The Big Short Kritik: Wenn der Weltuntergang in einer Excel-Tabelle beginnt
Es gibt Filme, bei denen man lacht und erst danach merkt, dass einem eigentlich zum Heulen zumute sein müsste. The Big Short ist genau so einer: Adam McKays als Komödie getarnter Wutausbruch über vier Außenseiter, die gesehen haben, was sonst niemand sehen wollte. Auch zehn Jahre später trifft er, als wäre er gestern gedreht worden.
Frech, clever und auf ärgerliche Weise unterhaltsam: ein Film, der selbst Finanzjargon spannend macht und einem nebenbei einen Schlag in die Magengrube verpasst.
Filmdaten
| Kinostart in Deutschland | 14.1.2016 |
|---|---|
| Regie | Adam McKay |
| Besetzung | Steve Carell, Christian Bale, Ryan Gosling, Brad Pitt, Marisa Tomei, Melissa Leo |
| Genre | Komödien, Dramen |
| Laufzeit | 130 Min. |
| FSK | 6 |
| Land | Amerikanische Filme |
Worum geht es? Vier Wetten gegen das System
Die Ausgangslage klingt simpel, die Umsetzung ist es ganz und gar nicht. Vier Außenseiter erkennen, was die großen Banken, die Medien und die Regierung nicht erkennen wollten: den bevorstehenden globalen Zusammenbruch der Wirtschaft. Statt auf der Straße Alarm zu schlagen, wetten sie darauf. Das ist der große Coup. Doch ihre Investition zieht sie tief hinein in die finsteren Abgründe der modernen Finanzwelt, wo schnell klar wird, dass man niemandem und nichts trauen kann.
Genial an diesem Film ist die Perspektive. The Big Short zeigt keine Helden, die die Welt retten. Er zeigt Menschen, die die Katastrophe kommen sehen und Geld damit verdienen. Dadurch hat jeder ihrer Siege einen bitteren Beigeschmack, und der Film lässt diese Ambivalenz keine Sekunde los. Man lacht über die Figuren, fiebert mit ihnen mit und begreift dann, dass man gerade auf den Ruin von Millionen Menschen hofft.
Eine Besetzung, von der andere ein Leben lang träumen
Man muss sich diese Namen auf der Zunge zergehen lassen: Steve Carell, Christian Bale, Ryan Gosling, Brad Pitt. Jeder von ihnen könnte einen Film allein tragen. Hier ziehen sie gemeinsam am selben Strang, und keiner drängt den anderen an die Wand.
- Steve Carell ist als Mark Baum der moralische Kompass des Films: ein ständig brodelnder Mann, der sich mit allen anlegt und dessen Wut ansteckend ist. Carell beweist hier endgültig, dass hinter dem Spaßvogel aus The Office und Jungfrau (40), männlich, sucht… ein ernstzunehmender Charakterdarsteller steckt.
- Christian Bale liefert als Michael Burry die seltsamste und vielleicht einprägsamste Figur. Mit seiner gewohnten Verwandlungswut baut er einen Charakter, den man zugleich genial und ein bisschen unheimlich findet.
- Ryan Gosling ist als Jared Vennett frech, selbstverliebt und gerade unterhaltsam genug, dass man ihm verzeiht, fast die ganze Zeit in die Kamera zu dozieren. Er ist die schelmische Erzählstimme des Films.
- Brad Pitt gibt als Ben Rickert den Zurückhaltendsten im Team, doch wenn er etwas sagt, hat es Gewicht.
Auch die zweite Reihe kann sich sehen lassen: Marisa Tomei als Cynthia Baum, Melissa Leo als Georgia Hale sowie Hamish Linklater und John Magaro als Porter Collins und Charlie Geller. Hier ist niemand bloße Staffage, jeder fügt dem Bild eine eigene Farbe hinzu.
Adam McKay, der den Witz ernst genommen hat
Wer beim Namen des Regisseurs an die Anchorman-Filme und Will-Ferrell-Komödien wie Ricky Bobby: König der Rennfahrer denkt, liegt nicht falsch. Genau da kommt Adam McKay her. Und genau deshalb funktioniert The Big Short so gut. McKay weiß, wie man eine Szene auf Rhythmus schneidet und eine Pointe so setzt, dass sie nicht nur witzig ist, sondern auch wehtut.
Sein Stil ist nervös und rasant, manchmal geradezu hektisch. Die Kamera springt hin und her, die Figuren sprechen das Publikum direkt an, der Film bricht ständig seine eigene Illusion. Das mag anfangs irritieren, aber bald wird klar: Das ist Methode. McKay lässt einen nicht bequem zurücklehnen. Er stupst ständig nach, erinnert daran, dass das hier kein Märchen ist, und dass man aufpassen sollte, weil es auch um einen selbst geht.
