Miami Vice Kritik: Michael Manns neonglühender, schweißnasser und verkannter Copfilm
Wer 2006 Pastellsakkos, rosa Flamingos und Synthpop erwartete, wurde ziemlich unsanft aus seinen Träumen gerissen. Michael Manns Miami Vice ist keine Nostalgieparty, sondern ein dunkler, feuchter, nächtlicher Copfilm, der lieber Stimmung aufbaut als eine Geschichte erzählt. Mit zwanzig Jahren Abstand wird immer deutlicher: Das war kein Versehen, das war Absicht.
Ein fehlerhafter, kühler und manchmal ärgerlich verschlossener Film, aber mit einer Atmosphäre, die sich kaum ein Actionfilm zu wagen traut.
Filmdaten
| Kinostart in Deutschland | 24.8.2006 |
|---|---|
| Regie | Michael Mann |
| Besetzung | Colin Farrell, Jamie Foxx, Naomie Harris, 巩俐, John Ortiz, Ciarán Hinds |
| Genre | Actionfilme, Krimis, Thriller |
| Laufzeit | 132 Min. |
| FSK | 16 |
| Land | Deutsche Filme, Amerikanische Filme |
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Zwei Cops, ein Undercover-Einsatz und eine schlechte Entscheidung
Die Ausgangslage ist klassisch. Sonny Crockett (Colin Farrell) und Ricardo Tubbs (Jamie Foxx) sind Ermittler in Miami, jeder für sich schon kein einfacher Fall, zusammen aber regelrecht explosiv. Ihr neuer Auftrag: Tubbs soll sich in ein südfloridianisches Drogennetzwerk einschleusen, damit die beiden an die Leute herankommen, die drei Morde auf dem Gewissen haben.
Eine Weile läuft alles wie geschmiert, dann passiert der Fehler, ohne den es keinen Film gäbe: Crockett verliebt sich in Isabella, die Frau eines Waffen- und Drogenhändlers, gespielt von Gong Li. Ab hier verheddern sich Job und Privatleben, und der Film kippt langsam vom Polizeithriller in etwas Melancholischeres, fast schon in einen verliebten Noir.
Mehr muss man vorab gar nicht wissen. Miami Vice lebt nicht von raffinierten Wendungen, sondern davon, wie er erzählt, was er erzählt.
Vergiss das Pastell: Das hier sind nicht die Achtziger
Der Film ist die Kinoversion der legendären Fernsehserie aus den Achtzigern, die Don Johnson und Philip Michael Thomas damals zu Ikonen machte und bei der Michael Mann als Produzent mitwirkte. Umso überraschender, dass Mann fast alles über Bord warf, was das Publikum mit dem Namen verband.
Keine Ironie, keine Selbstparodie, kein Augenzwinkern Richtung Zuschauer. Das Bild ist körnig, digital, nächtlich, die Wolken sind stürmisch, das Meer ist dunkel, die Clubs sind verraucht. Miami ist hier kein sonniges Paradies, sondern ein nasser, schwüler, gefährlicher Knotenpunkt, durch den Geld und Drogen fließen wie Wasser.
Ganz ehrlich: Beim ersten Mal saß ich auch ratlos davor. Beim zweiten Mal habe ich verstanden, dass das kein Kino-Remake der Serie ist, sondern die persönliche Vision eines Regisseurs, wie diese Welt aussähe, wenn man sie ernst nimmt. Ein mutiger Schritt für einen großen Sommerfilm aus dem Studiosystem.
Farrell, Foxx und eine unvergessliche Gong Li
Colin Farrell spielt Crockett als schnauzbärtigen, zerzausten, wortkargen Typen, der mit einem langen Blick mehr sagt als mit jedem Monolog. Vielen war er zu steif, für mich ist genau das der Punkt: ein Mann, der sich in seine Arbeit flüchtet, bis eine Frau ihn dort herauszieht.
Jamie Foxx legt Tubbs zurückhaltender und bodenständiger an, er ist die nüchterne Hälfte des Duos. Er bekommt nicht so viel Raum, wie er verdient hätte, und das ist eine der großen Schwächen des Films. Wer Foxx in Manns vorherigem Film Collateral gesehen hat, weiß, wozu er unter diesem Regisseur fähig ist.
Die größte Überraschung ist Gong Li. Ihre Isabella ist kühl und verletzlich zugleich, und die gemeinsamen Szenen mit Farrell bilden den emotionalen Kern des Films. Daneben sorgen Naomie Harris (Trudy Joplin), John Ortiz (José Yero), Ciarán Hinds (FBI-Agent Fujima), Justin Theroux (Zito) und Barry Shabaka Henley (Lieutenant Castillo) für ein solides, glaubwürdiges Ensemble. Besonders Ortiz überzeugt als unberechenbarer, unangenehmer Yero.
