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Kritik · Kinostart: 9.10.2014

Annabelle Kritik: Die gruseligste Puppe, die sich nie bewegt

Amerikanische FilmeHorrorfilme

Es gibt Puppen, die man schon im Laden lieber im Regal stehen lässt. Und es gibt Annabelle, die jemand sogar als Geschenk überreicht. Die denkwürdigste Nebenfigur aus The Conjuring bekam 2014 ihren eigenen Film, und auch wenn das Gesicht der Puppe wieder makellos verstörend ist, klopft die Geschichte drumherum oft eher höflich an, statt die Tür einzutreten. Für einen verregneten Herbstabend kann das trotzdem erstaunlich gut passen.

6,0/10
Wertung
Stimmungsvoller, ordentlich gemachter, aber zu vorhersehbarer Puppenhorror, der seinen Ruf eher dem Porzellangesicht seiner Titelfigur verdankt als dem Drehbuch.
Story
5
Schauspiel
6
Regie
6
Optik
7
Musik und Ton
7
Emotionen
5

Die Gesamtwertung ist der Durchschnitt der sechs Kriterien.

Filmdaten

Kinostart in Deutschland9.10.2014
RegieJohn R. Leonetti
BesetzungAnnabelle Wallis, Ward Horton, Tony Amendola, Alfre Woodard, Eric Ladin, Kerry O'Malley
GenreHorrorfilme
Laufzeit99 Min.
FSK16
LandAmerikanische Filme

Ein Geschenk, das man besser zurückgeschickt hätte

Die Ausgangslage ist klassisch, fast schon wie aus dem Lehrbuch. John Form überrascht seine schwangere Frau Mia mit einer alten Puppe. Eine liebe Geste, zumindest bis das Zuhause des jungen Paares eines Nachts von Mitgliedern einer satanistischen Sekte überfallen wird. Nach dem Angriff bleiben nicht nur Blut und Schmerz zurück, sondern etwas, das viel schlimmer ist als die Eindringlinge selbst: Im Haus wird eine Macht entfesselt, und diese Macht hat ein Gesicht. Annabelles Gesicht.

Mehr muss man vorab nicht wissen, und ehrlich gesagt reicht das auch. Der Film setzt nicht auf Wendungen, sondern auf das langsam zuschnürende Gefühl, dass das vermeintlich sichere Zuhause, noch dazu mitten in der Schwangerschaft, plötzlich zu feindlichem Terrain wird. Diese Kombination aus verletzlicher werdender Mutter und unsichtbarer Bedrohung ist ein altes, bewährtes Horrorrezept, und der Film macht auch gar keinen Hehl daraus, woher er sich bedient.

Mia, John und die Puppe, die allen die Show stiehlt

In der Hauptrolle spielt Annabelle Wallis die Mia, und schon diese Namensgleichheit ist so ein kleiner kosmischer Witz, über den am Set sicher viel gelacht wurde. Wallis ist sympathisch und glaubwürdig als verängstigte, zunehmend auf sich allein gestellte Frau, und ein Großteil des Films spielt sich eigentlich auf ihrem Gesicht ab: wie aus einem Verdacht langsam Gewissheit wird. Neben ihr gibt Ward Horton als John den gutmeinenden, aber etwas in den Hintergrund rückenden Ehemann, dessen Figur leider nicht allzu viele Schichten bekommt.

Unter den Nebendarstellern ragt Alfre Woodard als Evelyn heraus, eine Schauspielerin, die einer Figur schon in ein, zwei Szenen Gewicht verleihen kann. Tony Amendola liefert als Pater Perez die im Horrorfilm unverzichtbare Priesterfigur, Eric Ladin taucht als Detective Clarkin auf, Kerry O'Malley und Brian Howe als Ehepaar Higgins. Ein schönes, aufgeräumtes Ensemble, aber seien wir ehrlich: Die Show stiehlt ohnehin die Puppe, ohne auch nur einen Gesichtsmuskel zu bewegen.

Vom Kameramann zum Regisseur

Auf dem Regiestuhl sitzt John R. Leonetti, der zuvor als Kameramann gearbeitet hat, unter anderem bei James Wans The Conjuring, aus dem die Figur Annabelle stammt. Diesen Hintergrund sieht man dem Film an: Die Bilder sind sorgfältig, die Kompositionen durchdacht, das alte Haus, die dunklen Flure und das schummrige Kinderzimmer sehen genau so aus, wie sie in einem guten Spukfilm aussehen sollten. Leonetti weiß, wohin er die Kamera stellen muss, damit man anfängt, die Ränder des Bildes abzusuchen.

