für mich die größte Stärke des Films: Jede Einstellung hat Gewicht, das Tempo ist bewusst gesetzt, und die 85 Minuten fühlen sich keinen Moment zu lang an.
Bild und Ton: Wenn das Wasser die Hauptrolle spielt
Der visuelle Stil dürfte alle überraschen, die an die glänzenden Oberflächen von Pixar gewöhnt sind. Flow wirkt eher malerisch, stellenweise fast wie ein Videospiel, doch das ist kein Makel, sondern Charakter. Die Landschaften sind monumental, das Wasser ist schön und bedrohlich zugleich, und das Licht erzeugt eine Stimmung, in der selbst in den ruhigsten Szenen eine leise Beklemmung mitschwingt.
Die Kamera bewegt sich wie ein neugieriger Beobachter, der den Tieren folgt. Mal schmiegt sie sich ganz nah an sie heran, mal zieht sie sich zurück und zeigt, wie winzig sie in dieser riesigen, überfluteten Welt sind. Sounddesign und Musik sind genauso sorgfältig gestaltet: Das Rauschen des Wassers, die Tierlaute und die schwebenden, zarten Klangschichten erzeugen eine Atmosphäre, wegen der man diesen Film im Kino sehen sollte und nicht auf dem Handydisplay.
Wo es zwischen Film und Publikum haken kann
Ehrlich gesagt: Flow wird nicht bei allen zünden. Wer einen temporeichen, lauten Kinderfilm voller Witze erwartet, könnte enttäuscht werden. Es gibt keine Popkultur-Anspielungen und keinen plappernden Sidekick, der im Minutentakt Pointen abfeuert. Das Tempo ist meditativ, und manchmal hält die Handlung bewusst inne, damit man in ein Bild oder eine Stimmung eintauchen kann.
Für die Allerkleinsten können einige Szenen beängstigend sein. Gefahr und Ausgeliefertsein sind durchgehend spürbar, und ein sensibles Kind wird vielleicht auch ein paar Tränen vergießen. Und die Schlichtheit der Geschichte, für mich eine Tugend, kann bei anderen das Gefühl hinterlassen, dass etwas fehlt: Wer es mag, wenn ein Film alles ausspricht und erklärt, wird hier viele offene Fragen finden.
Warum dich dieser Film noch tagelang begleitet
Eine der größten Stärken von Flow ist, dass der Film keine fertige Moral serviert. Man kann ihn als Klimaparabel sehen, als Geschichte über Flucht, Zusammenhalt oder das Annehmen des Fremden, und ein Kind erlebt ihn schlicht als Abenteuer einer mutigen Katze. Jede dieser Lesarten ist gültig, und der Film drängt keine davon auf.
Ich habe mich in ihn verliebt, weil er so klar zeigt, was es bedeutet, unter Fremden ein Zuhause zu finden, wenn das eigene nicht mehr existiert. Das ist ein sanfter, aber keineswegs naiver Film. Traurig und hoffnungsvoll zugleich, und genau wegen solcher Zwischentöne lohnt sich Kino.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für Katzenliebhaber, Fans von Autorenanimation und Familien, die sich ein ruhigeres, nachdenkliches gemeinsames Kinoerlebnis wünschen. Wer die Ghibli-Filme und Die rote Schildkröte liebt, kommt an diesem Film nicht vorbei.
- Lieber auslassen, wenn: Für alle, die eine rasante, laute Animationskomödie voller Gags suchen, und für sehr kleine Kinder, die sich leicht fürchten.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Die rote Schildkröte (2016), Der wilde Roboter (2024), WALL·E (2008), Chihiros Reise ins Zauberland (2001)
Häufige Fragen
Wann ist Flow in den deutschen Kinos gestartet?
Flow lief am 6. März 2025 in den deutschen Kinos an.
Worum geht es in Flow?
Um eine einsame Katze, die von einer großen Flut aus ihrem Zuhause vertrieben wird und auf einem Boot mit verschiedenen anderen Tieren Zuflucht findet. Gemeinsam müssen sie sich an die veränderte Welt anpassen.
Wie lang ist Flow?
Der Film dauert 85 Minuten.
Kann man Flow mit Kindern schauen?
Ja, grundsätzlich schon. Einige spannende und gefährliche Szenen können die Kleinsten allerdings ängstigen, deshalb sollte man den Film mit ihnen gemeinsam ansehen.
Wer hat Regie bei Flow geführt?
Regie führte der Lette Gints Zilbalodis. Der Film ist eine Koproduktion aus Lettland, Belgien und Frankreich.
Wie lautet der Originaltitel von Flow?
Der Originaltitel lautet Straume.
Solltest du an Bord dieses Bootes gehen?
Unbedingt. Flow ist einer dieser Animationsfilme, an die man sich noch in Jahren erinnert, weil er nicht mit Lautstärke, sondern mit Aufrichtigkeit gewinnt. Gints Zilbalodis beweist, dass eine Katze, ein Boot und eine überflutete Welt genügen, um tiefere Gefühle auszulösen als so manche Produktion mit dreifachem Budget. Wenn du kannst, schau ihn auf der großen Leinwand, ruhig und aufmerksam, und lass dich einfach mitreißen. Für mich ist dieser Film ganz klar ein Pflichttitel.
