Lone Survivor Kritik: Peter Bergs Kriegsfilm im Hindukusch kennt keine Gnade
Manche Kriegsfilme schaut man sich an, andere übersteht man eher, und zwar im allerbesten Sinne. Lone Survivor gehört zur zweiten Sorte: Peter Berg wirft einen zwei Stunden lang praktisch die Felsen hinunter und fragt nicht, ob man das aushält. Perfekt ist der Film nicht, aber was er im Körper hinterlässt, wird man so schnell nicht wieder los.
Ein brutal körperlicher, handwerklich starker Kriegsfilm, der am Berghang unschlagbar ist, beim patriotischen Pathos aber gelegentlich übers Ziel hinausschießt.
Filmdaten
| Kinostart in Deutschland | 20.3.2014 |
|---|---|
| Regie | Peter Berg |
| Besetzung | Mark Wahlberg, Taylor Kitsch, Emile Hirsch, Ben Foster, Eric Bana, Ali Suliman |
| Genre | Kriegsfilme, Actionfilme, Dramen |
| Laufzeit | 121 Min. |
| FSK | 16 |
| Land | Amerikanische Filme |
Vier Männer, ein Berg und ein Plan, der kein Plan bleibt
Die Ausgangslage ist simpel, und genau deshalb funktioniert sie. Am 28. Juni 2005 werden vier Navy SEALs zu einem geheimen und gefährlichen Einsatz in die afghanische Region Hindukusch geschickt. Die Mission trägt den Decknamen Red Wings, das Ziel ist die Ausschaltung hochrangiger Taliban-Anführer. Auf dem Papier ein schneller, sauberer Job. In Wirklichkeit geht alles schief, das Team gerät unter feindlichen Beschuss, und die vier Soldaten sind bald auf sich allein gestellt, mit kaum einer Chance aufs Überleben.
Mehr sollte man vorher nicht wissen, und mehr braucht man auch nicht. Der Film lebt nicht von Wendungen, sondern davon, wie die Ereignisse auf einem lasten. Der Titel Lone Survivor verrät ohnehin genug, die Frage ist also nicht, was passiert, sondern zu welchem Preis. Peter Berg stellt diese Frage mit großer Härte, und mit ebenso großer Härte beantwortet er sie.
Mark Wahlberg und ein Team, dem man die Kameradschaft abkaufen muss
Ein Film wie dieser steht und fällt damit, ob man glaubt, dass diese Männer wirklich füreinander durchs Feuer gehen. Hier glaubt man es. Mark Wahlberg spielt Marcus Luttrell, und die Rolle sitzt bei ihm wie angegossen: wenig Worte, viel Körper, viel Zähnezusammenbeißen. Keine glänzende Leistung, aber das muss sie auch nicht sein.
Neben ihm überrascht Taylor Kitsch als Lieutenant Michael "Mike" Murphy, endlich bekommt er eine Rolle, in der sein ruhiger Blick etwas zählt. Emile Hirsch ist als Danny Dietz der nervöseste und menschlichste Punkt der Truppe, und Ben Foster liefert als Matthew "Axe" Axelson, was er immer liefert: eine Intensität, bei der man ein bisschen Angst hätte, neben ihm zu sitzen. Foster ist für mich die Geheimwaffe des Films.
Im Hintergrund hält Eric Bana als Lieutenant Commander Erik Kristensen auf der Basis die Moral und die Verantwortung zusammen, dazu kommen Alexander Ludwig (Shane Patton) und Jerry Ferrara (Hasslert). Besonders erwähnen muss man Ali Suliman, der als Mohammad Gulab eines der wichtigsten Gesichter des Films ist. Über ihn verrate ich bewusst nichts weiter, aber achtet auf ihn.
Peter Berg inszeniert nicht, er schubst
Peter Berg war schon immer ein Mann fürs laute, verschwitzte, bodenständige Kino. Nach Hancock und Battleship schlägt er mit Lone Survivor eine deutlich ernstere, zurückhaltendere Richtung ein. Zurückhaltend heißt natürlich nicht leise. Die Feuergefechte sind hier keine choreografierten Ballette, sondern wirre, hektische, beängstigende Minuten, in denen man keine Ahnung hat, woher der nächste Schuss kommt. Genau wie die Soldaten selbst.
Das eigentliche Wunder ist aber das Gelände. Der Berghang ist die dritte Hauptfigur des Films, und Berg versteht das sehr genau. Es gibt Szenen, bei denen man im Sessel zusammenzuckt, weil die Kamera keine Gnade kennt: Man spürt das Gewicht, die Steine, die Knochen. Es ist keine Übertreibung, diese Minuten zu den körperlichsten Momenten im Kriegskino der 2010er Jahre zu zählen.
Die einzige echte Schwäche der Regie: Berg vertraut manchmal nicht genug auf das, was er geschaffen hat. Wo Stille genügen würde, bekommt die Szene trotzdem noch einen Extraschub, ein bisschen Zeitlupe, ein bisschen musikalische Steigerung. Ich verstehe, warum, aber nötig gewesen wäre es nicht.
