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Kritik · Kinostart: 23.3.1951

Pinocchio Kritik: Die Holzpuppe, die uns nach über achtzig Jahren noch zum Weinen und zum Gruseln bringt

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Manche Märchen wiegen uns sanft in den Schlaf, andere rütteln uns wach. Pinocchio macht beides, und zwar ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Disneys Holzpuppe erwacht in einer sternklaren Nacht zum Leben, und von da an baut der Film einen moralischen Abenteuerspielplatz um sie herum, bei dem auch heutige Zuschauer kaum hinterherkommen. Ich habe ihn als Erwachsener noch einmal gesehen und muss sagen: Dieser Film ist viel mutiger, dunkler und schöner, als ich ihn in Erinnerung hatte.

9,0/10
Wertung
Pinocchio ist kein verstaubtes Museumsstück, sondern ein wunderschön gezeichnetes, überraschend hartes Lehrstück, das bis heute zu den Höhepunkten im Schaffen von Disney gehört.
Story
8
Schauspiel
9
Regie
9
Optik
10
Musik und Ton
9
Emotionen
9

Die Gesamtwertung ist der Durchschnitt der sechs Kriterien.

Filmdaten

Kinostart in Deutschland23.3.1951
RegieHamilton Luske, Ben Sharpsteen, T. Hee, Wilfred Jackson, Norman Ferguson, Jack Kinney, Bill Roberts
BesetzungDickie Jones, Cliff Edwards, Christian Rub, Evelyn Venable, Walter Catlett, Mel Blanc
GenreAnimationsfilme, Familienfilme, Fantasyfilme
Laufzeit88 Min.
FSK0
LandAmerikanische Filme

Ein einsamer Holzschnitzer und ein Wunsch, der in Erfüllung geht

Die Ausgangslage ist so schlicht wie ein Kinderlied: Geppetto, ein einsamer alter Holzschnitzer, schnitzt eine Puppe und nennt sie Pinocchio. In einer Nacht voller Wunder haucht eine Fee dem Holz Leben ein, und ab sofort strebt der kleine Holzjunge nach dem, wovon jedes Kind im Grunde träumt: ein echter Junge aus Fleisch und Blut zu werden. Nur reicht Zauberei dafür nicht aus. Er muss es sich verdienen, und zwar mit Mut, Treue und Ehrlichkeit.

Und genau hier liegt der Kniff, der Pinocchio von einem zuckersüßen Feenmärchen unterscheidet: Der Held ist unfassbar naiv. Er stolpert von einer Dummheit in die nächste, und der Film beschönigt das nicht. Pinocchio tappt herum, vertraut den falschen Leuten, trifft die falschen Entscheidungen, und die Folgen sind mitunter richtig beängstigend. Gerade das macht seine Geschichte so echt. Wir sehen nicht den Triumphzug eines makellosen Helden, sondern ein Kind, das am eigenen Leib lernt, was gut und was schlecht ist.

Spoilern werde ich natürlich nicht, aber so viel sei verraten: Wer die Figur nur aus dem Bilderbuch oder aus der Werbung kennt, wird staunen, wie weit der Film geht, um Pinocchio wirklich auf die Probe zu stellen.

Jiminy Grille, das geduldigste Gewissen der Welt

Wenn jemand dem Rest die Show stiehlt, dann Jiminy Grille. Der kluge kleine Freund heftet sich an Pinocchios Seite, um ihn zu warnen und in die richtige Richtung zu lenken, und scheitert damit regelmäßig. Cliff Edwards verleiht ihm im Original eine so warme, witzige und menschliche Stimme, dass die Grille fast zum Herzen des Films wird. Mit ihr identifiziert sich das erwachsene Publikum: Sie sieht das Unheil kommen, versucht sich bemerkbar zu machen und bleibt trotzdem dran, wenn der kleine Holzkerl mal wieder alles vermasselt.

Ich liebe es, dass Jiminy kein steriler, predigender Besserwisser ist. Er ist ein bisschen eitel, manchmal erschöpft, gerät selbst ins Wanken, und genau deshalb mag man ihn so. Für Kinder ist er ein Freund, für Eltern ein kleiner Spiegel: So fühlt es sich an, jemanden erziehen zu wollen, der gerade partout nicht zuhören will.

