The Irishman Kritik: Scorseses dreieinhalbstündiger Abschiedsbrief an den Gangsterfilm
In jedem Gangsterfilm gibt es diesen Moment, in dem nicht mehr die Schießerei interessiert, sondern die Stille danach. The Irishman handelt von nichts anderem als dieser Stille: Martin Scorsese zeigt in 209 Minuten, was von einem Mann übrig bleibt, der sein Leben lang für andere abgedrückt hat. Langsam, bitter, manchmal eine Geduldsprobe und genau deshalb unvergesslich.
The Irishman ist nicht der unterhaltsamste Scorsese, aber vielleicht sein weisester: die letzte, erschütternde Abrechnung eines ganzen Genres.
Filmdaten
| Kinostart in Deutschland | 14.11.2019 |
|---|---|
| Regie | Martin Scorsese |
| Besetzung | Robert De Niro, Al Pacino, Joe Pesci, Harvey Keitel, Ray Romano, Bobby Cannavale |
| Genre | Krimis, Dramen, Historienfilme |
| Laufzeit | 209 Min. |
| Land | Amerikanische Filme |
Ein Veteran, der Häuser streicht
Im Mittelpunkt steht Frank Sheeran, ein Veteran des Zweiten Weltkriegs, der sich im Amerika der Nachkriegszeit in den Dienst des organisierten Verbrechens stellt. Handlanger, Auftragskiller, ein Mann, auf den man sich verlassen kann. Genau so einen behalten die berüchtigtsten Figuren des 20. Jahrhunderts gern in ihrer Nähe. Mit seinen Augen sehen wir, wie Mafia, Gewerkschaften und große Politik ineinandergreifen, und wie all das zu einem der größten ungelösten Rätsel der amerikanischen Geschichte führt: dem Verschwinden der Gewerkschaftslegende Jimmy Hoffa.
Wer die reale Geschichte kennt, weiß, dass Hoffas Schicksal bis heute offen ist. Scorsese macht daraus aber keinen Krimi, hier wird nicht ermittelt. Der Film ist eher eine Chronik: ein Jahrzehnte umspannendes, träge dahinfließendes Geständnis, bei dem es nicht darum geht, was passiert ist, sondern zu welchem Preis.
Spoiler gibt es hier keine, nur so viel: Wer auf rasante Mafia-Action hofft, ist falsch. Dieser Film erinnert sich, wägt ab und hat es nur ganz selten eilig.
Das letzte Treffen der Legenden
Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci in einem Film, inszeniert von Scorsese. Hätte das jemand zehn Jahre vorher in einer Cineastenkneipe behauptet, man hätte ihn ausgelacht. Und trotzdem ist es passiert.
De Niro spielt Frank Sheeran so zurückgenommen wie nie. Das ist nicht der explosive Typ aus Taxi Driver, sondern ein Mann, der immer im Hintergrund steht und erst handelt, wenn man es ihm sagt. Diese Passivität ist der Kern des Films, und De Niro trägt sie perfekt. Seine Augen sagen oft mehr als jeder Dialog.
Al Pacino ist als Jimmy Hoffa der Motor des Films. Laut, eitel, unterhaltsam, stur, in Sekunden balanciert er zwischen lächerlich und tragisch. Pacino brüllt hier endlich wieder aus gutem Grund, und jede seiner Szenen pumpt Energie in den Film.
Die größte Überraschung ist aber Joe Pesci als Russell Bufalino. Wer ihn aus GoodFellas oder Casino kennt, erwartet eine tickende Zeitbombe. Stattdessen bekommen wir eine leise, fast väterliche Figur, deren Ruhe tausendmal bedrohlicher wirkt als jeder Wutausbruch. Für mich eine der besten Leistungen seiner Karriere.
Auch die Nebenrollen sind stark besetzt: Harvey Keitel als Angelo Bruno, Ray Romano als Bill Bufalino, Bobby Cannavale als Skinny Razor und Stephen Graham als Anthony „Tony Pro“ Provenzano setzen markante Akzente. Anna Paquin spielt die erwachsene Peggy Sheeran. Ihre Rolle hat kaum Text, doch ihre Präsenz, ihr Blick ist der moralische Spiegel des Films.
Scorsese bewundert die Gangster nicht mehr
Martin Scorseses Werk ist voller Gangster, und seien wir ehrlich: Früher waren diese Filme ein bisschen verliebt in ihr Thema. Die Energie von GoodFellas, das Geld, die Macht, der Glamour, all das hatte seinen Reiz, auch wenn am Ende der Absturz kam.
The Irishman dagegen ist ein Alterswerk im besten Sinne. Scorsese zeigt hier keinen Glanz mehr, sondern Konsequenzen. Die Gewalt ist schnell, hässlich und beinahe bürokratisch. Der Tod ist kein dramatischer Höhepunkt, sondern nur ein weiterer Punkt auf der Liste. Diese Kühle überrascht zunächst, wird dann immer bedrückender, und genau das ist gewollt.
