The Road Kritik: Der stillste und grausamste Liebesbrief vom Vater an den Sohn am Ende der Welt
Es gibt Filme, die man einmal im Leben sieht und die danach jahrelang irgendwo in der Brust stecken bleiben. The Road ist genau so ein Film. Ein postapokalyptisches Drama ohne Superhelden, ohne spektakuläre Explosionen und ohne erlösende Wendungen. Nur ein Vater, ein Sohn, ein klappriger Einkaufswagen und die Frage, ob es überhaupt noch Sinn ergibt, Mensch zu bleiben. John Hillcoats Film will nicht unterhalten. Er wringt sein Publikum langsam und methodisch aus, und genau dafür liebe ich ihn.
Ein grausames, graues und schonungslos ehrliches Überlebensdrama, das Viggo Mortensen mit einer der besten Leistungen seiner Karriere in die Spitze des Genres hebt.
Filmdaten
| Kinostart in Deutschland | 6.10.2010 |
|---|---|
| Regie | John Hillcoat |
| Besetzung | Viggo Mortensen, Kodi Smit-McPhee, Charlize Theron, Robert Duvall, Guy Pearce, Molly Parker |
| Genre | Abenteuerfilme, Dramen |
| Laufzeit | 111 Min. |
| FSK | 16 |
| Land | Amerikanische Filme |
Worum geht es in The Road? Asche, Hunger und ein Einkaufswagen
Die Ausgangslage ist denkbar einfach, und gerade deshalb funktioniert sie. Vor vielen Jahren wurde Amerika von einer rätselhaften Katastrophe heimgesucht. Die Energieversorgung brach zusammen, Hungersnöte folgten, und die Überlebenden gingen aufeinander los. Als der Film einsetzt, ist die Zivilisation nur noch eine Erinnerung: Banden beherrschen das Land, Gewalt ist das einzige Gesetz geblieben, und jeder lebt nur noch für den nächsten Bissen.
In dieser Welt machen sich ein Vater und sein Sohn auf den Weg zum Meer. Ihr gesamter Besitz passt in einen klapprigen Einkaufswagen. Tag für Tag kämpfen sie um Essbares, gegen die Kälte, gegen die Naturgewalten und gegen jene, die ihre Menschlichkeit längst aufgegeben haben. Ihr einziger Halt ist ihr Zusammenhalt: die Erinnerungen und die Liebe, die zwischen zwei Menschen noch übrig ist.
Der Film erklärt nichts. Was genau passiert ist, erfahren wir nie, und das halte ich für einen Volltreffer. Die Ursache der Katastrophe spielt hier überhaupt keine Rolle. Die Frage lautet nicht, wie die Welt untergegangen ist, sondern was danach von uns übrig bleibt.
Viggo Mortensen, wie man ihn noch nie gesehen hat
Wer Viggo Mortensen vor allem als Aragorn aus Der Herr der Ringe im Kopf hat, wird hier gewaltig staunen. Die königliche Haltung, das Charisma, das schwertschwingende Heldentum sind komplett verschwunden. Stattdessen sehen wir einen ausgehungerten, bis auf die Knochen abgemagerten Vater in ständiger Angst, dem in jeder Bewegung die Erschöpfung anzusehen ist und die Furcht, sein Kind nicht beschützen zu können.
Mortensens Spiel ist gerade deshalb großartig, weil es nie gefallen will. Der Vater ist mal hart, mal grausam, und manchmal trifft er Entscheidungen, mit denen man als Zuschauer nicht einverstanden ist. Und doch spürt man in jedem Moment, dass all das aus einer einzigen Quelle kommt: der bedingungslosen Liebe zu seinem Sohn. Es ist eines der schmerzhaftesten Vaterporträts, die ich je auf der Leinwand gesehen habe.
Kodi Smit-McPhee als Sohn ist schlicht verblüffend. So natürliches, unverkrampftes Spiel bekommt man von Kinderdarstellern selten zu sehen. Er ist der moralische Kompass des Films: Der Junge ist es, der noch Fragen stellt, der noch Mitleid mit Fremden hat, der noch daran glaubt, dass es gute Menschen gibt. Die Chemie zwischen den beiden trägt den gesamten Film, und ich habe darin keinen einzigen falschen Moment gefunden.
Nebenfiguren, die sich in wenigen Minuten einbrennen
Die Besetzungsliste wirkt für ein so intimes Kammerspiel zunächst fast übertrieben, doch Hillcoat geht klug mit seinen Stars um. Charlize Theron spielt die Mutter, und obwohl sie weniger Leinwandzeit bekommt, sind ihre Szenen schwer und gespenstisch. Theron, die für Monster den Oscar gewann, beweist auch hier, dass sie mit ein paar Blicken eine ganze Tragödie erzählen kann.
Robert Duvall als alter Mann namens Eli liefert eine der eindrücklichsten Episoden des Films. Die Legende aus Der Pate und Apocalypse Now formt in kürzester Zeit eine Figur, die zugleich erbärmlich, weise und unheimlich ist. Guy Pearce als Veteran, Molly Parker als freundliche Frau, Michael Kenneth Williams als Dieb und Garret Dillahunt als Bandenmitglied sind kleine, aber präzise gesetzte Mosaiksteine. Jede Begegnung ist eine neue Prüfung: Wem kann man in dieser Welt überhaupt noch trauen?