Auch die anderen verdienen Erwähnung. Christian Rubs Geppetto ist so gütig und zerbrechlich, dass er einem schon in den ersten Szenen ans Herz wächst. Evelyn Venables Blaue Fee wirkt ätherisch und beruhigend. Und Dickie Jones trifft als Stimme von Pinocchio genau diesen kindlichen, neugierigen, etwas vorschnellen Ton, der die Figur zugleich nervig und rührend macht.

Schurken, bei denen mir heute noch der Rücken kribbelt

Eine der größten Stärken von Pinocchio ist seine Galerie an Bösewichten. Walter Catlett leiht dem verschlagenen, großspurigen „Honest John“ (mit vollem Namen J. Worthington Foulfellow) seine Stimme, der Verführung in Person: Er lächelt, schmeichelt und rechnet dabei längst seinen Gewinn aus. An seiner Seite steht Gideon, dessen Schluckauf von niemand Geringerem stammt als Mel Blanc, der Legende unter den Cartoon-Sprechern, die die meisten von den Looney Tunes bei Warner kennen dürften.

Charles Judels taucht gleich in zwei Rollen auf: Er spricht sowohl Stromboli als auch den Kutscher, und beide Figuren sind so bedrohlich, dass jüngere Zuschauer wirklich zusammenzucken können. Frankie Darro wiederum gibt als Lampwick, der schlechte Umgang schlechthin, diesen lässigen, coolen Teenager, zu dem eine naive Holzpuppe natürlich aufschaut.

Was mir am besten gefällt: Diese Schurken sind keine Karikaturen. Sie sind beängstigend, weil sie glaubwürdig sind. Genau die Sorte Erwachsene und falsche Freunde, vor denen Eltern ihre Kinder immer warnen, und der Film zeigt das mit erstaunlicher Offenheit.

Sieben Regisseure, eine Stimmung: So sieht handgezeichnete Magie aus

Der Abspann wirkt auf den ersten Blick einschüchternd: Hamilton Luske, Ben Sharpsteen, T. Hee, Wilfred Jackson, Norman Ferguson, Jack Kinney und Bill Roberts werden alle als Regisseure geführt. Sieben Namen für einen 88 Minuten langen Film? Das gehörte bei den frühen Disney-Produktionen ganz selbstverständlich dazu, die einzelnen Abschnitte wurden von unterschiedlichen Regisseuren betreut. Das eigentliche Wunder ist, dass daraus kein zerfaserter Flickenteppich geworden ist. Pinocchio wirkt aus einem Guss, fließt geschmeidig dahin und hält seine Stimmung vom Anfang bis zum Ende.

Und die Optik ist schlicht überwältigend. Die winzigen Details in Geppettos Werkstatt, die geschnitzten Uhren und Spielzeuge, das Spiel des Lichts in der Sternennacht: Jedes Bild sieht aus wie ein Gemälde. Wer an digital geglättete Animation gewöhnt ist, merkt besonders deutlich, wie viel Handarbeit und liebevolle Sorgfalt hier drinsteckt. Man übertreibt nicht, wenn man Pinocchio zu den schönsten Werken des klassischen Zeichentrickfilms zählt.

Das Erzähltempo ist natürlich ein anderes als bei einem heutigen Familienfilm. Manchmal verweilt die Inszenierung länger bei einer Szene und lässt Bilder und Musik für sich arbeiten. Mir hat das ausgesprochen gut gefallen, aber ein Kind, das schnelle Schnitte gewohnt ist, wird anfangs vielleicht ungeduldig.

Wo packt er einen, und wo wird er trotzdem zur harten Nuss?

Fangen wir mit dem an, was funktioniert:

Und warum er von mir nicht in jeder Kategorie die Höchstnote bekommt: Die Geschichte wirkt stellenweise episodisch, springt von Abenteuer zu Abenteuer, und die Naivität des Helden geht einem irgendwann fast auf die Nerven. Klar, genau darum geht es, aber als Erwachsener fasst man sich hier und da an den Kopf: „Pinocchio, jetzt mal im Ernst?“ Hinzu kommt, dass manche Passagen wirklich düster und unheimlich sind. Bei den Kleinsten sollten Eltern unbedingt dabei sein und hinterher noch ein bisschen mit ihnen reden.