Die Regie ist souverän und lässt sich Zeit. Scorsese scheut weder lange Szenen noch Stille noch scheinbar belanglose Gespräche. Wer Geduld mitbringt, bekommt gerade in diesen Momenten am meisten zurück.
Was funktioniert und was auf die Probe stellt
Was aus meiner Sicht hervorragend funktioniert:
- Das Zusammenspiel: Selten sieht man so viele Legenden so diszipliniert und aufeinander eingespielt.
- Der Ton: Der Film wird nach und nach dunkler, und der letzte Abschnitt trifft emotional voll.
- Der Humor: Man lacht erstaunlich oft, vor allem in den Szenen mit Pacino und den Nebenfiguren. Ein trockener, bissiger Humor, der sitzt.
- Der historische Hintergrund: Die Verflechtung von Mafia und Politik ist spannend und glaubwürdig erzählt.
Und was auf die Probe stellen kann:
- Die Länge: 209 Minuten, also fast dreieinhalb Stunden. Da gibt es nichts schönzureden, die erste Stunde ist langsamer, und manche Szene hätte man ruhig kürzen können.
- Die digitale Verjüngung: Die Darsteller spielen ihre Figuren über mehrere Lebensabschnitte, und die jüngeren Versionen überzeugen nicht immer. Das Gesicht ist jung, die Bewegungen verraten aber oft das Alter. Mich hat das irgendwann nicht mehr gestört, am Anfang hat es mich aber rausgerissen.
- Das Tempo: Wer den Schwung von GoodFellas erwartet, wird enttäuscht. Das ist ein anderer Film mit einer anderen Stimmung.
Die Schuld, die einem keiner abnimmt
Das eigentliche Thema von The Irishman ist für mich weder die Mafia noch Hoffas Verschwinden. Es ist die Einsamkeit. Die Frage, was aus einem Menschen wird, der ein Leben lang Befehle befolgt hat, der den falschen Leuten treu war und dabei jene verloren hat, die wirklich gezählt hätten.
Deshalb ist auch Peggy so wichtig: Der Blick seiner Tochter begleitet Franks Leben und urteilt, selbst wenn sie kein Wort sagt. Nur wenige Gangsterfilme wagen es, sich so deutlich der Leere zu stellen, die eine Welt aus Loyalität und Gewalt hinterlässt.
Der letzte Abschnitt ist still, schmerzhaft und zutiefst menschlich. Mehr verrate ich nicht, aber für mich ist das der stärkste Teil des Films, und er gibt rückblickend auch den langsameren Minuten ihren Sinn.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für alle, die langsam aufgebaute, figurenzentrierte Dramen und Scorseses Werk lieben und neugierig auf den letzten großen gemeinsamen Tanz von De Niro, Pacino und Pesci sind.
- Lieber auslassen, wenn: Wer einen rasanten, actiongeladenen Gangsterfilm erwartet oder sich schwer damit tut, dreieinhalb Stunden am Stück sitzen zu bleiben, wird mit diesem Film ernsthaft zu kämpfen haben.
Wenn er dir gefällt, schau auch: GoodFellas (1990), Casino (1995), Der Pate (1972), Es war einmal in Amerika (1984), Departed: Unter Feinden (2006)
Häufige Fragen
Worum geht es in The Irishman?
Der Film erzählt aus der Sicht von Frank Sheeran, Weltkriegsveteran und später Handlanger und Auftragskiller des organisierten Verbrechens, von der Mafiawelt im Amerika der Nachkriegszeit und vom rätselhaften Verschwinden des Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa.
Wie lang ist The Irishman?
Der Film dauert 209 Minuten, also fast dreieinhalb Stunden.
Wann startete The Irishman in Deutschland?
The Irishman startete in Deutschland am 14. November 2019.
Wer hat The Irishman inszeniert?
Regie führte Martin Scorsese.
Wer spielt in The Irishman mit?
In den Hauptrollen sind Robert De Niro (Frank Sheeran), Al Pacino (Jimmy Hoffa) und Joe Pesci (Russell Bufalino) zu sehen, dazu Harvey Keitel, Ray Romano, Bobby Cannavale, Anna Paquin und Stephen Graham.
Lohnt es sich, The Irishman einen ganzen Abend zu widmen?
Ja, aber nur, wenn man ihm diesen Abend wirklich schenkt. The Irishman kann man nicht nebenbei mit dem Handy in der Hand schauen, sonst sieht man nur einen langen, langsamen Mafiafilm. Wer sich aber hinsetzt, alles ausschaltet und Scorsese in seinem eigenen Tempo erzählen lässt, bekommt einen Film, der einen noch tagelang beschäftigt.
Es ist nicht der unterhaltsamste Gangsterfilm, den ich je gesehen habe, aber einer der ehrlichsten. Ein Regisseur und drei Schauspielgiganten blicken gemeinsam auf das Genre zurück, das sie einst selbst zur Legende gemacht haben, und es gefällt ihnen nicht, was sie sehen. Genau das macht The Irishman besonders: Er feiert nicht, er rechnet ab. Für alle, die Kino ernsthaft lieben, ist er Pflicht.