Ein Sound, der im Magen sitzt
Wenn es einen Grund gibt, diesen Film im Kino (oder wenigstens auf einer ordentlichen Anlage) zu sehen, dann ist es der Ton. Die Einschläge, das Knacken im Funkgerät, das Keuchen, das Poltern der Steine: Der Film setzt Sound sehr bewusst ein, um einen einzuengen. Oft erschrickt man über das Geräusch, nicht über das Bild.
Die Musik funktioniert dort am besten, wo sie sich zurücknimmt und einen dröhnenden, unruhigen Teppich legt. Wo sie nach vorne drängt und auf Gefühle zielt, merkt man die Absicht. Insgesamt bleibt die Tongestaltung trotzdem eine der größten Stärken des Films, bei mir bekommt sie sogar die höchste Wertung.
Wo es kippt: der Schatten der Flagge
Man kann es nicht verschweigen: Lone Survivor ist ein sehr amerikanischer Kriegsfilm. Die Feier von Kameradschaft, Treue und Pflicht rutscht manchmal in einen Bereich, in dem man weniger das Gefühl hat, Menschen zuzusehen, als einem Ideal. Wer allergisch auf patriotisches Pathos reagiert, wird Momente haben, in denen er die Augen verdreht.
Mich hat das weniger gestört als erwartet, denn der große Mittelteil ist so roh und erbarmungslos, dass er einem jede Feierlichkeit austreibt. Den Rahmen spürt man dem Film aber an, und auch die Figuren sind eher Archetypen als voll ausgearbeitete Menschen. Wer sie vor dem Berg waren, erfährt man kaum. Der Film findet, dass das vielleicht keine Rolle spielt. Ich finde, ein bisschen schon.
Noch ein wichtiger Hinweis: Wir reden über einen Film von 121 Minuten, der nichts beschönigt. Die Gewalt ist nicht selbstzweckhaft, aber sehr direkt, und die Verletzungen werden ungeschönt gezeigt.
Ins Genreregal: wohin damit?
Sucht man seinen Platz unter den modernen Kriegsactionfilmen, liegt er irgendwo zwischen dem rohen Chaos von Black Hawk Down und der nervenzerrenden Spannung von The Hurt Locker. Mit Ridley Scotts Film teilt er das Gefühl eines endlosen Feuergefechts (und nebenbei auch Eric Bana), mit Kathryn Bigelows Film die Weigerung, einem bequemen Abstand zu gönnen.
Berg tat sich später für Deepwater Horizon erneut mit Mark Wahlberg zusammen, und dort gilt dasselbe Rezept: echte Menschen, eine katastrophale Lage, sehr körperliches Filmemachen. Lone Survivor ist für mich die stärkste Zusammenarbeit der beiden, weil hier am wenigsten Kulisse ist und am meisten Stein und Blut.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für alle, die rohe, körperlich fordernde Kriegsfilme mögen und kein Problem damit haben, dass ein Film sie von Anfang bis Ende unter Druck setzt. Für Fans von Ben Foster und Taylor Kitsch Pflicht.
- Lieber auslassen, wenn: Wer einen schwachen Magen hat oder amerikanisches Militärpathos nicht erträgt, lässt besser die Finger davon. Als lockerer Actionfilm für den Feierabend ist er völlig ungeeignet.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Black Hawk Down (2001), The Hurt Locker (2008), Hacksaw Ridge (2016), Deepwater Horizon (2016), Restrepo (2010)
Häufige Fragen
Worum geht es in Lone Survivor?
Am 28. Juni 2005 werden vier Navy SEALs unter dem Decknamen Red Wings zu einem geheimen Einsatz in die afghanische Region Hindukusch geschickt, um hochrangige Taliban-Anführer auszuschalten. Die Mission geht schief, und die vier Soldaten sind auf sich allein gestellt.
Wann startete Lone Survivor in den deutschen Kinos?
Der Film kam am 20. März 2014 in die deutschen Kinos.
Wie lang ist Lone Survivor?
Der Film dauert 121 Minuten.
Ist Lone Survivor für Kinder geeignet?
Nein. Die Gewaltszenen sind sehr direkt und die Verletzungen werden ungeschönt gezeigt, mit Kindern sollte man den Film auf keinen Fall schauen.
Wer hat Lone Survivor inszeniert und wer spielt mit?
Regie führte Peter Berg. In den Hauptrollen sind Mark Wahlberg, Taylor Kitsch, Emile Hirsch, Ben Foster, Eric Bana, Ali Suliman, Alexander Ludwig und Jerry Ferrara zu sehen.
Wie lautet der Originaltitel von Lone Survivor?
Der amerikanische Film heißt auch im Original Lone Survivor, der deutsche Verleihtitel wurde nicht verändert.
Steigst du mit auf den Berg oder bleibst du im Tal?
Steig hinauf. Lone Survivor ist kein Film, den man mit einem guten Gefühl ausschaltet, aber dafür wurde er auch nicht gemacht. Peter Berg bringt einen so nah an den Kampf heran, wie es ein Spielfilm nur kann, und die vier Hauptdarsteller, allen voran der beängstigend gute Ben Foster, machen jene Verbundenheit glaubhaft, ohne die das alles nur Lärm wäre. Das Pathos legt sich manchmal schwer darüber, die Figuren hätten tiefer sein können, aber die Minuten am Berghang lohnen sich allemal. Bei mir glatte 8 Punkte, knapp darunter, und ein Film, den ich noch Jahre später im Magen spüre.