Das sind allerdings eher Eigenheiten als Schwächen. Pinocchio stammt aus einer Zeit, in der sich Märchen noch trauten, Angst zu machen, und ich glaube, gerade deshalb hat er sich so tief ins Gedächtnis des Publikums gebrannt.

Warum man sich auch heute noch mit ihm hinsetzen sollte

Pinocchio gilt zu Recht als Pflichtprogramm unter den Disney-Klassikern, und dem stimme ich voll zu. Das ist keine reine Nostalgie. Es ist nach wie vor aktuell, darüber zu reden, dass Kinder von unzähligen Verlockungen umgeben sind, dass laute, verführerische „Freunde“ nicht immer Gutes im Sinn haben und dass Lügen Folgen haben. Der Film erzählt das so, dass er dabei unterhält, zum Lachen bringt und an einigen Stellen richtig erschüttert.

Für einen Familienfilmabend ist er perfekt, vor allem wenn die Eltern aktiv mit auf dem Sofa sitzen. Danach bietet sich ein gutes Gespräch an: Warum hat Pinocchio den falschen Leuten geglaubt? Was hätte er tun sollen? Was hätte Jiminy Grille ihm gesagt? Nur wenige Filme legen einem diese Fragen so selbstverständlich in die Hand.

Und als Erwachsener lohnt sich das Wiedersehen auch allein. Es ist ein anderes Erlebnis als in der Kindheit: Man sieht mehr von Geppettos Einsamkeit, von der Gerissenheit der Schurken und davon, wie viel Arbeit, Liebe und Kunst in jeder einzelnen gezeichneten Bewegung steckt.

Für wen ist der Film?

Wenn er dir gefällt, schau auch: Schneewittchen und die sieben Zwerge (1937), Fantasia (1940), Dumbo (1941), Bambi (1942), Cinderella (1950)

Häufige Fragen

Worum geht es in Pinocchio?

Eine Fee erweckt in einer Nacht voller Wunder die Holzpuppe des einsamen Holzschnitzers Geppetto zum Leben. Pinocchio muss Mut, Treue und Ehrlichkeit lernen, um ein echter Junge aus Fleisch und Blut zu werden, während sein kluger Freund Jiminy Grille versucht, ihn vor Dummheiten zu bewahren.

Wie lang ist Pinocchio?

Der Film dauert 88 Minuten.

Wann kam Pinocchio in die deutschen Kinos?

In Deutschland startete Pinocchio am 23. März 1951. Einige Szenen sind ziemlich unheimlich, deshalb sollten kleinere Kinder ihn am besten gemeinsam mit den Eltern sehen.

Wer hat bei Pinocchio Regie geführt?

Regie führten Hamilton Luske, Ben Sharpsteen, T. Hee, Wilfred Jackson, Norman Ferguson, Jack Kinney und Bill Roberts.

Wer spricht Pinocchio und Jiminy Grille?

Im englischen Original spricht Dickie Jones den Pinocchio und Cliff Edwards die Grille Jiminy Cricket.

Welches Genre hat Pinocchio?

Ein US-amerikanischer Animations-, Familien- und Fantasyfilm aus der Reihe der Walt-Disney-Klassiker.

Lohnt es sich, die Holzpuppe auch heute noch auf dem Bildschirm zum Leben zu erwecken?

Unbedingt. Pinocchio ist einer dieser seltenen Klassiker, die nicht deshalb wertvoll sind, weil sie alt sind, sondern weil sie heute noch funktionieren. Er ist wunderschön, witzig, stellenweise furchteinflößend und baut bis zum Schluss echte emotionale Fallhöhe auf. Wer ihn mit Kindern schaut, sollte sich auf Fragen einstellen. Wer ihn allein schaut, darauf, dass Geppettos Werkstatt und Jiminy Grille einen noch tagelang begleiten. Für mich ist das eine starke 9/10 und ein Film, den ich jederzeit wieder einlegen würde.

Wertung: 9,0/10 · Story 8 · Schauspiel 9 · Regie 9 · Optik 10 · Musik und Ton 9 · Emotionen 9