Titane Kritik: Metall, Fleisch und ein Film, der einen nicht mehr loslässt
Manche Filme schaut man sich an, andere schauen zurück. Julia Ducournaus Titane gehört eindeutig zur zweiten Sorte: 108 Minuten lang drückt er einem die Kehle zu und lässt dann so los, dass man den Abdruck noch tagelang spürt. Unterhaltung im gemütlichen Sinn ist das nicht, aber genau deshalb muss man darüber reden.
Brutaler, bizarrer und erstaunlich zärtlicher Body-Horror, der das Publikum spaltet. Wer sich darauf einlässt, erlebt einen der kühnsten Kinoabende seines Lebens.
Filmdaten
| Kinostart in Deutschland | 7.10.2021 |
|---|---|
| Regie | Julia Ducournau |
| Besetzung | Vincent Lindon, Agathe Rousselle, Garance Marillier, Laïs Salameh, Mara Cissé, Marin Judas |
| Genre | Dramen, Thriller, Horrorfilme |
| Laufzeit | 108 Min. |
| FSK | 16 |
| Land | Belgische Filme, Französische Filme |
Worum geht es in Titane, falls man das überhaupt erzählen kann?
Schon der Titel steckt das Terrain ab. Titan ist das Metall, das nicht korrodiert, Hitze aushält, enorm zugfest ist und gerade deshalb in der Medizin für Implantate und Prothesen verwendet wird. Dieses Bild, die Verschmelzung von Metall und menschlichem Körper, zieht sich durch den ganzen Film. Mehr sollte man ehrlicherweise vorab gar nicht verraten.
Was man wissen darf: Im Mittelpunkt steht die Figur von Agathe Rousselle, die im Abspann vielsagend als Alexia / Adrien geführt wird. Schon dieser doppelte Name deutet an, dass Identität, Körper und Geschlecht hier keine Kulisse sind, sondern das Rückgrat des Films bilden. Vincent Lindon spielt Vincent, und die Beziehung, die sich zwischen den beiden entwickelt, ist das emotionale Herz der Geschichte.
Titane ist kein Film, dessen Handlung man in der Mittagspause den Kollegen nacherzählt. Er ist eher Erfahrung als Plot: eine Abfolge von Stimmungen, schockierenden Bildern und unerwartet stillen Momenten. Wer einen geradlinigen, logisch gebauten Thriller erwartet, wird enttäuscht. Wer bereit ist, das Steuer loszulassen, bekommt dafür eine gewaltige Fahrt.
Julia Ducournau, die große Dame des französischen Body-Horrors
Wer Raw gesehen hat, versteht Ducournaus Namen zugleich als Warnung und als Versprechen. Dort zeigte sie die verstörende Verwandlung von Körper und Begierden einer jungen Frau so wuchtig, dass es manchen Zuschauern bei Vorführungen buchstäblich schlecht wurde. Titane führt diese Linie weiter, nur noch wilder und mit noch weniger Kompromissen.
Was Ducournau wirklich besonders macht, ist nicht der Schock, sondern dass hinter dem Schock immer etwas zutiefst Menschliches steckt. Der Körper ist bei ihr nicht bloß Fleisch, das zerfällt oder sich verwandelt, sondern eine Frage: Wer sind wir, wenn unser Körper uns nicht gehorcht? Was heißt es, zu jemandem zu gehören? In Titane ist diese Doppelbödigkeit noch schärfer, denn neben den brutalsten Momenten stehen die berührendsten.
Als Regisseurin wirkt sie unglaublich souverän. Jede Einstellung ist gewollt, Farben, Licht und Schnittrhythmus entfalten eine fast hypnotische Wirkung. Man muss diesen Film nicht mögen, aber niemand kann behaupten, Ducournau wüsste nicht ganz genau, was sie tut.
Agathe Rousselle und Vincent Lindon: zwei Körper, ein Kampf
Agathe Rousselles Darstellung ist eine dieser Leistungen mit Debütcharakter, über die man noch in Jahren sprechen wird. Die Rolle ist körperlich wie seelisch extrem, oft muss sie fast ohne Worte alles transportieren, und das gelingt ihr mit beängstigender Intensität. Sie ist zugleich furchteinflößend, bemitleidenswert und anrührend, und genau diese Mischung gibt dem Film seine Zugkraft.
Vincent Lindon zählt zu den verlässlichsten und angesehensten Schauspielern des französischen Kinos, und hier zeigt er etwas wirklich Überraschendes. Seine Figur wirkt wie ein harter Mann, der seinen Körper unermüdlich stählt, doch dahinter verbirgt sich ein tief verletzter Mensch. Lindon spielt nichts über, ein einziger Blick sagt bei ihm mehr als bei anderen ein Monolog. Die gemeinsamen Szenen der beiden sind die stärksten des Films.
