Die Insel Kritik: Michael Bays Utopie, in der die Flucht wichtiger ist als das Denken
Manchmal stellt ein Science-Fiction-Film eine richtig gute Frage, und dann kommt Michael Bay und jagt sie in die Luft. Die Insel ist genau so ein Film: Die erste Stunde ist eine erstaunlich kühle, beunruhigende Dystopie, danach kippt alles in eine glänzende, metallisch dröhnende Hetzjagd. Das macht ihn ärgerlich und unterhaltsam zugleich, und genau deshalb schauen wir ihn uns auch zwanzig Jahre später noch einmal an.
Eine kluge Grundidee, ein unvergesslicher erster Akt und beeindruckende Actionszenen. Die zweite Hälfte vertraut allerdings mehr auf Pyrotechnik als auf ihr eigenes Thema.
Filmdaten
| Original | The Island |
|---|---|
| Kinostart in Deutschland | 4.8.2005 |
| Regie | Michael Bay |
| Besetzung | Ewan McGregor, Scarlett Johansson, Djimon Hounsou, Sean Bean, Steve Buscemi, Michael Clarke Duncan |
| Genre | Actionfilme, Thriller, Science Fiction Filme |
| Laufzeit | 136 Min. |
| FSK | 16 |
| Land | Amerikanische Filme |
Weiße Anzüge, sterile Flure, ein Versprechen
Ohne Spoiler: Lincoln 6-Echo und Jordan-2 Delta leben mit Hunderten anderen in einer abgeschotteten, streng überwachten Anlage. Alle warten auf dasselbe: in der Lotterie für die Insel gezogen zu werden, angeblich der letzte bewohnbare Ort der Erde. Diese Verlosung ist die Hoffnung der Gemeinschaft, sie gibt dem Alltag einen Sinn und ist natürlich auch das bequemste Werkzeug, um alle unter Kontrolle zu halten.
Doch Lincoln fängt an, Fragen zu stellen. Er begreift, dass alles, was er über sich und die Welt zu wissen glaubte, gelogen ist, und dass die Geschichte von der Insel der grausamste Betrug von allen ist. Als klar wird, dass die beiden tot mehr wert sind als lebendig, fliehen er und Jordan. Mehr verrate ich nicht, denn die größte Stärke des ersten Drittels liegt genau darin, wie der Film den Verdacht Tropfen für Tropfen wachsen lässt.
Die Ausgangslage ist klassisches Science-Fiction-Erbe: eine scheinbar perfekte, geschlossene Gesellschaft, deren Risse nur ein einziger neugieriger Mensch bemerkt. Ein bekanntes Motiv, aber es funktioniert, und gerade am Anfang hat der Film etwas wirklich Beklemmendes.
Ewan McGregor und Scarlett Johansson: zwei naive Seelen im Fleischwolf
Ewan McGregor ist eine hervorragende Wahl für Lincoln. Er bringt eine kindliche Neugier mit, einen unbeholfenen, klaren Blick, der uns glauben lässt, dass dieser Mann noch nie die echte Welt gesehen hat. Nach Trainspotting und der Star-Wars-Prequel-Trilogie zeigt er hier eine ganz andere Seite: weniger lässig, dafür deutlich verletzlicher.
Scarlett Johansson bekommt als Jordan etwas weniger Material, ist aber trotzdem sehr präsent. Ihre Karriere war damals gerade steil im Aufwind, und das sieht man: Die Kamera liebt sie, und sie weiß, wie man kleinsten Regungen Gewicht verleiht, selbst wenn das Drehbuch sie gerade nur von einer Explosion zur nächsten rennen lässt.
Die Nebenbesetzung ist schlicht unglaublich. Sean Bean gibt Dr. Bernard Merrick kühl und höflich, und genau so wenig vertrauenswürdig, wie man es von einer Sean-Bean-Figur erwartet. Djimon Hounsous Albert Laurent ist ein disziplinierter, harter Typ, der überraschend vielschichtig wird. Steve Buscemi ist als James 'Mac' McCord das beste komische Ventil des Films: Jeder seiner Sätze bringt frische Luft zwischen die sterilen Kulissen. Michael Clarke Duncan taucht in einer kurzen, aber eindrucksvollen Rolle als Starkweather auf, und kaum jemand holt in so wenig Zeit so viel Menschlichkeit aus einer Szene.
Michael Bay, der nicht bremsen kann
Michael Bay muss man niemandem vorstellen: Nach The Rock, Armageddon und Bad Boys weiß jeder genau, was er von ihm bekommt. Satte Farben, eine ständig bewegte Kamera, Metall, Glas, Funken, Zeitlupe. Das Spannende an Die Insel ist, dass sich der Regisseur in der ersten Stunde regelrecht zurückzuhalten scheint. Die Szenen in der Anlage sind kühl, fast klinisch, und das passt zum Thema: Die weißen Uniformen, die kontrollierte Ernährung und das allgegenwärtige Überwachungssystem erzeugen eine echte dystopische Atmosphäre.