Michael Mann, Großmeister der Stimmung
Michael Mann ist Pflichtlektüre für jeden Krimifan. Spätestens seit Heat wissen wir, dass niemand nächtliche Großstädte, Schusswechsel und männliche Einsamkeit so inszeniert wie er. Miami Vice ist vielleicht das radikalste Werk dieses Stils.
Die Kamera folgt den Figuren oft aus der Hand, springt mitten in die Szenen, lange Einführungen gibt es nicht. Die Dialoge stecken voller Fachjargon, und Mann macht sich nicht die Mühe, alles zu erklären. Manche wirft das raus, mich zieht es hinein: Es fühlt sich an, als säße man tatsächlich neben einem verdeckten Ermittler, der es sich nicht leisten kann, auch nur ein Wort falsch zu verstehen.
Und wenn die Schusswechsel kommen, schlagen sie mit voller Wucht ein. Ihr Klang ist dumpf, hart, echt, ohne jeden choreografierten Glanz. In dieser Disziplin ist Mann nach wie vor unschlagbar.
Wo die Maschine ins Stottern gerät
Die 132 Minuten Laufzeit spürt man. Der Mittelteil, in dem sich der Film auf die Liebesgeschichte konzentriert, ist für die einen traumhaft schön, für die anderen schlicht langsam. Ich stehe irgendwo dazwischen: Ich liebe die Stimmung, muss aber zugeben, dass sich das Zuschauen irgendwann eher wie Abtauchen anfühlt als wie Spannung.
Das zweite Problem ist die Tiefe der Figuren. Crockett und Tubbs sind deutlich weniger lebendig, als es ihre Darsteller hergeben würden. Mann meidet Melodram so konsequent, dass er manchmal auch die Gefühle abwürgt. Die Beziehung zwischen Tubbs und Trudy etwa hätte mehr Aufmerksamkeit verdient.
- Stärken: einzigartige Atmosphäre, brutal glaubwürdige Action, suggestive Bilder.
- Schwächen: dünne Figurenzeichnung, zäher Mittelteil, kühler Tonfall.
Wie ist er in zwanzig Jahren gealtert?
Überraschend gut. Die digitale Bildsprache, die damals viele hässlich und billig fanden, ist heute ein Paradebeispiel dafür, wie man aus Technik Stil macht. Unzählige spätere Filme und Serien führen diese nächtliche, körnige Neonästhetik weiter.
Miami Vice gehört zu den Filmen, die bei ihrem Erscheinen missverstanden wurden und um die langsam ein Kult gewachsen ist. Er wird nie jedermanns Liebling sein, aber wen die Stimmung einmal gepackt hat, der kehrt immer wieder zurück, am liebsten spätabends hinter heruntergelassenen Rollläden.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für Fans von Michael Mann, für Liebhaber stimmungsvoller Krimis für Erwachsene und für alle, die es mögen, wenn ein Actionfilm lieber schweben lässt und beklemmt, statt alles zu erklären.
- Lieber auslassen, wenn: Wer die leichte, bunte Stimmung der Achtziger-Serie sucht oder Lust auf einen flotten Buddy-Cop-Film mit Gags hat, wird enttäuscht sein.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Heat (1995), Public Enemies (2009), Leben und Sterben in L.A. (1985), Training Day (2001), Sicario (2015)
Häufige Fragen
Worum geht es im Film Miami Vice?
Die beiden Ermittler Sonny Crockett und Ricardo Tubbs aus Miami schleusen sich in ein südfloridianisches Drogennetzwerk ein, um die Verantwortlichen für drei Morde zu fassen. Kompliziert wird es, als Crockett sich in die Frau eines Waffen- und Drogenhändlers verliebt.
Wann kam Miami Vice in Deutschland ins Kino?
Der Film startete am 24. August 2006 in den deutschen Kinos.
Wie lang ist Miami Vice?
Der Film hat eine Laufzeit von 132 Minuten.
Wer hat Miami Vice inszeniert?
Regie führte Michael Mann.
Wer spielt die Hauptrollen in Miami Vice?
Colin Farrell spielt Sonny Crockett, Jamie Foxx ist Ricardo Tubbs. Daneben sind Gong Li, Naomie Harris, John Ortiz, Ciarán Hinds, Justin Theroux und Barry Shabaka Henley zu sehen.
Lohnt es sich heute noch, in Manns dunkles Miami abzutauchen?
Ja, aber nur in der richtigen Stimmung. Miami Vice ist kein Film für den Sonntagnachmittag, nebenbei mit einem Auge aufs Handy. Man sollte sich spätabends, im dunklen Zimmer und mit ordentlich Lautstärke davorsetzen und sich von der schwülen, flackernden Nacht verschlucken lassen. Dann bekommt man einen trotz aller Schwächen faszinierenden, eigenwilligen Copfilm, der mutiger ist als die meisten teuren Actionfilme. Wer dagegen schnelle Gags und Pastellnostalgie sucht, bleibt besser bei der alten Serie. Von mir gibt es eine starke Sieben, plus einen Extrapunkt für die Atmosphäre.