In einer Nebenrolle taucht auch Garance Marillier auf, die Hauptdarstellerin aus Ducournaus Raw. Für Fans der Regisseurin ist es eine besondere Freude, sie in dieser Welt wiederzusehen. Laïs Salameh, Mara Cissé, Marin Judas, Diong-Kéba Tacu und Myriem Akheddiou, letztere als Adriens Mutter, ergänzen das Ensemble.
Was begeistert: Bild, Ton und Wagemut
Visuell ist Titane erstklassig. Die ölige, neonbeleuchtete, metallische Welt ist zugleich wunderschön und abstoßend, und der Film spielt ganz bewusst mit dieser Spannung. Ducournau filmt Körper und Maschinen, als wären sie zwei Formen desselben Materials, und dieser Gedanke kriecht dem Publikum langsam unter die Haut.
Die Tonebene ist genauso stark. Dröhnende Motoren, das Geräusch von Knochen und Metall, plötzliche Stille: Alles dient dazu, dass man körperlich spürt, was man sieht. Mit Kopfhörern oder in einem guten Kino ist das ein Erlebnis für sich. Zu Hause, mit einem Auge auf dem Handy, verliert der Film dagegen enorm an Kraft.
- Größte Stärke: Der Film hält sich in nichts zurück.
- Die Überraschung: Hinter dem Schock steckt echte, schmerzhafte Zärtlichkeit.
- Der Stil: Man kann ihn keinen Moment mit dem Werk einer anderen Regisseurin verwechseln.
Wo bekommt das Metall Risse?
Ich wäre nicht ehrlich, würde ich Titane als makellos bezeichnen. Die erste und die zweite Hälfte bewegen sich spürbar in einem anderen Tempo und Tonfall, und dieser Wechsel wird viele aus dem Film werfen. Wer nach dem wilden, grausamen Auftakt denselben Rhythmus erwartet, empfindet die Fortsetzung womöglich als zäh.
Auch Logik ist nicht die Stärke des Films. Ducournau arbeitet eher mit Traumlogik als mit rationaler Erzählführung, und wer bei jeder Wendung fragt, wie das denn möglich sein soll, wird keinen Spaß haben. Deshalb gibt es für die Story weniger Punkte als für die übrigen Bereiche: Die Symbolik ist reich, die Geschichte aber stellenweise eher Vorwand für Bilder und Gefühle.
Und dann ist da das offensichtlichste Risiko: Das ist ein sehr expliziter Film für ein erwachsenes Publikum. Einige Szenen werden viele nur mit geschlossenen Augen überstehen, und das ist keine höfliche Floskel. Wer drastische Darstellungen von Körperverletzungen schlecht verträgt, für den wird Titane zur Qual.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für alle, die grenzüberschreitendes europäisches Autorenkino und Body-Horror lieben und die sich von Raw oder den Filmen David Cronenbergs nicht abschrecken, sondern faszinieren ließen.
- Lieber auslassen, wenn: Wer leichte Abendunterhaltung sucht, drastische Gewalt und Körperverletzungen nicht erträgt oder von jedem Film eine klare, logische Geschichte erwartet, sollte einen großen Bogen um Titane machen.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Raw (2016), Crash (1996), Tetsuo: The Iron Man (1989), Videodrome (1983), Under the Skin (2013)
Häufige Fragen
Wer hat Titane gedreht?
Titane stammt von der französischen Regisseurin Julia Ducournau, die zuvor mit Raw bekannt wurde.
Wie lang ist Titane?
Der Film dauert 108 Minuten.
Wann kam Titane in Deutschland ins Kino?
Titane startete am 7. Oktober 2021 in den deutschen Kinos.
Wer spielt in Titane mit?
Die Hauptrollen spielen Agathe Rousselle (Alexia / Adrien) und Vincent Lindon (Vincent), daneben sind Garance Marillier, Laïs Salameh, Mara Cissé, Marin Judas, Diong-Kéba Tacu und Myriem Akheddiou zu sehen.
Welches Genre ist Titane?
Eine belgisch-französische Koproduktion, die Drama, Thriller und Horror mit starken Body-Horror-Elementen verbindet.
Hältst du dem Griff von Titane stand?
Titane will nicht allen gefallen, und genau das ist seine größte Stärke. Julia Ducournau hat einen Film gemacht, der provoziert, abstößt und berührt, und Agathe Rousselle und Vincent Lindon liefern Leistungen, nach denen man nur schwer zum lauwarmen Durchschnittskino zurückfindet. Wer einen starken Magen hat und offen für ein ungewöhnliches, traumartiges Erlebnis ist, kommt an diesem Film nicht vorbei. Wer unsicher ist, sollte sich erst den Trailer ansehen und ehrlich zu sich sein: Der Film wird nur härter. Für mich ein klares Ja, der Abdruck des Metalls blieb noch tagelang.