Dann beginnt die Flucht, und Bay lässt alle Zügel los. Ab hier wechselt der Film das Genre: Verfolgungsjagd auf dem Highway, herumfliegende Fahrzeugteile, Zerstörung in gewaltigem Ausmaß. Technisch sind diese Szenen beeindruckend, oft klappt einem buchstäblich die Kinnlade herunter. Nur vergisst man darüber, was der Film eigentlich am Anfang sagen wollte.
Wo der Film wirklich abhebt
- Der erste Akt. Die Einführung in die abgeschottete Welt ist straff, rätselhaft und verstörend, der stärkste Teil des Films.
- Die Action. Bay ist hier auf seinem Höhepunkt: Rhythmus, Schnitt und Sound der großen Verfolgungsjagden sitzen gleichzeitig.
- Die Besetzung. McGregor, Johansson, Bean, Hounsou, Buscemi und Duncan bilden ein Ensemble, wie man es in einem sommerlichen Sci-Fi-Actionfilm selten sieht.
- Das Thema. Der Wert eines Menschenlebens, Ausbeutung, ein Glück, das auf Lügen gebaut ist: Diese Fragen sind heute noch aktuell, vielleicht sogar aktueller denn je.
Wo ihm die Luft ausgeht
Das Problem: Die 136 Minuten Laufzeit sind ungleich verteilt. Der Film wirft philosophische Fragen auf, und statt sie zu Ende zu denken, schiebt er sie mit immer neuen Actionszenen beiseite. Das ethische Dilemma, das die erste Stunde antreibt, ist in der zweiten Hälfte eher Hintergrundrauschen, das ab und zu für einen Satz hervorgeholt wird.
Auch der Tonfall schwankt: Aus der kühlen, nachdenklichen Dystopie wird plötzlich eine laute, glänzende Ästhetik, die stellenweise fast an Werbespots erinnert. Wen das stört, für den kann der zweite Akt anstrengend werden. Wer damit kein Problem hat, bekommt dagegen tadellos inszeniertes, temporeiches Kino, das die Aufmerksamkeit keine Sekunde absacken lässt.
Zwanzig Jahre später: Wie gut ist er gealtert?
Überraschend gut. Die Mischung aus digitalen Effekten und handgemachter Zerstörung überzeugt bis heute, und die Bildwelt, also der Kontrast zwischen steriler Zukunft und der echten, staubigen, lauten Außenwelt, ist eine richtig starke visuelle Idee. Und das Thema, wie viel ein Menschenleben wert ist, wenn jemand damit Geld verdient, ist eher schärfer geworden als stumpfer.
Seltsamerweise gehört Die Insel zu den wenigen Bay-Filmen, an die man sich beim Wiedersehen nicht nur wegen der Action erinnert. Darin steckt der Abdruck eines besseren, klügeren Films, der immer wieder durch den Rauch der Explosionen schimmert. Genau dieser Abdruck macht ihn bis heute interessant.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für alle, die spektakuläre Sci-Fi-Action mit großem Budget mögen und sich freuen, wenn sie zu einer dystopischen Grundidee auch ordentliche Verfolgungsjagden bekommen. Für Fans von Ewan McGregor und Scarlett Johansson Pflicht.
- Lieber auslassen, wenn: Wer tiefgründige, langsam entfaltete philosophische Science-Fiction erwartet, wird in der zweiten Hälfte enttäuscht. Und wer mit Michael Bays Stil nichts anfangen kann, wird hier auch nicht bekehrt.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Gattaca (1997), Flucht ins 23. Jahrhundert (1976), Minority Report (2002), Alles, was wir geben mussten (2010), The Rock (1996)
Häufige Fragen
Worum geht es in Die Insel?
Lincoln 6-Echo und Jordan-2 Delta leben in einer streng überwachten Anlage und hoffen, für die Insel ausgewählt zu werden, den letzten bewohnbaren Ort der Erde. Lincoln erkennt, dass alles eine Lüge ist, und als klar wird, dass sie tot mehr wert sind als lebendig, flieht er mit Jordan.
Wie lang ist Die Insel?
Der Film dauert 136 Minuten.
Wer hat Die Insel inszeniert?
Regie führte Michael Bay.
Wann kam Die Insel in Deutschland ins Kino?
Der Film startete am 4. August 2005 in den deutschen Kinos.
Wer spielt in Die Insel mit?
Die Hauptrollen spielen Ewan McGregor und Scarlett Johansson, dazu sind Djimon Hounsou, Sean Bean, Steve Buscemi und Michael Clarke Duncan zu sehen.
Steigst du mit Lincoln in den Fluchtzug?
Ja, aber du solltest wissen, worauf du dich einlässt. Die Insel ist eine glänzend startende Dystopie, die auf halber Strecke beschließt, lieber ein Actionfilm zu sein, und Michael Bay setzt diese Entscheidung mit voller Wucht um. Wenn du an einem freien Abend Lust auf temporeiche, bildgewaltige und trotzdem zum Nachdenken anregende Science-Fiction hast, kannst du deutlich schlechter wählen. Erwarte nur nicht, dass er am Ende noch so klug ist wie am Anfang. Meine Wertung: 7/10, und ein ganzer Punkt davon gehört Steve Buscemi.