John Hillcoats aschgraue Welt
John Hillcoats Regie ist zurückhaltend, und das ist als Lob gemeint. Er will aus dem Weltuntergang keinen Actionfilm machen und drückt dem Publikum den Horror nicht ins Gesicht, obwohl er es könnte. Die Gewalt liegt ständig in der Luft, doch die Spannung entsteht größtenteils aus dem Warten, aus der Stille, aus knackenden Ästen und fernen Geräuschen.
Die Bilder sind auf ihre trostlose Art atemberaubend. Verbrannte Wälder, grauer Himmel, mit Asche bedeckte Straßen, verlassene Häuser. Die Optik saugt fast sämtliche Farbe heraus, und wenn in einer Erinnerung doch einmal warmes Licht auftaucht, tut das beinahe körperlich weh. Selten habe ich einen Film gesehen, der Kälte und Hunger so spürbar macht.
Musik und Klangkulisse verstärken diese Melancholie. Keine aufdringliche Untermalung, sondern feine, traurige Melodien und sehr viel Stille. Über die gesamten 111 Minuten hält Hillcoat diese bedrückende und dennoch zärtliche Stimmung durch.
Wo tut es zu weh, und wo wird es zäh?
Ich will ehrlich sein: The Road ist nicht für alle gemacht, und der Film versucht das auch gar nicht zu verbergen. Das Tempo ist langsam, die Geschichte episodisch, und wer einen klassischen Spannungsbogen mit großen Wendungen erwartet, wird womöglich enttäuscht. Es gibt Passagen, in denen der Film eigentlich nur vorangeht, Schritt für Schritt, und da kann ungeduldigeren Zuschauern schnell der Faden reißen.
Das zweite Risiko ist die Stimmung selbst. Dieser Film lässt einen kaum durchatmen. Hoffnungslosigkeit, Hunger, Angst, und dann wieder von vorn. Ich schätze genau das an ihm, verstehe aber jeden, dem es in der zweiten Stunde zu viel wird. Das ist kein Popcornkino für den Samstagabend, darauf muss man sich einlassen wollen.
- Was funktioniert: das Duo Mortensen und Smit-McPhee, die gespenstische Bildsprache, die zurückhaltende Regie.
- Was spalten kann: das langsame Tempo, die episodische Struktur und die fast pausenlos bedrückende Atmosphäre.
Warum ist das mehr als ein Survivalfilm?
Das postapokalyptische Genre ist voller Waffen, Verfolgungsjagden und kämpferischer Helden. The Road ist dagegen fast meditativ: Der Weltuntergang wird hier nicht als Spektakel gezeigt, sondern als moralische Bewährungsprobe. Was heißt es, gut zu bleiben, wenn Güte ein tödlicher Luxus ist? Wie lange lässt sich die Unschuld eines Kindes schützen, und darf man das überhaupt?
Das eigentliche Thema des Films ist die Vaterschaft. Eine Liebe, die alles andere überstimmt, die stur und manchmal blind ist und die das Letzte bleibt, was dem Dasein noch Sinn gibt. Dadurch ist The Road zugleich grausam und zutiefst zärtlich. Als Elternteil sieht man diesen Film noch einmal ganz anders, darauf sollte man vorbereitet sein.
Für wen ist der Film?
- Für dich, wenn: Für alle, die langsam aufgebaute, schwere Dramen, große Schauspielleistungen und postapokalyptische Geschichten ohne Genreklischees lieben.
- Lieber auslassen, wenn: Für alle, die rasante Action, spektakuläre Schlachten oder lockere Unterhaltung suchen und denen eine hoffnungslose, bedrückende Stimmung zu sehr zusetzt.
Wenn er dir gefällt, schau auch: Children of Men (2006), The Book of Eli (2010), Mad Max (1979), A Quiet Place (2018)
Häufige Fragen
Worum geht es in The Road?
Nach einer rätselhaften Katastrophe, die die amerikanische Zivilisation zerstört hat, machen sich ein Vater und sein Sohn auf den Weg zum Meer. Ihren gesamten Besitz schieben sie in einem Einkaufswagen vor sich her und kämpfen Tag für Tag um Nahrung, gegen die Natur und gegen die Gewalt umherziehender Banden.
Wie lang ist The Road?
Der Film dauert 111 Minuten.
Wann kam The Road in Deutschland heraus?
The Road startete am 6. Oktober 2010 in Deutschland.
Wer hat bei The Road Regie geführt?
Regie führte John Hillcoat.
Wer spielt in The Road mit?
Die Hauptrollen spielen Viggo Mortensen (Vater) und Kodi Smit-McPhee (Sohn), daneben sind Charlize Theron, Robert Duvall, Guy Pearce, Molly Parker, Michael Kenneth Williams und Garret Dillahunt zu sehen.
Wie lautet der Originaltitel von The Road?
Der Originaltitel lautet ebenfalls The Road, es handelt sich um eine US-amerikanische Produktion.
Hältst du diesen Weg aus?
The Road ist kein leichter Film und will es auch nicht sein. Er ist langsam, grau, schmerzhaft und stellenweise fast unerträglich bedrückend. Und doch steckt in ihm etwas, das nur wenige Endzeitfilme schaffen: eine tiefe, stille Menschlichkeit. Allein wegen des Duos Viggo Mortensen und Kodi Smit-McPhee ist er Pflicht für alle, die Kino ernst nehmen. Wer sich darauf einlässt, sollte damit rechnen, nach dem Abspann noch lange einfach im Dunkeln sitzen zu bleiben. Für mich ist das einer der stärksten Filme des Genres, und ich sage es ohne Zögern: eine der besten Vater-Sohn-Geschichten der letzten Jahre.