Sein größtes Kunststück: Er macht Finanzjargon, bei dem die meisten Zuschauer normalerweise wegdämmern, tatsächlich genießbar. Er vereinfacht ihn nicht bis zur Banalität, sondern verpackt ihn unterhaltsam. Dafür braucht es Mut, und davon hat McKay reichlich.
Warum er einem nicht mehr aus dem Kopf geht
Die größte Stärke von The Big Short ist der Tonfall. Komödie und Drama zugleich, und der Wechsel zwischen beidem ist so abrupt, dass einem manchmal schwindlig wird. In der einen Minute lacht man laut über einen frechen Spruch, in der nächsten sitzt man still da, weil einem bewusst wird, was hinter den Zahlen steckt.
Der Film moralisiert nicht offen, und doch ist die Wut ständig spürbar. Das System, das er zeigt, ist absurd, gierig und verantwortungslos, und er führt es so vor, dass man am Ende selbst wütend ist. Das ist selten: ein unterhaltsamer Film, nach dem einem nicht leichter ums Herz ist, sondern schwerer. Und genau das macht ihn wertvoll.
Dazu kommt etwas enorm Wichtiges: Dieser Film ist auch nach zehn Jahren nicht gealtert. Im Gegenteil. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr wirkt er wie eine Warnung und nicht wie ein Rückblick.
Wo hakt es?
Perfekt ist der Film nicht, und das will er auch gar nicht sein. Die 130 Minuten Laufzeit merkt man, und es gibt Passagen, in denen die Dichte der Finanzerklärungen trotz gut dosiertem Humor die Geduld strapaziert. Wer vom Thema gar keine Ahnung hat, muss sich durch die erste Stunde ordentlich durchbeißen, bis das Bild zusammenpasst.
Die vielen Handlungsstränge und Figuren gehen mitunter auf Kosten der emotionalen Bindung. Von manchen Charakteren hätte ich gern mehr gesehen, bei anderen hatte ich das Gefühl, der Film behandelt sie eher als Funktion denn als Menschen. Und der bewusst chaotische Schnitt wird nicht jedem gefallen. Die einen putscht er auf, die anderen ermüdet er schlicht.
Auch optisch bietet der Film wenig Extras: Das ist ein Film der Büros, Konferenzräume und Telefonate. Seine visuelle Kraft liegt eher im Schnitt und im Tempo als in den Bildern.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für alle, die kluge Filme mögen, die nichts vorkauen und trotzdem unterhalten, und die wissen wollen, wie die Welt des Geldes funktioniert (oder eben nicht funktioniert). Wer den temporeichen Stil mit direkter Publikumsansprache mag, wird ihn lieben.
- Lieber auslassen, wenn: Wer Lust auf ein ruhiges, klassisches Drama oder eine leichte, unbeschwerte Komödie hat, ist hier falsch. Wen viel Fachjargon und hektischer Schnitt ermüden, der kann sich darin leicht verlieren.
Wenn er dir gefällt, schau auch: The Wolf of Wall Street (2013), Der große Crash: Margin Call (2011), Wall Street (1987), Vice: Der zweite Mann (2018), Don't Look Up (2021)
Häufige Fragen
Worum geht es in The Big Short?
Um vier Außenseiter, die den drohenden globalen Wirtschaftskollaps erkennen, den Banken, Medien und Regierung nicht sehen wollten, und mit einer gewagten Investition darauf wetten.
Wie lang ist The Big Short?
Der Film dauert 130 Minuten.
Wann kam The Big Short in die deutschen Kinos?
Der Film startete am 14. Januar 2016 in den deutschen Kinos.
Wer hat bei The Big Short Regie geführt?
Regie führte Adam McKay.
Wer spielt in The Big Short mit?
Die Hauptrollen spielen Steve Carell, Christian Bale, Ryan Gosling und Brad Pitt, daneben sind Marisa Tomei, Melissa Leo, Hamish Linklater und John Magaro zu sehen.
Lohnt es sich, The Big Short heute noch einmal anzuschauen?
Unbedingt. The Big Short ist einer dieser seltenen Filme, die gleichzeitig unterhalten und verstören, und je öfter man ihn sieht, desto mehr entdeckt man darin. Steve Carells Wut, Christian Bales Schrulligkeit, Ryan Goslings Frechheit und Adam McKays nervös pulsierende Regie ergeben eine Mischung, die man so schnell nicht vergisst. Vielleicht verliert man sich zwischendurch in den Zahlen, aber wenn der Film einen am Ende schonungslos mit der Realität konfrontiert, erinnert man sich nicht an die Zahlen, sondern an das Gefühl, dass das wirklich passiert ist. Und dass es jederzeit wieder passieren kann. Schaut ihn euch an und überlegt danach zweimal, wem ihr vertraut, wenn es ums Geld geht.
