Moulin Rouge Kritik: Baz Luhrmanns glitzernder, lauter und herzzerreißender Liebesrausch
Es gibt Filme, bei denen man nach fünf Minuten entweder die Flucht ergreift oder rettungslos verliebt ist. Moulin Rouge ist genau so ein Film. Baz Luhrmanns Musikdrama von 2001 schießt auf sein Publikum zu wie ein Sektkorken, und wer den ersten Ansturm übersteht, bekommt eine Liebesgeschichte, die bis heute niemand wirklich kopieren konnte.
Maßlos, chaotisch, hart an der Grenze zum Kitsch und gerade deshalb eines der leidenschaftlichsten Werke, die das Musikfilmgenre hervorgebracht hat.
Filmdaten
| Original | Moulin Rouge! |
|---|---|
| Kinostart in Deutschland | 18.10.2001 |
| Regie | Baz Luhrmann |
| Besetzung | Ewan McGregor, Nicole Kidman, John Leguizamo, Jim Broadbent, Richard Roxburgh, Garry McDonald |
| Genre | Dramen, Romantische Filme, Musikfilme |
| Laufzeit | 128 Min. |
| FSK | 12 |
| Land | Australische Filme, Amerikanische Filme |
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Paris, Bohème und eine Liebe, die nicht ins Varieté passt
Die Ausgangslage ist schlicht, fast märchenhaft. Wir sind in Paris um die Jahrhundertwende. Christian ist ein junger, ungemein begabter Schriftsteller, der gegen den Willen seines Vaters seine Tage im Bohèmekreis des Malers Toulouse-Lautrec verbringt. Lautrec führt ihn in die Künstlerszene von Montmartre ein und natürlich auch in die glitzernde, dekadente und zügellose Welt der Nachtclubs, in der alles zu haben ist und alles vorstellbar scheint. Mit einer Ausnahme: echte Liebe.
Und Christian entscheidet sich, wie junge Schriftsteller nun einmal sind, genau dafür. Er verliebt sich Hals über Kopf in Satine, den gefeierten Star des berüchtigtsten Etablissements der Stadt. Ab diesem Moment fragt der Film nicht mehr, ob wir an die große Liebe glauben. Er schreit, tanzt und singt sie uns einfach ins Gesicht.
Zugegeben, die Geschichte selbst ist nicht gerade die originellste der Welt. Der arme Künstler und der unerreichbare Star, dieses Motiv ist so alt wie das Theater. Aber Luhrmann setzt gar nicht auf Überraschung, sondern auf die Vergrößerung der Gefühle. Das Ganze funktioniert wie eine Oper: Man weiß, dass es wehtun wird, und bleibt trotzdem bis zum Schluss sitzen.
Ewan McGregor und Nicole Kidman: zwei Stars, die wirklich singen
Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, dass sich die beiden Hauptdarsteller vollständig in den Wahnsinn stürzen. Ewan McGregor spielt Christian naiv, begeistert, ein wenig ungelenk und singt mit einer solchen Aufrichtigkeit, dass man vergisst, wie riskant so etwas für einen Filmschauspieler ist. Da ist kein Funke Zynismus, und genau das rettet den Film. Ein augenzwinkernder, ironischer Held würde das ganze Konstrukt in seine Einzelteile zerlegen.
Nicole Kidman ist als Satine Diva, Geschäftsfrau und zerbrechliches Mädchen zugleich. Im einen Moment die schillernde Showgröße, im nächsten ein verängstigter Mensch, der nirgendwohin fliehen kann. Es ist eine ihrer besten Rollen, und man kann sich kaum jemand anderen mit den roten Haaren im funkelnden Abendkleid vorstellen.
Unter den Nebenfiguren ist Jim Broadbent als Harold Zidler ein einziger Zirkus, und zwar im allerbesten Sinn: Kuppler, Impresario und Überlebenskünstler in einer Person. John Leguizamo ist als Toulouse-Lautrec die Bohèmeseele des Films, während Richard Roxburgh als Herzog den reichen, besitzergreifenden Mann mit so lüsterner Widerwärtigkeit gibt, dass man sie fast anfassen kann. Dazu kommen Garry McDonald, Jacek Koman und Matthew Whittet, die die bunte Truppe von Montmartre mit Leben füllen.
Baz Luhrmann, der Diktator am Schneidetisch
Wenn jemals jemand behauptet hat, man erkenne einen Regisseur an seiner Handschrift, dann hatte er Baz Luhrmann im Sinn. Wer Romeo + Julia gesehen hat, ahnt, was ihn erwartet: blitzschnelle Schnitte, schwindelerregende Kamerafahrten, theatralische Übertreibung und Popkultur an Stellen, an denen man sie am wenigsten vermutet.
Die erste halbe Stunde stellt das Publikum regelrecht auf die Probe. Das Tempo wirkt, als hätte jemand einen Stummfilm im Schnelldurchlauf abgespielt und dann eine Dose Glitzerpuder darübergekippt. Viele steigen genau hier aus, und ich kann es ihnen nicht verübeln. Doch dieses Chaos hat Methode: Luhrmann zeigt, wie berauschend, verlogen und laut diese Welt ist, damit die Liebe in den stilleren Momenten umso härter trifft.