Weniger souverän ist er dagegen beim Rhythmus. Der Film baut die Spannung oft zu lange mit denselben Mitteln auf, und bis der große Knall kommt, haben wir längst erraten, aus welcher Richtung er kommt. Als würde der Regisseur seinen Bildern mehr vertrauen als seiner eigenen Geschichte. Was teilweise sogar nachvollziehbar ist.

Wenn es funktioniert: das leise, langsame Grauen

Wir wollen nicht ungerecht sein: Einige Szenen sind richtig gut gelungen. Die stärksten Momente des Films sind die, in denen fast nichts passiert. Nur ein Gegenstand steht an der falschen Stelle, nur ein Geräusch kommt aus dem Nebenzimmer, nur die Puppe schaut ein kleines bisschen anders als eben noch. Diese Art von minimalistischem Horror brennt sich viel tiefer ein als jeder laute Schreckmoment.

Wo es hakt: Schocks nach Schema F

Das Problem: Der Film greift zu oft zum billigsten Mittel, dem plötzlichen, lauten Jumpscare. Das funktioniert eine Weile, doch irgendwann hat man die Choreografie gelernt und zuckt schon vorher zusammen, was genau die Überraschung des Schreckens killt. Dazu ist das Drehbuch ziemlich schematisch: Die Figuren treffen ihre falschen Entscheidungen genau dann und dort, wo es das Regelbuch des Horrorfilms verlangt.

Wer diese Welt zuerst mit The Conjuring kennengelernt hat, dem fällt vermutlich auf, wie viel weniger tief und weniger liebenswert die Familie hier ist. Dort haben wir um die Figuren gebangt, hier eher um unsere eigene Nachtruhe. Die Laufzeit von 99 Minuten ist dafür angenehm straff, der Film zieht nichts unnötig in die Länge.

Puppenhorror, einer der ältesten Albträume des Genres

Warum eignet sich eine Porzellanpuppe überhaupt so gut zum Erschrecken? Weil sie vertraut ist, menschliche Züge hat und trotzdem nicht lebt. Sie steht genau dazwischen, und dieser Zwischenzustand ist es, der uns so unbehaglich macht. Die Filmgeschichte ist voll von dieser Angst, von Chucky aus Child's Play bis zu den Puppen, die in alten Spukhausfilmen auf dem Regal hocken. Annabelle reiht sich in diese Tradition ein und wird ihr in den besten Momenten auch gerecht.

Das Motiv der Schwangerschaft wiederum ist seit Rosemaries Baby eine der stärksten Waffen des Horrors: der Körper, der nicht mehr nur einem selbst gehört, die bedrohte Zukunft und ein Umfeld, das einem nicht glaubt. Der Film nutzt diesen Strang geschickt, auch wenn er ihn nicht ganz ausschöpft.

Für wen ist der Film?

Wenn er dir gefällt, schau auch: The Conjuring (2013), Rosemaries Baby (1968), Child's Play (1988), Sinister (2012), Der Exorzist (1973)

Häufige Fragen

Wann kam Annabelle in die deutschen Kinos?

Annabelle startete am 9. Oktober 2014 in Deutschland.

Worum geht es in Annabelle?

John Form schenkt seiner schwangeren Frau Mia eine alte Puppe. Eines Nachts überfallen Mitglieder einer satanistischen Sekte das Paar, und nach dem Angriff wird im Haus etwas Grauenvolles entfesselt: Annabelle.

Wie lang ist Annabelle?

Der Film hat eine Laufzeit von 99 Minuten.

Wer hat bei Annabelle Regie geführt?

Regie führte John R. Leonetti.

Wer spielt die Hauptrollen in Annabelle?

Mia Form wird von Annabelle Wallis gespielt, John Form von Ward Horton. Außerdem sind Alfre Woodard, Tony Amendola und Eric Ladin zu sehen.

Sollte man Annabelle heute Abend ins Wohnzimmer lassen?

Wenn du nicht die Neuerfindung des Horrors erwartest, sondern eine schön fotografierte, stimmungsvolle und stellenweise wirklich unheimliche Puppengeschichte, dann ja. Annabelle ist kein Meisterwerk und tritt nie ganz aus dem Schatten von The Conjuring heraus, aber das Porzellangesicht der Titelfigur ist so ikonisch, dass es den Film auch über seine schwächeren Momente trägt. Mach das Licht aus, setz dich hin und schau bloß nicht zum Regal. Sie schaut dich sowieso schon an.

Wertung: 6,0/10 · Story 5 · Schauspiel 6 · Regie 6 · Optik 7 · Musik und Ton 7 · Emotionen 5