Moulin Rouge ist einer dieser seltenen Fälle, in denen Übertreibung kein Fehler ist, sondern das Genre selbst. Luhrmann will kein realistisches Paris, sondern ein Traumtheater, in dem jedes Gefühl in zehnfacher Lautstärke erklingt.
Popsongs auf dem Montmartre: die Musik trägt alles
Jetzt kommt der Grund, warum Moulin Rouge zur Legende wurde. Luhrmann verzichtet auf zeitgenössische Musik und mischt stattdessen bekannte Popsongs, zerlegt sie und fügt sie neu zusammen, zu einer Art riesigem, gemeinsamem Liebes-Mixtape. Das Ergebnis ist komisch, mutig und überraschend bewegend zugleich.
Die Musiknummern sind keine Dekoration, sie treiben die Geschichte an. Die Figuren singen, wenn sie nicht mehr sprechen können, und diese alte Musicalregel funktioniert hier perfekt. In einem einzigen Duett erfahren wir mehr über Christian und Satine als aus zehn Seiten Dialog.
Für Musikfans ist der Film zur Hälfte auch ein Ratespiel: Woher stammt diese Zeile, diese Melodie, dieser Refrain? Und wer die Songs nicht kennt, bekommt trotzdem die volle emotionale Ladung ab, denn Arrangement und Vortrag erzählen alles.
Wo bekommt der Glanz Risse?
Ich bin kein blinder Fan, der Film hat seine Schwächen. Der Humor der frühen, klamaukigen Passagen wird nicht bei allen zünden, bei manchen Gags habe ich selbst an die Decke gestarrt. Das Tempo ermüdet stellenweise, und der Film will so sehr alles auf einmal, dass er sich manchmal in seinen eigenen Kulissen verliert.
Auch das Gerüst der Handlung ist simpel, und vor allem die Nebenfiguren sind eher Typen als Menschen. Wer sich ein nuanciertes, ruhiges Liebesdrama wünscht, bekommt hier Operette statt tschechowscher Feinheit.
- Was funktioniert: die beiden Hauptdarsteller, die Musik, die Optik, die Leidenschaft.
- Was weniger funktioniert: der überdrehte Einstieg, die Albernheiten, die dünne Handlung.
Warum schauen wir ihn auch nach 25 Jahren noch immer?
Weil es kaum einen Film gibt, der sich so sehr traut, gefühlvoll zu sein. Moulin Rouge schämt sich nicht dafür, groß sein zu wollen, Tränen zu wollen, an die Liebe glauben zu wollen in einer Welt, in der alles seinen Preis hat. Heute, wo die meisten Filme sich mit einem Augenzwinkern gegen jedes Pathos absichern, wirkt diese Offenheit beinahe revolutionär.
In 128 Minuten führt der Film vom Schwank bis zur Tragödie, und wer diesen Weg mitgeht, wird die Songs vermutlich noch lange vor sich hin summen.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für Musicalfans, für alle, die große, leidenschaftliche Liebesdramen lieben, und für jeden, der es mag, wenn ein Film mutig übertreibt und optisch auftrumpft.
- Lieber auslassen, wenn: Wer schnelle Schnitte, theatralischen Stil und plötzlich ausbrechenden Gesang nicht ausstehen kann, wird die erste halbe Stunde als Qual empfinden.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Romeo + Julia (1996), Chicago (2002), Der große Gatsby (2013), Cabaret (1972), La La Land (2016)
Häufige Fragen
Worum geht es in Moulin Rouge?
Im Paris der Jahrhundertwende gerät der junge Schriftsteller Christian in den Bohèmekreis um Toulouse-Lautrec und verliebt sich in Satine, den gefeierten Star des berüchtigtsten Nachtclubs der Stadt.
Wie lang ist Moulin Rouge?
Der Film dauert 128 Minuten.
Wer hat Moulin Rouge inszeniert?
Baz Luhrmann, in einer australisch-amerikanischen Produktion.
Wer spielt die Hauptrollen?
Ewan McGregor (Christian), Nicole Kidman (Satine), John Leguizamo (Toulouse-Lautrec), Jim Broadbent (Harold Zidler) und Richard Roxburgh (der Herzog).
Wann kam Moulin Rouge in Deutschland ins Kino?
Der Film startete am 18. Oktober 2001 in den deutschen Kinos.
Trittst du durch die Tür der roten Mühle oder bleibst du draußen?
Moulin Rouge will nicht allen gefallen, und genau deshalb lieben ihn so viele. Laut, kitschig, maßlos und dabei so aufrichtig romantisch, dass am Ende selbst die zynischsten Zuschauer weich werden. Wer ihn noch nicht kennt, sollte ihm eine Chance geben und die erste halbe Stunde durchhalten. Und wer ihn schon gesehen hat: Zeit, ihn wieder einzulegen. Kidman und McGregor treffen heute noch genauso mitten ins Herz.
